Mit „De Profundis“ von Oscar Wilde ist dem Schauspieler Jens Harzer ein grandioser Start am Berliner Ensemble gelungen. Harzer beeindruckte bisher nicht nur durch seine Theaterrollen, sondern unter anderem auch in den Serien „Babylon Berlin“ und „Next Level“.
Manchmal brauchen wir Normalsterblichen Geschichten, die uns davon erzählen, dass auch für uns alles möglich ist – eigentlich, vielleicht. Diese Geschichten handeln von Menschen, die erfolgreich sind und beliebt, zu denen wir womöglich sogar aufschauen, weil sie uns tief beeindrucken, vielleicht auch irritieren. Auch über Jens Harzer erzählt man sich so eine Geschichte: Als Schüler engagierte sich der 1972 Geborene in der Theater-AG seiner Schule. Jens Harzer wollte Schauspieler werden. Mit 19 Jahren bewarb er sich deshalb an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Die Prüfungskommission habe Zweifel daran gehabt, ob es sinnvoll sei, dem jungen Mann einen der begehrten Ausbildungsplätze zu überlassen. Harzer, so wird erzählt, habe zu zurückhaltend auf die Kommissionsmitglieder gewirkt.
Gut drei Jahrzehnte später: Jens Harzer steht auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm, das Publikum hat sich zum tosenden Applaus erhoben. Harzer lächelt, er wirkt gerührt, aber auch etwas verlegen. Man hat eine Ahnung davon, was die Prüfungskommission an ihm irritiert hat. Vielleicht ist der 53-Jährige auch nur erschöpft. Schließlich hat er knapp zwei Stunden lang auf einer Fläche von nur etwa einem Quadratmeter die Seele eines anderen von innen nach außen gestülpt: Oscar Wilde. Mit dessen Schrei aus der Tiefe, „De Profundis“, einem Brief aus dem Gefängnis, an den Mann, den er liebte und immer noch liebt, der aber zumindest dazu beigetragen hat, ihn, den Lebemann, den Autor, den Poeten, in die Tiefe zu stürzen.
Den von Mirko Bonné ins Deutsche übersetzten Monolog haben Jens Harzer und der Regisseur und Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, ausgewählt, um den Einstand Harzers an eben diesem Theater zu zelebrieren. Reese hat Harzer, der für ihn „zu den prägendsten Künstlern seiner Generation“ gehört, die große Bühne für sich alleine gegeben – und seinen Spielraum mit dem Bühnenbild von Hansjörg Hartung gleichzeitig auf den Raum beschränkt, den eine enge Kammer, nur gut einen mal einen Meter groß, ihm lässt. Und Jens Harzer nutzt den minimalen Raum für maximale Schauspielkunst.
Träger des Iffland-Rings
Jens Harzer und Oliver Reese – das scheint zu funktionieren. Das scheint eine Theater-Beziehung zu sein, die trägt. Solche Beziehungen, Menschen, die er versteht, die ihn verstehen und daraus großes Theater machen – das scheint Jens Harzer wichtig zu sein. Jörg Hube war so ein Mensch. Er war Leiter der Otto-Falckenberg-Schule und hat in Harzer etwas entdeckt, was die Kommissionsmitglieder übersehen haben. Hube, so geht die Geschichte weiter, hat mit Harzer die Rolle des St. Just aus „Dantons Tod“ eingeübt. Harzer bestand die Aufnahmeprüfung.
Was folgte, ist die Geschichte einer beispiellosen Karriere: Noch vor Ende der Ausbildung wechselte Harzer an die benachbarten Münchner Kammerspiele und traf dort wieder auf einen Theatermenschen, der für Magie sorgte: Dieter Dorn. Dorn, nicht nur Intendant der Kammerspiele, sondern auch einer der profiliertesten Regisseure, förderte Harzer, der – so geht es weiter in dieser Geschichte – sich ihm in seiner „Sprachversessenheit“ verbunden fühlte. An den Münchner Kammerspielen begegnete Jens Harzer dann einem weiteren Mann, der für ihn wichtig werden sollte: Bruno Ganz. Beide spielten 1996 in der Uraufführung des Stücks „Ithaka“ von Botho Strauß. Dorn, der Regie führte, habe Harzer gebeten, für einen Kollegen einzuspringen und den Sohn des Odysseus zu spielen. Odysseus, das war Bruno Ganz, der große Bruno Ganz. Harzer und Ganz sollten danach nie wieder gemeinsam auf der Bühne stehen, sie blieben sich aber eng verbunden.
