Der vor 130 Jahren verstorbene Chemiker und Physiker Louis Pasteur hat mit der Entwicklung der ersten vier Labor-Impfstoffe Medizingeschichte geschrieben. Gemeinsam mit Robert Koch gilt er als Begründer der modernen Mikrobiologie.
Der 6. Juli 1885 leitete in der Medizingeschichte den Beginn einer neuen Epoche ein, er revolutionierte die Infektionsmedizin und ließ zugleich den damals 63 Jahre alten promovierten Chemiker und Physiker Louis Pasteur zu einem der bis heute am meisten bewunderten wissenschaftlichen Heroen Frankreichs aufsteigen. An diesem Tag suchten ein Bäcker namens Joseph Antoine Meister und dessen neunjähriger Sohn Joseph Jean Baptiste Meister aus dem kleinen elsässischen Dorf Steige den längst berühmten und von höchsten Kreisen hofierten Pasteur in Paris auf. Der Sohn war zwei Tage zuvor mehrfach von einem tollwütigen Hund gebissen worden und es hatte sich selbst bis in die Provinz herumgesprochen, dass der Wissenschaftler in Tierversuchen bereits bemerkenswerte Erfolge mit einer Tollwutschutzimpfung erzielt hatte. Vor einem Einsatz seines Vakzins beim Menschen war Pasteur allerdings bis dahin zurückgeschreckt, obwohl er vom Bürgermeister seiner im Jura gelegenen Heimatgemeinde ein Vierteljahr zuvor dringend darum gebeten worden war. Auch dort waren zwei Männer von tollwütigen Hunden angefallen worden und schließlich an der damals in Mitteleuropa weit verbreiteten Seuche gestorben.
Obwohl Pasteur bei seinen Forschungen oft zu unkonventionellen Methoden griff und selbst vor Fälschungen seiner häufig publikumswirksam präsentierten Experimente nicht zurückzuschrecken schien, wenn die Resultate nicht seinen Wunschvorstellungen entsprachen, so war das erwünschte Impfen des noch keinerlei typische Krankheitssymptome aufweisenden Jungen eine überaus heikle Angelegenheit. Schon allein deshalb, weil Pasteur kein Mediziner war, – was ihn insgeheim sein ganzes Leben lang schmerzte. Aus diesem Grund bat er vor der ersten Tollwut-Schutzimpfung am Menschen sicherheitshalber zwei befreundete Ärzte um Mitwirkung. Als Joseph Meister nach zwei Wochen genesen und putzmunter die Heimreise antreten konnte und Pasteur diesen Behandlungserfolg am 26. Oktober 1885 veröffentlichte, wurde sein Experiment als medizinische Sensation eingestuft.
Bis heute französischer Nationalheld
Mit einem Schlag erwarb sich der Wissenschaftler den Ruf eines Wunderheilers, zu dem innerhalb eines Jahres 2.500 an Tollwut erkrankte Patienten aus aller Welt strömten. Er wurde mit einer Leibrente von 25.000 Francs belohnt und stieg zum bis heute hoch verehrten französischen Nationalhelden auf. Die Bewunderung seiner Landsleute drückte sich auch in der großen Spendenbereitschaft für die Etablierung eines neuen Pariser Wissenschaftszentrums aus. Dank eines Startkapitals von mehr als zweieinhalb Millionen Francs wurde im November 1888 das „Institut Pasteur“ eröffnet, das seitdem die führende Position in Frankreichs biomedizinischer Forschung einnimmt. Die Tollwut-Schutzimpfung überstrahlte in den Augen seiner Zeitgenossen all seine früheren, teils ebenso wertvollen Entdeckungen wie das in der Lebensmittelindustrie noch immer gebräuchliche Pasteurisieren im Jahr 1866, die Entwicklung des ersten künstlich hergestellten Impfstoffs gegen die Geflügel-Cholera 1880 und gegen den für Borstentiere häufig tödlich verlaufenden bakteriellen sogenannten Schweinerotlauf, den Nachweis infektiöser Ursachen der Seidenraupen-Krankheit zwischen 1865 und 1870 oder die erste erfolgreiche Schutzimpfung von Schafen gegen Milzbrand 1881. Milzbrand war vor allem für Paarhufer eine tödliche Bedrohung, konnte sich aber auch auf den Menschen übertragen.
Pasteur hatte seine Forschungen keineswegs im wissenschaftlichen Elfenbeinturm betrieben, sondern sehr praxisorientiert nach zentralen Bedürfnissen der Wirtschaft ausgerichtet. Beispielsweise bei der Untersuchung der Ursachen für unerwünschte Prozesse bei der Bier- und Weingärung oder beim Verfall von Lebensmitteln sowie des für die südfranzösische Seidenindustrie desaströsen Raupen-Sterbens. Und schließlich auch noch bei der Entwicklung von wirksamen Labor-Impfstoffen zur Bekämpfung von grassierenden Tierseuchen. Pasteur hatte dabei sein Augenmerk hauptsächlich auf die Erforschung der Mikroorganismen gerichtet, jener schon von anderen Wissenschaftlern entdeckten Kleinstlebewesen wie Bakterien, Pilze oder Hefen, die von ihm generalisierend als „Spaltpilze“ bezeichnet wurden. Er konnte mit seinen Experimenten die damals gültige Lehrmeinung widerlegen, dass Mikroorganismen als „spontane Erscheinung“ anzusehen seien, gegen die man nichts ausrichten könne.
