Assistenzhunde helfen ihren Menschen im Alltag – und sie geben ihnen Lebensqualität, Sicherheit und Selbstvertrauen. Trainerin Michèle Marx erklärt, wie die Tiere eingesetzt werden und wie die Teams zueinander finden.
Hunde ziehen oftmals Aufmerksamkeit auf sich – und manchmal ist dies störend. Doch es ist an diesem Herbsttag vor dem Einkaufszentrum im saarländischen Neunkirchen kein böser Wille, dass die beiden jungen Frauen eine ältere Dame bitten, weiterzugehen. Deren Hund wollte nur mal Rudi und Bruno näher beschnüffeln, doch das wäre gerade kontraproduktiv. Denn die beiden jeweils etwa anderthalb Jahre alten Hunde-Herren sind gerade am Arbeiten – sie sind Assistenzhunde. Bruno bildet ein Team mit seinem Frauchen und hilft als Warnhund dabei, ihre Migräne in den Griff zu bekommen. Rudi ist Assistenzhund für die Hilfe bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und könnte mit seinem gechillten Wesen auch als Autismushund eingesetzt werden.
Entspanntes Wesen ist Voraussetzung
„Die Grundausbildung ist bei allen Assistenzhundearten gleich“, wie Trainerin Michèle Marx erklärt. Die 31-Jährige wohnt in Ottweiler, ist Head-Assistenzhundetrainerin beim Deutschen Assistenzhunde-Zentrum und leitet die drei Standorte Saarbrücken, St. Wendel und eben Neunkirchen – damit deckt sie schon mal einen guten Teil des Saarlandes ab. Die studierte Volljuristin arbeitet hauptberuflich bei einer Versicherung, schloss vor rund vier Jahren ihre Ausbildung zur Assistenzhundetrainerin ab und arbeitet seitdem zusätzlich selbstständig in diesem Gewerbe. Das sei „erfüllend“, wie sie mit einem Strahlen in den Augen erzählt. Das Einkaufszentrum in der Mitte der Stadt sei ein normaler Einsatzort für sie, und so trifft sich die Gruppe aus Mensch und Tier auch diesmal am Wasserspiel auf dem Stummplatz.
Jana und Sophie legen ihren Vierbeinern eine Ausbildungsweste mit der Aufschrift „Assistenzhund in Ausbildung“ an. „So kennzeichnet man den Hund als Assistenzhund in der Öffentlichkeit“, erläutert die Trainerin. Und schon geht’s los. Die erste Prüfung ist es dabei, still sitzen zu bleiben. Für den rötlich-braunen Prachtkerl Rudi ist das als gemütlicher Labrador kein großes Problem. Der cremefarbene Lockenkopf Bruno wuselt seinem Wesen entsprechend eher etwas umher. Doch mit den entsprechenden Kommandos und Konsequenz hält auch er sich an die Regeln. Warnhund Bruno passt unter anderem darauf auf, dass die Sauerstoffsättigung bei seinem Frauchen nicht sinkt. Wenn dies geschieht, droht ihre Migräne überhandzunehmen. Bevor das passiert, stupst er sie an oder legt die Pfote auf und bereitet sie darauf vor, ihre Medikation zu nehmen. Diese Fähigkeit ist angeboren.
Seit Michèle Marx Assistenzhundetrainerin ist, kann sie LpF-Hunde (lebenspraktische Fähigkeiten) sowie Mobilitätsassistenzhunde (bei körperlichen Beeinträchtigungen), Signalassistenzhunde (bei akustischen Wahrnehmungsbeeinträchtigungen), Warn- und Anzeige-Assistenzhunde (bei stoffwechselbedingten Beeinträchtigungen, anaphylaktischer Allergie oder bei neurologisch-bedingten Anfallserkrankungen), Blindenführhunde oder eben PSB-Assistenzhunde (psychosoziale Beeinträchtigungen) trainieren. Rudi und Bruno fallen in letztere Kategorie und helfen Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen, Autismus, Posttraumatische Belastungsstörung, Demenz, Fetaler Alkoholspektrumstörung, Angststörung, psychischen und psychiatrischen Erkrankungen.
Zu den insgesamt 21 Standards für die Tiere gehört das Verhalten in der Öffentlichkeit, etwa, dass man andere Hunde nicht beschnüffelt, dass man nicht bellt, dass man Herrchen oder Frauchen stets im Blick behält und dass man im Notfall auf Codewörter hört. Denn auch Assistenzhunde möchten belohnt werden. Und wenn es zum Beispiel sehr gut klappt, dass – wie im Beispiel aus Neunkirchen – der FORUM-Journalist versucht, die Hunde mit Leckerlis zu bestechen und abzulenken, diese aber standhaft bleiben, bekommen sie von Frauchen eine Kleinigkeit – per antrainiertem Codewort.
