Bei der ersten Weltmeisterschaft der Radprofis auf afrikanischem Boden steht nicht nur für Tadej Pogacar und Co. viel auf dem Spiel. Sollte das Event ein Erfolg werden, könnte es für einen Radsport-Boom sorgen. Doch es kann auch in die andere Richtung kippen.
Sollten sich die deutschen Radprofis vor der Weltmeisterschaft in Ruanda beim Auswärtigen Amt über das ostafrikanische Binnenland informiert haben, könnten sie mit einem mulmigen Gefühl dorthin abgereist sein. „Seien Sie angesichts möglicher Aktivitäten terroristischer Gruppen in Ruanda besonders wachsam“, steht unter anderem auf der offiziellen Internetseite des Auswärtigen Amtes. Im Grenzgebiet zur Demokratischen Republik Kongo und zu Uganda könne es aufgrund der angespannten Konfliktlage zu „bewaffneten Überfällen“ kommen. Die Welttitelkämpfe im Straßenradsport finden zum Glück nicht in besagten Grenzregionen statt, sondern in der Mitte des Landes – in Ruandas Hauptstadt Kigali. Trotzdem wird die erste Rad-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden vom 21. bis zum 28. September stark vom Thema Sicherheit begleitet werden. Für Ruanda und ganz Afrika steht viel auf dem Spiel.
Für Ruanda steht viel auf dem spiel
Dem Land wird vorgeworfen, eine Rebellengruppe der Demokratischen Republik Kongo zu unterstützen. Es geht um den Kampf gegen das Militär, um Bodenschätze – und um viele Gräueltaten und Tote. Ruandas Präsident Paul Kagame weist die Vorwürfe zurück –
aber wie viel ist sein Wort wert? Kagame gilt als Autokrat, der sich nach drei Jahrzehnten an der Macht für unantastbar hält und auch entsprechend regiert. Eine wirkliche Opposition gibt es in dem Land mit etwa 14 Millionen Einwohnern nicht – auch, weil Regierungsgegner verfolgt und unterdrückt werden. Eine wirklich freie Presse existiert genauso wenig wie freie Wahlen.
Doch Ruandas Regierung hat es geschafft, ein wirtschaftliches Netzwerk mit westlichen Staaten aufzubauen – durch Entwicklungshilfe auf der einen, aber auch durch clevere Investitionen auf der anderen Seite. Selbst zu einem Sponsoring mit dem FC Bayern München war es gekommen. Der Slogan „Visit Rwanda“ war unter anderem in der Allianz Arena zu sehen. Doch es kam starke Kritik an dem Deal auf. Unter anderem forderte die Außenministerin der Demokratischen Republik Kongo, Thérèse Kayikwamba Wagner, den FC Bayern auf, seine „blutigen“ Sponsorenverträge mit Ruanda angesichts der Menschenrechtsverletzungen und der humanitären Krise im Land zu beenden. Die Bayern wandelten schließlich das Sponsoring in eine „Zusammenarbeit über Nachwuchsförderung“ um. Der Slogan ist aus der Arena mittlerweile verschwunden.
