Das Umwelt-Fotofestival „Horizonte Zingst“ widmet sich in diesem Jahr dem Thema „Ressourcen“, zu sehen bis Ende Oktober in Hamburg. Besonders gefragt waren die Ideen von Kindern für eine nachhaltige Zukunft, so die Kuratorin Edda Fahrenhorst.
Hohe Eisenträger, Stahlsäulen, alte Industrielampen, abbröckelnde Wandfarbe. Diente die morbid anmutende Panzerhalle einst der ehemaligen DDR-Garnison Zingst, sind heute hier großformatige fotografische Bilder ausgestellt. Was vor 18 Jahren begann, hat sich zu einer international beachteten Veranstaltung entwickelt. Und das nicht nur während des zehntägigen Festivals, sondern das ganze Jahr über. Nach den Themen Wasser, Ernährung sowie Flora und Fauna geht es in diesem Jahr um das vielschichtige Thema Ressourcen, um Rohstoffe.
Fotografie als Umweltbotschafter
In elegantes Schwarz gekleidet und mit voluminösem graublondem Lockenkopf ist sie nicht zu übersehen: die Kuratorin des Festivals, Edda Fahrenhorst. „Zum Thema Ressourcen überlegten wir, was uns den Komfort und Luxus unseres alltäglichen Lebens eigentlich sichert. Was brauchen wir tatsächlich, um so zu leben, wie wir leben? Heizen im Winter, gutes, frisches Essen auf dem Tisch, eine schöne Wohnung, jederzeit mobil sein. Die Liste der Annehmlichkeiten ist lang wie die der Rohstoffe, die wir für all das benötigen. Wir brauchen Holz, Steine, Gas, Öl, Kupfer, Kobalt, Lithium, Nickel, Silizium. Alles Rohstoffe, die wir der Erde entnehmen“, so die Kuratorin. „Wenn man tiefer in das Thema abtaucht, erkennt man schnell, dass sich die Menschheit angewöhnt hat, sich recht gedankenlos an den Ressourcen zu bedienen. Doch zu welchem Preis? Und wer soll diesen Preis zahlen?“
Betroffen seien vor allem Menschen, die global bereits in sozial prekären Lebensverhältnissen und Strukturen leben. Ihre Länder liegen weit entfernt, doch die Spuren des Abbaus von Rohstoffen für die globale Energiewirtschaft sind dramatisch sichtbar. Eindrucksvoll abgebildet von Davide Monteleone. Barfüßige Arbeiter mit einfachstem Arbeitsgerät in kaum gesicherten Stollen. Verseuchtes Wasser. Verwüstete und vergiftete Landstriche. Der deutsche Fotograf Tom Hegen zeigt spektakuläre Luftbildaufnahmen des antarktischen Eisschilds, der durch verstärktes Abschmelzen an Masse verliert und auf dessen Oberfläche schmelzende Wasserflüsse und Seen entstehen. Oder der Trockenfeldbau in Spanien. Die Mineralgewinnung in einem ausgetrockneten Seebett in den USA. Heiße Sommermonate und geringe Niederschläge, die Landwirte vor große Herausforderungen stellen. Die kanadische Fotografin Sarah Palmer setzt sich mit den beliebten Kreuzfahrt-Urlaubsreisen auseinander. Viele der Kreuzfahrtschiffe produzieren so viel Umweltverschmutzung wie eine ganze Stadt. Ebenso untersucht sie den „Last-Chance-Tourismus“, das Reisen an Orte, die durch die Klimakrise irreparabel verändert werden und ganz zu verschwinden drohen. Berühmte Gletscher, Korallenriffe, die Polarregionen oder auch Inselgruppen wie die Malediven, die allmählich im Meer versinken.
Installationen besonderer Art führen nach Kongo. Die Demokratische Republik verfügt über eines der reichsten Vorkommen an Gold, Diamanten, Kobalt und Öl weltweit. Meist kommen diese jedoch als Abfall aus den Industrieländern, die das Recycling billig auslagern, zu ihnen zurück. Kongo ist voll von Abfällen. Mobiltelefone, Plastiktüten, Elektrokabel, Metallkappen, Reifen, Dosen, überbordender Hausmüll. In den Slums von Kinshasa entstand eine Bewegung von Künstlern, die inmitten des Abfalls nicht nur überleben, sondern bewusst mit ihren traditionellen Bräuchen leben, wie mit der afrikanischen Maske, die dem Träger übernatürliche und spirituelle Kräfte verleihen soll. Die Künstler bauen mannshohe Figurinen und mumienartige Maskeraden, Installationen aus weggeworfenen Materialien, durch die sie ihren Zorn mit kreativer Würde und Eleganz zum Ausdruck bringen.
Zeit und Geld
Neben den materiellen wurden auch immaterielle Ressourcen in den Fokus gesetzt. Soziale Beziehungen. Geldflüsse. Steueroasen. Steuerflucht. Schattenbereiche der Finanzwelt. Auf der einen Seite die Milliarden in der Hand von Wenigen. Daneben die Armut auf den Kaimaninseln, das Elend der sozial Schwachen in Singapur oder Hongkong. Steueroasen sind längst fester Bestandteil des Wirtschaftssystems, nicht nur für wohlhabende Privatleute, die ihr Vermögen im Ausland bunkern, sondern auch für Stiftungen und Konzerne.
