Bis 2029 soll Poliomyelitis weltweit ausgerottet sein – eigentlich. Denn nun wurden hierzulande Polio-Impfviren im Abwasser mehrerer Städte gefunden. Das RKI und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie appellieren daher, dass kleine Kinder und immungeschwächte Personen ihren Impfstatus überprüfen lassen.
Eigentlich sollte man meinen, dass Poliomyelitis im Jahr 2025 längst ausgerottet sein sollte. Doch Polio ist und bleibt wohl vorerst eine hochansteckende Krankheit. Zwar seien Polio-Wildviren vom Typ 2 und Typ 3 mittlerweile ausgerottet, doch der Polio-Wildvirus Typ 1 werde immer noch in Afghanistan und Pakistan nachgewiesen, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) auf seiner Webseite. Laut RKI betrifft Poliomyelitis vor allem Kinder unter fünf Jahren, nicht ausreichend immunisierte Personen können dauerhafte Lähmungen davontragen. Übertragen werde die Viruskrankheit hauptsächlich fäkal-oral, also über eine Schmierinfektion. In Ländern mit hohen Hygienestandards spiele eine Übertragung über die Atemwege durch Tröpfchen vermutlich eine größere Rolle, da sich die Viren zuerst im Rachen vermehrten, so das RKI. Zwar gilt Europa seit 2002 als poliofrei, doch das heißt keineswegs, dass das Virus keine Gefahr für die Menschen darstellt. In Deutschland funktionieren Abwasseruntersuchungen als ein Frühwarnsystem, das über das mögliche Zirkulieren des Poliovirus in der Bevölkerung informiert: An mehreren Standorten, nämlich in München, Mainz, Köln, Bonn, Düsseldorf, Dresden, Hamburg, Berlin, Stuttgart und Frankfurt, wird regelmäßig das Abwasser auf Polioviren getestet. Bis zuletzt im November und Dezember 2024 eine alarmierende Situation eintrat: In fast allen Städten – bis auf Frankfurt – wurde teils über mehrere Wochen cVDPV2, ein Impfstoff-Derivat des Wildvirus-Typs 2, im Abwasser nachgewiesen. Seit April dieses Jahres gab es erneut Nachweise in mehreren Städten und über mehrere Wochen, schreibt das RKI weiter. „Bei den Polioviren in deutschen Abwässern handelt es sich um den Nachweis von sogenannten Impfviren. Das sind abgeschwächte Viren, die in Lebendimpfstoffen verwendet werden und eine Immunreaktion und damit einen Impfschutz hervorrufen, nicht jedoch eine Erkrankung“, sagt Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Da diese im Abwasser zirkulierenden Impfviren „theoretisch in sehr seltenen Fällen eine Erkrankung hervorrufen können“, sollten wir verstärkt darauf achten, „einen ausreichenden Impfschutz in der Bevölkerung“ zu erreichen, argumentiert der in Berlin niedergelassene Kinder- und Jugendarzt. Lange Zeit waren keine Polioviren im Abwasser nachweisbar, denn in Deutschland werden bei Impfungen gegen Polio seit Langem keine Lebendviren verwendet. „Der Nachweis gelingt nun vermehrt dadurch, dass die Anzahl der Geflüchteten aus Ländern zunimmt, in denen noch mit den Lebendviren geimpft wird“, erklärt Jakob Maske.
Bislang keine klinischen Fälle bekannt
Außerdem entdeckten Wissenschaftler eine interessante Analogie: Der Impfvirusstamm im deutschen Abwasser ähnelt einem in Nigeria gefundenen Virusstamm. „Seit dem Jahr 2000 sind mehrere Tausend Fälle bekannt geworden, bei denen Virus-Mutationen des oralen Impfvirus leider wieder Polio-Infektionen ausgelöst haben“, sagt Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé, stellvertretende Vorsitzende der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland beim Robert Koch-Institut. Allerdings traten die Fälle nicht nur in Ländern mit einer niedrigen Impfquote auf, sondern auch in der westlichen Welt. Bislang wurden dem RKI keine klinischen Fälle von Poliomyelitis gemeldet (Stand: 15. September 2025). Klar ist aber auch: Mit einer Impfung kann man sich selbst am besten vor einer Erkrankung schützen. In Deutschland unterscheiden sich je nach Region die Polio-Impfquoten. Wie das RKI in seinem Epidemiologischen Bulletin vom 12. Dezember 2024 dokumentiert, reicht bundesweit die aktuelle Polio-Impfquote des Geburtenjahrgangs 2021 im Alter von 24 Monaten von 43 bis 90 Prozent. Nur in einem Kreis liegt sie bei 90 Prozent, in 169 Kreisen zwischen 80 und 90 Prozent, in 220 Kreisen bei 60 bis 79 Prozent und in zehn Kreisen sogar nur bei 40 bis 59 Prozent. Zu den Ländern mit den höchsten Impfquoten gehören Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Baden-Württemberg, Sachsen und Bremen weisen die niedrigsten Impfquoten auf. Und: Kein Bundesland erreicht eine Impfquote von 90 Prozent und mehr, schreibt das RKI weiter. „Wir werden die 95 Prozent möglicherweise nicht erreichen, da insbesondere bei den Kindern vieler Geflüchteter die Impfungen nicht vollständig vollzogen wurden“, sagt Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé. In Kriegsgebieten wie zum Beispiel in der Ukraine und im Gazastreifen gebe es „viele Kinder, die nicht den vollständigen Impfschutz erlangen konnten“, sagt Uta Meyding-Lamadé, die auch Mitglied in der Kommission Neuroinfektiologie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist. Laut dem Impfplan der Ständigen Impfkommission sollte die erste Polio-Impfung mit zwei Monaten erfolgen. Diese wird im Alter von vier und elf Monaten wiederholt. Besonders dabei ist: Der Abstand zwischen zweiter und dritter Impfung sollte mindestens sechs Monate betragen. Zwischen dem neunten und 16. Lebensjahr sollte die Impfung letztmalig aufgefrischt werden.