Auch der WM sollte es an den Kragen gehen. Anfang des Jahres hatte das Europäische Parlament in einem Entschließungsantrag gefordert, dass das Event in Kigali abgesagt werden müsse, „wenn Ruanda seinen Kurs nicht ändert“. Doch Präsident David Lappartient vom Weltverband UCI betonte stets: „Es gibt keinen Plan B.“ Im 125. Jahr nach der Gründung der UCI sei es ein Traum, die WM erstmals in Afrika austragen zu können. Daran werde man festhalten, so Lappartient. Der Sport müsse sich angesichts der politisch heiklen Weltlage neutral halten. Das belgische World-Tour-Team Soudal/Quick-Step sah es etwas anders und verzichtete im vergangenen Februar – offiziell aus Sicherheitsgründen – auf einen geplanten Start bei der „Tour du Rwanda“. „Es ist bedauerlich für unser Entwicklungsteam, aber manchmal gibt es wichtigere Dinge als Rennen“, sagte Team-CEO Jürgen Foré. „Die Etappen drei und vier kommen nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt an, an dem sich die Rebellen aufhalten – es sind vielleicht 50 Kilometer.“
Fahrer haben Bedenken
Einige Nationen beklagten zudem die hohen Hotelkosten. Die Preise würden demnach sogar über denen der Vorjahres-WM in der Schweiz liegen. Deswegen überlegten einige Verbände, ihre U23-Fahrer aus Kostengründen zu Hause zu lassen. Auch das Thema Gesundheit sorgt für Gesprächsstoff: Die Fahrer sollten bei einem Start in Ruanda unter anderem gegen Malaria, Hepatitis A und Gelbfieber geimpft sein. „Die Fahrer haben da Bedenken, wie sich das auf ihre Leistungen auswirken könnte“, sagte Frederik Broché, Technischer Direktor des belgischen Verbandes. Bei der WM wird der belgische Radsportverband jedoch in allen Kategorien antreten. Belgien hatte im Konflikt Ruandas mit dem Kongo eine klare Position eingenommen, woraufhin es zu heftigen politischen Spannungen gekommen war. „Wir haben sowohl vom Außenministerium als auch von der UCI die Garantie erhalten, dass wir in Ruanda willkommen sind“, sagte Verbands-Geschäftsführerin Nathalie Clauwaert.
Auch der deutsche Radsportverband German Cycling lässt die WM nicht aus. Bei den Männern schickt er ein sechsköpfiges Team an den Start, angeführt vom Deutschen Meister Georg Zimmermann und Routinier Maximilian Schachmann. Nicht mit dabei ist Senkrechtstarter Florian Lipowitz, obwohl der Sensations-Dritte der vergangenen Tour de France gerne in Ruanda gefahren wäre. „Eine WM ist immer etwas Besonderes, und ich glaube, jeder deutsche Fahrer freut sich, wenn man da nominiert wird und für sein Land an den Start gehen kann“, hatte der 24-Jährige gesagt. Doch nach Rücksprache mit seinem Team und Arbeitgeber Red Bull/Bora-Hansgrohe entschied sich Lipowitz zum Verzicht. Für den Angriff aufs Regenbogentrikot hätte die Vorbereitungszeit nicht gereicht. Zudem sind eine Reise und ein Wettkampf in Afrika mit anderen Risiken und Unwägbarkeiten behaftet als beispielsweise in Europa.
Lipowitz ist nicht der einzige Star, der bei der WM fehlt. Auch der Däne Jonas Vingegaard, der Belgier Wout van Aert und der Niederländer Mathieu van der Poel lassen die Titelkämpfe aus. Vingegaard hatte sich erst kürzlich bei der Spanien-Rundfahrt Vuelta den Frust von seiner Tour-de-France-Niederlage im Duell mit Tadej Pogacar aus den Beinen gefahren. Das Regenbogentrikot wäre wohl eine noch größere Genugtuung gewesen – doch den Angriff auf das Weltmeister-Jersey blies Vingegaard entgegen seiner ursprünglichen Planung ab. „Man muss völlig fit sein, wenn man dieses Jahr zur WM kommt. Das verlangt den Fahrern wirklich viel ab, und wir wissen nicht, wie ich aus der Vuelta herauskomme“, begründete er.
