Seit dem Sommer soll Fördergeld fließen, wenn es darum geht, Menschen und ihre Gebäude vor Wasser und Hitze zu schützen. FORUM hakte nach bei Tanja Sprenger, die sich bei Drees & Sommer als Kompetenzverantwortliche um Projekte nachhaltiger Stadtentwicklung kümmert.
Frau Sprenger, Sie haben mit Ihrem Team bei Drees & Sommer für ein Projekt zur Klimaanpassung im Landkreis Cochem-Zell eine Betroffenheitsanalyse erstellt. Die Region liegt nur eine knappe Stunde mit dem Auto vom Ahrtal entfernt. Wie können sich Kommunen generell gegen Überflutungen und andere Extremwetterereignisse infolge der Erderwärmung schützen?
Das neue Förderfenster des Bundesumweltministeriums, das seit dem 15. Mai 2025 im Rahmen der Förderrichtlinie „Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ geöffnet ist, bietet Kommunen eine wichtige Chance, ihre Klimavorsorge strategisch zu stärken. In Cochem-Zell haben wir bereits gezeigt, wie sich diese Mittel konkret nutzen lassen. Dafür haben wir ein integriertes Klimaanpassungskonzept erarbeitet, das auf einer gründlichen Analyse der örtlichen Risiken und Betroffenheiten aufbaut. Das hilft dabei, gezielt Maßnahmen zum Hochwasser- und Hitzeschutz in die Stadtplanung zu integrieren und kritische Infrastrukturen zu sichern. Im Konzept zeigen wir außerdem, wie sich die geplanten Schritte mithilfe von Folgeförderungen und weiteren Finanzierungswegen tatsächlich umsetzen lassen.
Welche Faktoren steigern – Ihren Zukunftsszenarien zufolge – in einer solchen Landschaft die Gefahr, dass das gewohnte Leben und auch die Wirtschaft aus dem Tritt geraten?
Unsere Analyse im Landkreis Cochem-Zell hat deutlich gezeigt, dass verschiedene Faktoren die Resilienz gefährden. Vor allem die zunehmende Hitze setzt den Menschen zu. Sie beeinträchtigt die Arbeitsfähigkeit und belastet die Gesundheit. Gleichzeitig führen starke Regenfälle immer öfter zu Schäden an Gebäuden und Infrastrukturen wie Straßen und Brücken. Wenn das Wasser knapp wird, leidet die Land- und Weinwirtschaft unter geringeren Erträgen oder sogar kompletten Ausfällen. Und wenn Verkehrswege überflutet werden, reißen wichtige Lieferketten ab. All das trifft nicht nur die Wirtschaft, sondern wirkt sich ganz direkt auf die Lebensqualität der Menschen vor Ort aus.
In der Schweiz stellte sich nach der Katastrophe die Frage, ob das infolge der Permafrost-Schmelze zerstörte Bergdorf – inklusive Tourismus – wieder aufgebaut werden kann. Sollten Menschen Gebiete, die von Naturgewalten infolge des menschengemachten Klimawandels besonders betroffen sein könnten, vorsorglich verlassen? Oder lässt sich ihre Wohn- und Lebenssituation so umgestalten, dass sie relativ sicher bleiben können?
Ein vollständiger Rückzug aus gefährdeten Gebieten ist in den meisten Fällen weder realistisch noch notwendig. Vielmehr zeigt unsere Arbeit, dass durch gezielte bauliche und planerische Maßnahmen – etwa indem man Städte begrünt, versiegelte Flächen wieder öffnet, Gebäude anpasst oder die Bauleitplanung so gestaltet, dass sie Klimarisiken von Anfang an mitdenkt – ein hohes Maß an Sicherheit und Lebensqualität erhalten bleiben kann. Deshalb ist es für uns beim Entwickeln unserer Konzepte wichtig, die Menschen vor Ort und alle relevanten Akteurinnen und Akteure frühzeitig einzubeziehen. Wir bleiben im Gespräch, tauschen uns mit der Bevölkerung aus und sorgen dafür, dass alle gut informiert bleiben.
