Vor allem die Landschaft um Aix-en-Provence hat Paul Cézanne inspiriert. Dort, wo auch der frühere, jetzt restaurierte Landsitz des Malers war, ist unter dem Titel „Cézanne au Jas de Bouffan“ eine große Ausstellung zu sehen.
Hier das Belle Époque, dort Le Grillon oder die Bar du Roi René: Am Cours Mirabeau reiht sich eine Terrasse an die andere. Die Stühle an den Bistro-Tischen sind alle zum Boulevard hin ausgerichtet, Logenplätze für das Sehen und Gesehenwerden. Wer nicht unter den Platanen flaniert, lässt sich hier morgens auf einen Kaffee und Pain au chocolat nieder und sieht der Stadt beim Erwachen zu. Wie Lieferanten anfahren, Händler ihre Marktstände aufbauen, eilige Menschen die Banken auf der anderen Straßenseite ansteuern. Später trifft man sich hier zum Aperitif, spätabends lässt man hier den Abend bei einem Glas provenzalischem Rosé ausklingen. Wenn die Leute mal für eine Viertelstunde vergessen, auf ihr Smartphone zu starren, und stattdessen angeregt das Tagesgeschehen kommentieren, dann hier, an einer der schönsten Flaniermeilen Südfrankreichs. Und was ist gerade Stadtgespräch? Natürlich Cézanne. Ihm wird in diesem Jahr eine große Ausstellung gewidmet. Anlass ist ausnahmsweise kein runder Geburts- oder Todestag, vielmehr die Restaurierung des Landsitzes Jas de Bouffan, wo der Maler mit Unterbrechungen 40 Jahre lebte und alle möglichen Schaffensperioden durchlief. Früher lag die sogenannte Bastide außerhalb der Stadt, heute ist sie von Mietshäusern, Bürohäusern und einer viel befahrenen Straße eingekesselt. Aber in der weitläufigen Parkanlage scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. „Sehen Sie, aus dieser Perspektive hat er das Landhaus gemalt“, sagt Cézanne-Experte Denis Coutagne und zeigt von einer Baum-allee aus auf die Fassade, die zwischen Bäumen zum Vorschein kommt.
Cézannes Vater hatte den Landsitz 1859 erworben und seinem Sohn den Grand Salon zum Malen freigegeben, nachdem er eingesehen hatte, dass er ihn nicht weiter zum Jurastudium zwingen konnte. Paul schuf hier sein Jugendwerk, neun große Wandbilder, mit seinem Zeitung lesenden Vater in der Mitte. „Bei den Restaurierungsarbeiten kamen allerdings noch frühere Fragmente zum Vorschein, die wahrscheinlich eine Hafeneinfahrt darstellten“, erklärt Coutagne. Die kann man jetzt bei der Neueröffnung des Jas de Bouffan erstmalig sehen. Und sich anhand von anderen hier entstandenen Werken davon überzeugen, dass der Landsitz Cézannes erstes Freiluftatelier war, von wo aus er auch den Berg Sainte-Victoire, eins seiner späteren Lieblingsmotive, verewigte.
Als der Künstler den Jas de Bouffan verkaufen musste, zog es ihn noch weiter in die Nähe des mythischen Gebirges. Zum Beispiel in die Carrières de Bibémus. Wo im 18. Jahrhundert der Sandstein für die Adelspaläste von Aix abgebaut wurde und später wildes Gestrüpp, Pinien und Steineichen das zerfurchte Gelände überwucherten, fand er zwischen 1890 und 1906 die Ruhe und Inspiration, die er für sein Spätwerk brauchte. „Er ist meist frühmorgens von Aix hierhergewandert, manchmal hat er auch in der Cabane übernachtet“, sagt Sonia Gonzini und deutet auf ein rustikales Steinhäuschen, das inmitten der dichten Vegetation mehr als ein Jahrhundert überdauert hat.
Cézanne beschränkte sich auf wenige Farben
Die Italienerin, die hier als Guide arbeitet, kommt selbst am liebsten zu Fuß her. „Diese Landschaft muss man sich einfach erwandern. Dann nimmt man sie in ihrer ganzen Schönheit in sich auf, wie Cézanne es tat, mit dem würzigen Duft der Pinien und dem Vogelgezwitscher“, schwärmt sie. Rechts und links empfangen die Wanderer mediterranes Buschwerk, Rosmarin, lila Zistrosen, gelb blühenden Ginster, dazwischen stehen knorrige Pinien. Bis die ockerfarbenen Felsblöcke in der Kraterlandschaft auftauchen. Mal sind es glatte, scharfkantige Wände, mal meterhohe Keile, die aus dem Boden ragen. Wieder andere sehen wie ein Schiffsbug aus: verschiedene geometrische Formen, wie sie sich auf Cézannes Werken wiederfinden lassen. In den Böden der Aussichtsplattformen sind neuerdings Abbildungen der Werke eingelassen, die hier entstanden sind, sodass man noch genau erkennen kann, welches Motiv für welches Bild Modell stand. Ja, richtig: Von hier aus muss er das Gemälde „Steinbruch Bibémus“ gemalt haben. Aber was ist mit den Blumen, die hier wachsen? Zistrosen und Ginster sind bei ihm ebensowenig zu sehen wie die Löcher, die sich in den porösen Sandstein gefressen haben. „Solche Details haben den Maler nicht interessiert“, meint Sonia. „Er hat die Landschaft bewusst auf wenige Elemente reduziert. So wie er sich bei den Farben auf Grün-, Blau- und Orangetöne beschränkt hat.“
Wer durch den Steinbruch läuft, sieht also nicht nur, was Cézanne gemalt hat, sondern vor allem auch das, was er weggelassen hat. Und das ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Kunst. „Diese Landschaft hat noch keinen Interpreten gefunden, der auf der Höhe des Reichtums ist, den sie darbietet“, war der Künstler überzeugt und machte sich daran, sie auf seine Weise zu interpretieren. Anders als die Impressionisten ging es ihm nicht darum, einen flüchtigen Eindruck von ihr einzufangen. „Nein, er wollte die Fundamente, die Essenz der Natur herausarbeiten, die durch die Farbe zum Ausdruck kommt“, ist Denis Coutagne überzeugt. „Das ist schon fast Metaphysik.“ In jedem Fall habe der Künstler mit seiner Darstellung der Natur die Grundlagen für den Kubismus und die abstrakte Kunst gelegt.