Der slowenische Rad-Dominator Pogacar lässt die WM im Gegensatz zu seinem Dauerrivalen nicht aus. Er will seinen Titel aus dem Vorjahr unbedingt erfolgreich verteidigen und erneut ins prestigeträchtige Regenbogentrikot des Weltmeisters schlüpfen. Das Streckenprofil für das Straßenrennen am 28. September spricht für einen erneuten Pogacar-Sieg: Mehr als 5.000 Höhenmeter müssen die Fahrer überwinden, selten zuvor war ein WM-Rennen vom Profil her so hügelig. Nicht umsonst wird Ruanda auch als „Land der tausend Hügel“ bezeichnet. Kletterer wie Pogacar sind hier klar im Vorteil. Insgesamt 15 Runden müssen beim Herren-Eliterennen absolviert werden, dazu eine Zusatzschleife über den Mont Kigali und die Mur du Kigali mit dem gefürchteten Kopfsteinpflaster. Und noch etwas spricht für Pogacar: Im slowenischen Aufgebot steht auch Primoz Roglic. Der Red-Bull-Kapitän hatte Pogacar schon im Vorjahr in Zürich bei dessen Triumph wertvolle Helferdienste geleistet. Laut Medienberichten will Pogacar sogar schon im Einzelzeitfahren am 21. September starten und womöglich einen Angriff auf Doppel-Gold wagen.
Ruanda ist ein Fahrradland
Für Deutschland treten im Kampf gegen die Uhr über 40,6 Kilometer mit 680 Höhenmetern Miguel Heidemann und Maximilian Schachmann an. Ein deutscher WM-Sieg bei den Männern wäre eine Sensation. Im Straßenrennen wartet Deutschland gar seit 1966 auf einen Weltmeister – damals gewann Rudi Altig. Deutlich besser sind die Aussichten bei den Frauen, bei denen Liane Lippert, Ricarda Bauernfeind, Franziska Koch und Antonia Niedermaier ein starkes Quartett bilden. Im Zeitfahren rechnet sich die 22-jährige Niedermaier Medaillenchancen aus: Sie holte in dieser Spezialdisziplin in den vergangenen beiden Jahren WM-Gold im U23-Altersbereich.
Die deutschen und anderen internationalen Fahrer dürften begeistert empfangen werden. Ruanda ist durchaus ein Fahrradland: Viele Menschen sind hier auf das Gefährt angewiesen, um damit zur Schule oder zur Arbeit zu kommen. Dabei handelt es sich natürlich nicht um Hightech-Räder, wie sie die Radprofis benutzen, sondern um simple Fahrräder – oft sogar ohne Gangschaltung. Aber die Faszination für den Radsport ist in dem Land weit verbreitet. Auch deswegen etablierten die US-Amerikaner Jonathan Boyer und Kimberly Coats hier das Team Africa Rising. Coats hatte nach dem Vorstoß des Europäischen Parlaments wegen einer WM-Absage gewarnt: „Wenn wir dieses Rennen verlieren, wenn die Europäer das forcieren, wird es den afrikanischen Radsport zerstören.“ In diesem Fall würde der afrikanische Radsport Jahrzehnte brauchen, um sich „davon zu erholen“.
Im Idealfall aber wird die WM ein Erfolg, und der Radsport in Ruanda wie in ganz Afrika wird mittelfristig auf ein neues Level gehoben. Ruandas Hauptstadt Kigali hatte sich bei der Wahl 2021 gegen den marokkanischen Bewerber Tanger durchgesetzt. Mit der „Tour of Ruanda“ sammelt das ostafrikanische Land seit Jahren wertvolle Erfahrungen mit der Organisation von Radsport-Wettkämpfen im Profibereich. Die großen Investitionen in die (Sport-)Infrastruktur machen sich bemerkbar. „In Italien können sie von solchen Straßenbelägen ohne jegliches Loch nur träumen“, sagte Tino Eicher, der eine Delegation des Schweizer Radsportverbandes anführte, die sich vor Monaten vor Ort ein Bild der Zustände gemacht hatte. Und auch für die WM-Begeisterung sei gesorgt, meinte Eicher: „Die Leute freuen sich extrem, dass die Radsportwelt zu ihnen ins Land kommt.“ Der Radsport habe in Ruanda einen hohen Stellenwert und sei „neben Fußball die wichtigste Sportart des Landes“.