Promotion in Chemie und Physik
Pasteur konnte nachweisen, dass diese Mikroorganismen keineswegs zufällig in Lebensmitteln entstehen und für deren Verderben verantwortlich sind, sondern nur, wenn sie mit Luft in Berührung kommen. Das vom ihm entwickelte Verfahren des Pasteurisierens, bei dem die Kleinstlebewesen durch ein kurzes Erhitzen unschädlich gemacht werden, schaffte dieses Problem aus der Welt. Mit seiner Vermutung, dass den Mikroorganismen nicht nur beim Gärungsprozess eine unliebsame Rolle zukommt, sondern dass sie auch für viele bei Mensch wie Tier auftretende Krankheiten ursächlich sein könnten, überschritt er die damals noch strikten Grenzen seiner eigenen Disziplin Chemie in Richtung Medizin und wurde dadurch gemeinsam mit seinem ewigen Rivalen Robert Koch im fernen Berlin zum Mitbegründer der modernen Mikrobiologie und Bakteriologie. Vor allem seine Erkenntnisse rund um die Immunisierung waren ein wissenschaftlicher Meilenstein. Er hatte entdeckt, dass sich virulente Krankheitserreger und damit verbunden auch die Infektionsgefahr bei einer wochenlangen Lagerung im Labor abzuschwächen begannen. Diese Beobachtung nutzte er erstmals bei seinen Versuchen zur Hühner-Cholera. Bei einer Infizierung mit abgeschwächten Erregern hatten die Tiere Antikörper gebildet und konnten die Krankheit unbeschadet überleben. Auf dieser Basis konnte Pasteur später auch die Impfstoffe gegen Milzbrand, Schweinerotlauf und Tollwut im Labor entwickeln.
Louis Pasteur wurde am 27. Dezember 1822 tief in der französischen Provinz im zum Departement Jura gehörenden Städtchen Dole als Sohn eines Gerbers geboren. Wenig später zog die Familie in ein kleines, gut 30 Kilometer entferntes Dorf namens Arbois. Während der Schulzeit zeigte Louis Pasteur noch keinerlei größeres Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern, sondern fiel eher durch seine künstlerische Begabung auf. Nach mehrmaligen Schulwechseln und sich ständig verbessernden Leistungen landete er schließlich an der Pariser École normale supérieure, an der er 1842 das dem hiesigen Abitur vergleichbare Baccalauréat ablegte und anschließend ein Studium aufnahm. Letzteres schloss er 1847 mit der Promotion in gleich zwei Fächern, Chemie und Physik, ab. Noch während seiner Studienzeit hatte Pasteur erstmals in akademischen Kreisen mit seiner Entwicklung des sogenannten Weinsäurekristalltests für Aufmerksamkeit gesorgt und damit den Grundstein für die heutige, sich mit dem dreidimensionalen Aufbau der Moleküle befassenden Stereochemie gelegt.
Schwerstbehindert nach mehreren Schlaganfällen
Als Berufsziel hatte Pasteur ursprünglich den Job eines Gymnasiallehrers angestrebt und entsprechend eine Anstellung für das Fach Physik an einem Lycée in Dijon angenommen. Doch schon nach wenigen Monaten erhielt er Anfang 1849 von der Universität Straßburg das Angebot, eine Assistentenstelle am Chemischen Institut zu übernehmen. Nachdem er die Tochter des Rektors Marie Anne Laurent geheiratet hatte, wurde er wegen seiner bemerkenswerten Forschungsarbeit bereits 1854 auf den Lehrstuhl für Chemie der Universität Lille berufen. Sein dort entwickelter Ansatz, die Studenten der naturwissenschaftlichen Fächer in neuen Laboratorien ganz praxisorientiert auszubilden, verschaffte ihm 1857 den Wechsel als wissenschaftlicher Direktor zur Pariser École normale und schließlich 1867 die Berufung zur Pariser Sorbonne als Professor für Chemie.
Die Leitung seines Instituts wurde später durch seine angeschlagene Gesundheit infolge mehrerer Schlaganfälle beeinträchtigt. Louis Pasteur verstarb als mit allen wichtigen Auszeichnungen wie Ritter der Ehrenlegion oder Rumford-Medaille geehrter und weltweit hoch angesehener Wissenschaftler in Sachen Infektionskrankheiten am 28. September 1895 im Alter von 72 Jahren in Villeneuve-l’Etang bei Paris. Für den Gewinn des erst seit 1901 vergebenen Nobelpreises war sein Tod zu früh gekommen. Stattdessen wurde sein ewiger deutscher Antipode Robert Koch, mit dem er sich nach einem jahrzehntelang wechselseitig ausgetragenen Disput in einem Duell der Giganten, das beide Forscher zu Höchstleistungen angetrieben hatte, ausgesöhnt hatte, im Jahr 1905 der „Nobelpreis für Physiologie und Medizin“ verliehen. Louis Pasteur fand seine letzte Ruhe in einer unter seinem „Institut Pasteur“ errichteten Grabstätte.