Für die Liebe der Zukunft braucht es nicht einmal mehr Menschen – das ist die Ausgangslage des Films „Love Me“. Hier bandeln eine Boje und ein Satellit an.
Um das Jahr 2600: Die Erde liegt in Schutt und Asche, Menschen gibt es nicht mehr. Die rund einminütige animierte Sequenz zum Einstieg, die fünf Milliarden Jahre ebenso knapp wie pointiert zusammenfasst, suggeriert etwas wie einen großen Krieg. Es scheint nur noch eine Boje (Kristen Stewart) zu existieren. Diese erwacht aus ihrem Stand-by-artigen Modus und erblickt einen Satelliten (Steven Yeun), der seine Kreise am Himmel zieht. Sie schreitet zur Kontaktaufnahme – und es zeigt sich, dass die Liebe weder für Menschen noch für Roboter sonderlich einfach ist.
Avatare und animierte Szenen
Schon diese Ausgangssituation zeigt die Exzentrik des Films „Love Me“, der nun auf Streamingplattformen zur Leihe erschienen ist. Und die restlichen rund 92 Minuten unterstreichen diesen ersten Eindruck immer wieder aufs Neue. Es entspinnt sich eine Reise durch Liebe, Lust und Leidenschaft, durch mehrere Jahrtausende und durch verschiedene Filmstile. Fragen nach den großen Zusammenhängen werden gestellt: Wer bin ich? Was macht mich aus? Was ist Liebe? Sind Künstliche Intelligenzen vielleicht die besseren Menschen? Oder sind sie ebenso zersplittert und komplex wie die humanen Programmierer und Lehrer?
Nach ihrem Erwachen und dem Entdecken des Satelliten macht sich die Boje auf, sich und die Welt zu erkunden – denn zumindest funktioniert das Internet noch. Sie entdeckt soziale Medien und ein Instagram-Profil von Deja, die Selbstoptimierungsvideos online stellte. Außerdem teilte sie Beiträge wie „Date Nights“ und „Friends“-Abende aus dem täglichen Leben mit ihrer großen Liebe Liam. Sie gibt sich der Maschine am Himmel gegenüber als Mensch aus, da dieser genau jenen helfen soll. Sie nennt sich „Me“ (Ich) und den Satelliten „Iam“ (Ich bin).
Nach und nach erschaffen sie Avatare, die den Menschen Deja und Liam nachempfunden sind, und werden, einige 3D-animierte Sequenzen später, dann also von Kristen Stewart (zuckersüß und hübsch wie selten in ihren Filmen) und Steven Yeun (jederzeit ein geerdeter Fels in der Brandung) dargestellt. Doch die Künstlichen Intelligenzen sind lernfähig und vor allem Iam sieht immer den „Fake“ in ihrem Alltag, den sie so leben, wie Me das im Internet gesehen hat. Sie scheinen also vor Kameras ihr Leben abzuspulen und fragen sich immer öfter, ob das wirklich das Leben ist, das sie sich vorstellen, oder ob es das Leben ist, was ihnen vorgestellt wurde.
Offene Fragen bis zum Ende
„Love Me“ entfaltet seinen Zauber eher beim zweiten Schauen oder beim Nachdenken darüber. Einige Kritikpunkte wie eine gewisse Oberflächlichkeit der Charaktere, die wohl Influencer mit ihren Kalendersprüchen auf die Schippe nehmen soll, scheinen berechtigt. Man könnte etwas spitzzüngig formulieren: „Für eine Lebensform bist Du nicht sehr lebendig.“ Es ist ein Film der zeitgleichen Gegensätzlichkeit, der komplexes Leben simplifiziert und eben durch einfache Mittel zeigt, wie groß wir uns und unsere Gefühle doch gern machen, Romantik 3.0 sozusagen. Fragen kommen auf, werden aber nicht beantwortet, wie das im Leben eben manchmal so ist.
Die 35-jährige Kalifornierin Kristen Stewart zeigt einmal mehr, wieso sie zu den fähigsten Charakterdarstellerinnen ihrer Generation zählt, und fügt ihrer Kunst mit der Darstellung der reifenden Boje und ihrer Menschwerdung eine weitere faszinierende Facette hinzu. Steven Yeun wurde vor allem bekannt als Glenn Rhee in „The Walking Dead“. Neben seiner Mitwirkung bei einem der bekanntesten Cliffhanger der TV-Geschichte hat der 41-Jährige zusätzlich Filmgeschichte geschrieben, als er 2025 als erster asiatischstämmiger Amerikaner für den Oscar nominiert wurde, für „Minari“, um genau zu sein. Berührend ist dank dieses schauspielerischen „Doppel-Wumms“ vor allem der letzte Akt, wenn beide Schauspieler den Avataren Leben einhauchen.
Sam und ihr Bruder Andy Zuchero legen mit „Love Me“ ihr Spielfilmdebüt vor. In einem Interview mit der Plattform „Brit + Co“ erläutern sie, wie sie Boje und Satellit für Probeaufnahmen quer durch die Welt transportierten, um ihnen die Dramatik aus Filmen von Douglas Sirk („All meine Sehnsucht“; „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“) aufzubürden. Damit schaffen sie einen experimentellen und spannenden Ansatz zwischen intimer Thematik aus der goldenen Ära Hollywoods und den Zeiten des Internets.