Museumsdirektor lehnte seine Werke rigoros ab
Als Direktor der Paul-Cézanne-Gesellschaft hat der Kenner Coutagne maßgeblich dazu beigetragen, die Bedeutung des „Vaters der Moderne“ für Aix-en-Provence herauszustellen. Nachdem er 2006 eine große Retrospektive organisierte, arbeitete er auch an der opulenten Werkschau mit, die das Musée Granet in diesem Jahr bis zum 12. Oktober ausrichtet. Um die 130 Werke – ikonische Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen – versammelt sie unter dem Motto „Cézanne au Jas de Bouffan“. Dazu gesellt sich eine Vielzahl von weiteren Ausstellungen und Veranstaltungen. Es scheint, als wolle Aix etwas gutmachen. Als gälte es immer noch, eine Schuld abzutragen. Tatsächlich hat die Stadt, in der Cézanne 1839 geboren und 1906 gestorben ist, erst reichlich spät die Liebe zu ihrem berühmtesten Sohn entdeckt. „Aix hat Cézanne nicht verstanden“, gibt Bruno Ely, Direktor des Musée Granet, zu. „Ebenso wenig, wie Paris ihn zunächst verstanden hat, weil er seiner Zeit einfach voraus war.“ „Solange ich lebe, kommt mir kein Cézanne ins Museum“, hatte Henri Pontier, einer von Elys Vorgängern, 1920 kategorisch verkündet. Und es dauerte Jahrzehnte, bis 1980 ein paar zweitrangige Werke in die Sammlung gelangten. Erst als 1989 die Montagne Sainte-Victoire brannte, wurden sich die Bewohner der Bedeutung des Malers bewusst, der sich bis zum Lebensende an dem Gebirge abgearbeitet hatte.
Eine gute Einstimmung in Leben und Werk des zunächst verkannten Genies gibt einem der Film, den das Kunstzentrum Hôtel Caumont nahe dem Cours Mirabeau täglich mehrere Male zeigt. Er zeigt, wie Paul gegen den Willen seines Vaters die künstlerische Laufbahn einschlug, 1862 durch die Aufnahmeprüfung zur renommierten École des Beaux Arts in Paris fiel und bei ersten Ausstellungen viel Kritik einstecken musste, bevor seine Werke in Frankreich, Brüssel – und übrigens auch von Paul Cassirer 1900 in Berlin – einer größeren Öffentlichkeit präsentiert wurden. Wenn das eher bürgerlich-konservative Aix ihm währenddessen die kalte Schulter zeigte, dann mied der menschenscheue Künstler auch seinerseits die Stadt. Nur selten traf er sich mit Freunden am Cours Mirabeau in der wunderbaren Bar Les Deux Garçons, die vor einigen Jahren auf mysteriöse Weise abbrannte. Ansonsten zog es ihn raus in die Landschaft, wo er ganz bei sich und seiner Kunst war.
Was würde er wohl dazu sagen, dass heute Kinos, Bars, Hotels und Straßen nach ihm benannt sind? Und dass findige Gastronomen passend zum Themenjahr sogar ein Cézanne-Menü und einen speziellen Cocktail kreiert haben? Außerdem führen in den Pflastersteinen 3.700 glänzende Messingplatten mit dem markanten „C“ auf seine Spuren, vom Geburtshaus, der Schule, wo er seinen besten Freund Émile Zola kennenlernte, bis zu der Statue an der zentralen Rotonde, die ihn als kauzigen Lonely Cowboy mit üppigem Bart, Hut und Wanderstock darstellt.
Weitere Station ist das Atelier des Lauves, das pünktlich zur Ausstellung für Besucher neugestaltet wurde. An seinem letzten Arbeitsplatz, den er 1902 auf einem Hügel oberhalb des Stadtzentrums für sich errichten ließ, erinnern noch Pinsel, Farbkästen, eine hohe Staffelei und allerlei Objekte aus Porzellan an den Künstler, der hier unter anderem seine großen „Badenden“ vollendete.
„An seinem vorletzten Arbeitstag holte ihn beim Malen ein heftiger Gewitterregen ein. Kutscher eines Wäschekarrens fanden ihn völlig durchnässt und bewusstlos am Boden liegend und brachten ihn nach Hause, wo seine Haushälterin sofort der in Paris lebenden Ehefrau Hortense und seinem Sohn Paul telegrafierte“, berichtet Stadtführerin Cécile Corellou. Trotzdem habe sich der Todkranke am nächsten Tag noch einmal aufgerafft, um an seinem „Bildnis des Gärtners Vallier“ weiterzuarbeiten. Und sich sogar noch brieflich bei seinem Farbhändler über eine ausbleibende Lieferung beschwert. Eine Woche später, am 22. Oktober 1906, starb er an einer Lungenentzündung. Ohne zu ahnen, wie überschwänglich seine Heimatstadt und die ganze Welt den einst spöttisch Belächelten heute feiern …