Die ständige Gefahr, alles zu verlieren, bedeutet auch Wertverlust. Wie teuer kommt es vergleichsweise, die Folgen des Klimawandels durch klimaresilientes Bauen und Umgestalten zu begrenzen?
Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zeigt eindeutig: Prävention ist immer günstiger als Reparatur. Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur, wie sie im Konzept für Cochem-Zell vorgesehen sind, amortisieren sich langfristig durch vermiedene Schäden, geringere Gesundheitskosten und eine stabilere wirtschaftliche Entwicklung. Ein Beispiel: Die indirekten Folgen der Flut 2021 im Ahrtal sind bis heute spürbar – ein Weckruf für vorausschauendes Handeln. Viele Maßnahmen haben ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:4 oder besser – insbesondere in Städten. Eine Analyse des Umweltbundesamts, die 28 konkrete Anpassungsmaßnahmen in Deutschland untersucht hat, ergab eine besonders hohe Effizienz bei sogenannten No-Regret-Maßnahmen – also solchen, die auch ohne Klimawandel sinnvoll wären. Zusätzlich zeigt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in einer aktuellen Hochrechnung, dass sich die Schäden durch Klimafolgen in Deutschland zwischen 2000 und 2021 bereits auf mindestens 145 Milliarden Euro summiert haben – mit einem möglichen Anstieg auf bis zu 910 Milliarden Euro bis 2050, wenn keine ausreichenden Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden.
Von Versicherungen ist zu hören, dass klimawandelbedingte Katastrophen finanziell nicht mehr abzusichern seien. Auch Kommunen, Länder und Bund können auf Dauer den Menschen, die von Existenzverlusten betroffen sind, nicht mehr angemessen beistehen. Andererseits müssen Kommunen laut Klimaanpassungsgesetz Konzepte liefern und umsetzen, mit denen sie vorsorgen. Wie funktioniert das in der Praxis?
Wenn Kommunen dazu verpflichtet sind, Konzepte zur Klimaanpassung zu entwickeln und umzusetzen, heißt das ganz konkret: Sie müssen systematisch vorgehen. Dazu gehört, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen, Risiken und Betroffenheiten genau zu analysieren, passende Maßnahmen zu entwickeln und dabei Verwaltung und Öffentlichkeit kontinuierlich einzubeziehen. In Cochem-Zell haben wir das ganz praktisch umgesetzt –
mit Workshops, interaktiven Kartenanalysen und einer engen Zusammenarbeit mit dem Klimaanpassungsmanager.
Sind aus Ihrer Erfahrung Politik und Menschen bereit, sich den Herausforderungen des Klimawandels zu stellen? Können Sie pragmatische Überzeugungsarbeit dahingehend leisten, dass sich durch bauliche Anpassung künftige Katastrophen – wenigstens zum Teil – vermeiden lassen und sich das Leben in einer wärmeren Welt erleichtern lässt?
Unsere Erfahrung zeigt: Ja, wenn die Maßnahmen nachvollziehbar, lokal verankert und pragmatisch sind. In unseren Projekten, etwa im Landkreis Cochem-Zell, erleben wir, dass sowohl politische Entscheidungsträger als auch Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – vorausgesetzt, sie werden frühzeitig eingebunden und die Vorteile der Maßnahmen sind klar erkennbar.
Dabei ist es wichtig, den Blick zu weiten: Es gibt viele Städte in wärmeren Weltregionen, die trotz hoher Temperaturen als äußerst lebenswert gelten – sei es durch kluges Planen der Stadt, grüne Infrastruktur oder angepasste Bauweisen. Diese sogenannten klimatischen Zwillinge zeigen uns, dass ein gutes Leben auch in einer wärmeren Welt möglich ist – wenn wir rechtzeitig und vo-rausschauend handeln.
Klimaanpassung bedeutet nicht nur Schutz vor Risiken, sondern auch die Chance, unsere Städte und Gemeinden zukunftsfähig, gesünder und lebenswerter zu gestalten. Wenn wir den Wandel als Gestaltungsaufgabe begreifen, statt ihn nur als Gefahr zu sehen, können wir gemeinsam viel erreichen.