Verantwortung liegt bei den Eltern
Michèle Marx trainiert auch Assistenzhunde, die Autismus-Patienten begleiten. Die Tiere sind dann beispielsweise als Ruhepol immens wichtig. Wie das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. auf seiner Internetseite mitteilt, sei der Autismushund ein speziell ausgebildeter Hund, der Kinder und Erwachsene aus dem Autismus-Spektrum begleitet. Dabei gehe es um weitaus mehr als nur darum, Entwicklung zu fördern und ein vierbeiniger Freund zu sein. Der Autismushund übernehme die Aufgabe als Therapiehund und sei gleichzeitig ein Assistenzhund. Als Therapiehund könne er helfen, Motorik und Vokabular zu verbessern sowie Bindung zuzulassen und Kontakte zu fördern. Als Assistenzhund übernehme er aktiv Aufgaben, um die Sicherheit zu gewährleisten.
Doch eines sollte man der Meinung von Michéle Marx nach vermeiden bei Assistenzhunden für autistische Kinder: Es solle durch die Eltern nie die gesamte Verantwortung auf den Hund übertragen werden. „Das kann der Hund nicht leisten, das wäre auch unfair.“ Er kann aber eine wunderbare Unterstützung im Alltag sein und entsprechend individuell abgestimmte Aufgaben erlernen. Dazu gehörten etwa, das Weglaufen im Haus anzuzeigen oder zu verhindern, bei nächtlichem Weglaufen die Eltern zu alarmieren, das Beruhigen bei Reizüberflutung und das Unterbrechen von stereotypem Verhalten.
„Das ist lebensverändernd“, sagt Michèle Marx über den Einsatz von Assistenzhunden. Für Menschen wie Jana und Sophie seien Assistenzhunde wie Kleinpudel Bruno und Labrador Rudi eine wichtige Stütze im Alltag, sagt Michèle Marx. Zum Training der Hunde im Einkaufszentrum zählt es unter anderem, als „Blocker“ zu dienen. Sie stehen in einem Geschäft an der Kasse und machen so Sitz, dass ein Abstand zur dahinterstehenden Person gewährleistet ist, der dem Hundehalter oder der Hundehalterin angenehm ist. Da sich diese Distanz natürlich von Mensch zu Mensch unterscheidet, muss dies eben trainiert werden. Und darüber gesprochen werden. Ihre Kundinnen und Kunden zu kennen ist immens wichtig. „Es gibt immer ein Erstgespräch“, erklärt Michèle Marx.
Ideal für eine Ausbildung seien Welpen. Dazu werde am 49. Tag nach der Geburt ein Wesenstest ausgeführt, wie sie sagt. „Ich finde es ideal, wenn der Hund in der achten Woche einzieht“, erläutert sie. Das sei eine der wichtigsten Phasen, in der das Tier sozialisiert werde. Doch sie sagt auch: „Man kann die Ausbildung sowohl mit einem Welpen als auch mit einem vorhandenen erwachsenen Hund starten, solange der jeweilige Hund die Testung erfolgreich absolviert.“ Für eine Ausbildung im Team sollte man mindestens zwei Jahre einplanen. „Je nach Leistung des jeweiligen Teams kann es aber auch länger dauern, das ist nicht schlimm.“
Der Hund sorgt für mehr Sicherheit
Durch die Arbeit mit einem Assistenzhund würden die Menschen wieder ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Sicherheit im Alltag erhalten, was zu mehr Lebensqualität führe. Sie sagt: „Sie wagen sich immer wieder in für sie schwierige Situationen und auch an Orte, die sie ohne Hund nie aufgesucht hätten. Und mit jedem Mal werden sie sicherer und die Situationen fallen leichter, solange der Hund da ist. Und genau das macht die Arbeit als Assistenzhundetrainer so schön, zu sehen, wie die Menschen zusammen mit dem Hund über sich hinauswachsen. Gemeinsam als Team meistern sie alle Widrigkeiten und Schwierigkeiten. Der Hund wird nicht nur als Hilfsmittel gesehen, sondern auch als Partner fürs Leben.“
Durch ihre Seheinschränkung und der Liebe zu Hunden sei sie auf das Thema Assistenzhunde gestoßen. „Das faszinierte mich schon immer“, sagt sie. Lange Jahre ging sie mit dem „besten und treuesten tierischen Partner an meiner Seite, den ich mir nur vorstellen konnte“, durchs Leben. Leider verstarb 2018 ihr Welsh Springer Spaniel. Wie wohl jeder Tierhalter, der sein Tier liebt, bestätigen kann, brauchte sie daher einige Zeit, um über diesen Verlust eines vollwertigen Familienmitgliedes hinwegzukommen.
Nach vier Jahren sah sie aber ein: „Ein Leben ohne Hund ist möglich, ist aber nicht lebenswert!“ Seit Anfang dieses Jahres hat sie wieder einen tierischen Partner an ihrer Seite: einen Canaan Dog, der Assistenzhundewesen und die Fähigkeit zu warnen besitzt. Sie erklärt: „Nun benötige ich selbst, aus ärztlichem Standpunkt aus betrachtet, aufgrund der mir derzeit noch möglichen Hilfsmittel keinen Assistenzhund, allerdings bin ich der Meinung, dass ein solcher unser Leben auch auf so vielfältige Art und Weise zusätzlich bereichert und damit das beste Hilfsmittel darstellt.“