Wer sollte sich impfen lassen?
Auch immunabwehrgeschwächte Menschen sollten ihren Impfstatus überprüfen lassen, rät die DGN. „Diese vulnerable Gruppe unterliegt grundsätzlich einer höheren Infektionsgefahr als gesunde Menschen“, erklärt Uta Meyding-Lamadé. Der Expertin zufolge ist eine Übertragung, also eine Infektion mit den abgeschwächten, im Abwasser zirkulierenden Impf-Derivaten, durchaus denkbar. Vor dem Hintergrund der erneuten Funde im Frühjahr in allen zehn Städten wurden mehrere außerordentliche Sitzungen der Nationalen Polio-Kommission einberufen. Über die angespannte Lage wurden die Deutsche Krankenhausgesellschaft, medizinische Fachgesellschaften und Medienvertreter informiert. „Wir wollen natürlich keine Panik in der Bevölkerung auslösen. Diejenigen, die ihre üblichen Impfungen in der Kindheit bekommen haben, müssen sich überhaupt keine Sorgen machen. Es geht nur um den kleinen Teil der nicht geimpften Kleinkinder, der tatsächlich gefährdet ist, und um die Immunabwehrgeschwächten, die möglicherweise keinen vollständigen Impfstatus haben“, erzählt Uta Meyding-Lamadé. Die Polio-Expertin empfiehlt darüber hinaus auch Menschen, die in der Entwicklungshilfe in Afghanistan oder Pakistan tätig sein wollen, vom Hausarzt oder Betriebsarzt des Gesundheitsamtes prüfen zu lassen, ob der Impfstatus vollständig ist. Menschen ohne Impfpass, die in Deutschland leben, sollten „im Zweifelsfall niedrigschwellig geimpft werden“, sagt sie.
Immer wieder wird über Polio-Ausbrüche berichtet, so etwa im August 2024 über den ersten Polio-Fall im Gazastreifen. Betroffen war ein ungeimpfter, zehn Monate alter Säugling in Deir al-Balah, im Zentrum des Gazastreifens gelegen. Zwei Jahre zuvor erkrankte ein 25-jähriger, ungeimpfter Mann in Rockland County im US-Bundesstaat New York an Polio. „Das zeigt: Potenziell besteht eine erhöhte Infektionsgefahr bei Menschen, die nicht geimpft sind. Aber der Großteil der deutschen Bevölkerung ist geimpft und muss sich tatsächlich keine Sorgen machen“, betont Uta Meyding-Lamadé. Auch in Afghanistan und Pakistan kommt es gelegentlich zu nachgewiesenen Polioinfektionen – wenn auch nur wenige pro Jahr. In beiden Ländern könne man sich mit dem Wildtyp 1 und mit Virus-Mutationen anstecken.
Die Expertin von der DGN lobt die globale Polio-Ausrottungsstrategie, die Global Polio Eradication Initiative (GPEI), denn mithilfe ihrer Impfprogramme konnten weltweit 1,5 Millionen Todesfälle und 16 Millionen Erkrankungen verhindert werden. „Es ist so, dass die Infektion, also der Kontakt mit dem Virus, nur in ungefähr 0,1 Prozent der Fälle zu Lähmungen führt“, erläutert sie. Mindestens 30 Prozent der Erkrankten behielten Folgeschäden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzte sich 1988 das Ziel, die Poliomyelitis auf der ganzen Welt auszurotten – zu einem Zeitpunkt, als es in 25 Ländern endemische, also in bestimmten Regionen auftretende Poliofälle gab. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Nach den USA 1995 wurden 2014 Indien, 2017 Südostasien und 2020 Afrika weitestgehend poliofrei. Doch zu tun bleibt nach wie vor viel. „Im Augenblick bin ich skeptisch, ob man es schaffen wird eine komplette Eradikation zu schaffen. Das Ziel wird tatsächlich immer weiter nach hinten geschoben. Jetzt soll es 2029 so weit sein, ursprünglich hatte man gehofft, 2026 erfolgreich zu sein“, sagt Uta Meyding-Lamadé. Letztlich komme es aber nicht darauf, an das 100-Prozent-Ziel zu erreichen, sondern weltweit die Fallzahlen einzudämmen.