Bruno Ganz drückte diese Verbundenheit durch ein besonderes Erbe aus: Nach seinem Tod 2019 wurde bekannt, dass er verfügt hatte, dass Jens Harzer sein Nachfolger als Träger des Iffland-Rings sein soll. Der Inhaber dieses Rings gilt als einer der besten Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Karin Bergmann, die Intendantin des Wiener Burgtheaters, auf dessen Bühne der Ring an Harzer überreicht wurde, bezeichnete die Auszeichnung als ein „geheimes Vermächtnis“, das unbeeinflusst von dem, was Journalistinnen und Journalisten schreiben, und jenseits der öffentlichen Meinung weitergereicht werde.
Der Schriftsteller Peter Handke sprach in seiner Festrede über das Geheimnis der Schauspielkunst: „Es ist nicht Menschenkenntnis, sondern es ist Menschenerkenntnis im Moment des Spiels.“ Und der Intendant des Schauspielhauses Bochum, Johan Simons, würdigte als Laudator die Präsenz Harzers auf der Bühne, den es zu beobachten lohne, auch wenn er scheinbar nur ruhig in der Ecke sitze.
In der Ecke seiner Zelle auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm Anfang dieses Monats bestätigt Jens Harzer genau das. Auch wenn er innehält, ist er nicht einfach atemlos. Er ist da – um im nächsten Moment einen Satz zu sagen wie: „ Kunst beginnt, wo Nachahmung aufhört.“ Und für einen Augenblick scheint es, dass Jens Harzer nicht nur den Text von Oscar Wilde spricht, sondern Oscar Wilde ist.
Dabei schien die Chemie in Berlin erst mal nicht zu stimmen – zumindest nicht die zwischen Jens Harzer und Thomas Ostermann, an dessen Schaubühne er 1999 wechselte. Nach nur einer Produktion kehrte Harzer zu Dieter Dorn nach München zurück. Als Dorn 2001 innerhalb Münchens von den Kammerspielen ans Residenztheater wechselte, nahm er Harzer mit.
Schauspieler des Jahres
In Berlin fiel Harzer während dieser Zeit dennoch auf. In einem Gastspiel begeisterte er das Publikum des Deutschen Theaters 2008 in der Rolle des Arztes Michail Lwowitsch Astrow in Jürgen Goschs Inszenierung von „Onkel Wanja“. Auch die Kritikerinnen und Kritiker waren hin und weg. Die Jury der Zeitschrift „Theater Heute“ kürte das Stück zur „Inszenierung des Jahres“. Harzer wurde zusammen mit Ulrich Matthes, der im selben Stück den Onkel Wanja spielte, zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt.
2009 trennten sich die beruflichen Wege von Jens Harzer und Dieter Dorn. Harzer wechselte ans Thalia Theater nach Hamburg. Auch unter Intendant Joachim Lux feierte er Erfolge. Unter anderem wurde er 2001 für seine Rolle des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ erneut als „Schauspieler des Jahres“ ausgezeichnet.
Nun also Berlin. Wobei Jens Harzer hier bereits denen, die nicht ins Theater gehen, aufgefallen sein sollte. Er spielte in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ den mysteriösen Arzt und Bruder von Kommissar Gereon Rath. In der ARD-Serie „Next Level“ verkörpert er den Investor Bodo Brenner, der eine dunkle Vergangenheit im Ostteil der Stadt hat und offenbar Berlin zurückkaufen will.
Kaufen muss Jens Harzer Berlin nicht. Er hat andere Möglichkeiten, diese Stadt zu erobern. Und man wird sich Geschichten erzählen über diesen Mann, fantastische Geschichten.