„Kinder, wo ist nur die Zeit geblieben?“, fragt man sich oft beim Blick ins Fotoalbum oder in alte Tagebücher. Zeit lässt sich nicht aufhalten, vergeht ohne unser Zutun. Ehe wir uns versehen, sind unsere Kinder und Enkel groß geworden. Eltern sterben, und auch wir selbst altern. Der Körper baut ab. Einfühlsame Schnappschüsse über 27 Jahre hinweg beschreiben das Abschiedsritual der Fotografin Daenna Dikeman nach den Besuchen bei den Eltern. Das liebevolle Winken der älter und alt gewordenen Eltern ist ein berührendes Zeugnis für den schleichenden, aber unaufhaltsamen Abschied von Vater und Mutter. „Back to the future“ ist ein humorvoller Blick auf den Lauf der Zeit und wie sie uns verändert. Aufnahmen von Kindern werden Jahre später mit gleicher Kleidung nachgestellt, als sie bereits jugendlich oder erwachsen sind. Genauso frisiert und porträtiert wie im Original. Ein faszinierender, fröhlicher Einblick in den Alterungsprozess. Auch wenn sich das Aussehen verändert hat, scheint ihr kindliches Gebaren, ihr fröhlicher Geist derselbe geblieben zu sein.
In der Serie „Zerliebt“ geht es um einen Hasen, das Lieblingskuscheltier in Kinderjahren, wie es auch ein Teddybär oder Plüschtier sein könnte. Der Vertraute, Spielgefährte und treue Begleiter in jeder Lebenslage. Die Fotos dokumentieren die kindlichen Seelentröster im Laufe der Jahre mit ihren vielen Gebrauchsspuren. Verschlissenes Plüsch, verblasste Farbe, zerrissene Barthaare, herabhängende Schlappohren. Daneben im Vergleich ein neuwertiger Doppelgänger.
Kinder als wichtigste Ressource
Überall ist Edda Fahrenhorst anzutreffen: vor den großen Ausstellungen im ganzen Ort, in den Galerien und sogar am Ostseestrand. Sie liefert letzte organisatorische Gestaltungsideen. Gibt Interviews. Moderiert. Diskutiert. Hört zu. Wägt ab. Von Smalltalk kann keine Rede sein. Nicht nur während des zehntägigen Festivals, sondern auch danach, das ganze Jahr über, wird die Kraft der Fotografie genutzt, dieses Jahr mit dem Blick in Richtung Zukunft. So würden zu den wichtigsten Ressourcen unserer Erde nicht zuletzt auch die Kinder und Jugendlichen aus aller Welt zählen. „Wenn wir uns mit unseren Ressourcen auseinandersetzen, haben wir vor allem die kommenden Generationen im Blick. Wir müssen uns klar machen, dass wir für unsere Kinder die Verantwortung dafür tragen, eine Welt zu erhalten, in der auch sie leben können.“
Der renommierte Fotograf Jan von Holleben hat während des Festivals die Zukunftswünsche von 489 Mädchen und Jungen aus der Region Fischland-Darß fotografisch umgesetzt. „Die kreativen Köpfe machten sich Gedanken, was wir zu viel haben und was zu wenig und was unbedingt noch erfunden werden sollte“, berichtet Edda Fahrenhorst. Unter dem Ausstellungstitel „Regenbogenroboterweltraumeis“ kam allerlei ans Licht. So wünschen sich die Kinder Regenbogenloopings, Roboter, die für faire Wahlen sorgen, oder Raketen, mit denen man in den Weltraum fliegen kann, um dort Eis zu essen. Bunt und kraftvolle Installationen sind so entstanden, schwimmende Wassermüllsauger, Raketenschuhe, die „Gigaforschungsstation“, der „Realitätstransformator“ sowie ein „Schrumpfkoffer“ oder der „Zeitwunschkatalystor“.
Alles dreht sich um die Fotografie
Zu sehen sind sämtliche Fotoschauen in den Open-Air-Bereichen, am Strand und in den Galerien. Sogar die Strandausstellung blieb über den Sommer hinaus stehen und ist noch bis Ende Oktober zu sehen. „Das ist außergewöhnlich, dass ein so kleiner Ort sich zu solch einer Art des Ausdrucks bekennt. Die Bühne, die der Fotografie gegeben wird, ist fantastisch und keine Selbstverständlichkeit“, meint Edda Fahrenhorst. Für die Kuratorin ist es immer wieder spannend, herauszufinden, wie individuell Bilder und Bildsprachen entstehen und wie Bildsuchende und Bildschaffende aus diversen Genres zusammengebracht werden können. „Ich schaue zum einen auf die Inhalte, die mich bewegen, und zum anderen auch auf die gestalterische Umsetzung, auf Farben, Bildaufteilung und vieles mehr. Ich frage mich immer, wie es der Fotokünstler oder die Fotokünstlerin mit ihrem Bild geschafft hat, die Aussage zu transportieren. Ich sehe, wie sich dabei auch ihr Herz geöffnet haben muss, und wenn das mit meinem Herzen kompatibel ist, dann gibt es ein ‚Match‘.“
Edda Fahrenhorst lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Und sie ist Bildredakteurin, Kuratorin, Projektmanagerin und Agentin, die zwischen Fotografierenden und Bildsuchenden vermittelt, Ausstellungskonzeptionen entwickelt, über neue freie Projekte nachdenkt. Obendrein ist sie Mitinhaberin einer Agentur für Unternehmenskommunikation in Hamburg. Seit 2020 ist sie die Künstlerische Leiterin des Umwelt-Fotofestivals Horizonte Zingst und des ganzjährigen Ausstellungsprogramms im Ort. „Beruflich wie privat dreht sich bei mir alles um die Fotografie“, bekennt Edda Fahrenhorst. Es berührt sie, „dass Menschen wirklich in Themen so tief hineingehen, sie verstehen und an uns Außenstehende transportieren. Es sind außergewöhnliche Charaktere, die das machen. Mit solchen Menschen zu arbeiten, das ist für mich ein großes Privileg.“