Seit 2022 hat die WHO die bisherige Unterscheidung der drei Formen des Autismus aufgegeben und den übergreifenden Fachbegriff Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) eingeführt. Geblieben sind beeinträchtigte Fähigkeiten zur Kommunikation und im sozialen Miteinander.
Der Begriff „Autismus“ wurde aus den griechischen Wörtern „auto“ (= selbst) und „ismos“ (= Zustand) abgeleitet und beschreibt laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine auf sich selbst bezogene Geisteshaltung. Diese dürfe jedoch nicht mit Egoismus verwechselt werden, weil sie „Ausdruck einer biologisch bedingten Beeinträchtigung der Kontaktfähigkeit“ sei. Den Begriff Autismus hatte der bedeutende Zürcher Psychiater Prof. Paul Eugen Bleuler, der an der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli gelehrt hatte und vor allem für seine epochalen Forschungen über die Schizophrenie bekannt geworden war, um 1911 geprägt. Prof. Bleuler war bei seinen Studien vor allem das zurückgezogene Verhalten seiner Patienten aufgefallen, weshalb er den Autismus als mögliche Erscheinungsform der Psychose und damit auch der Schizophrenie eingeordnet hatte. Historisch wurde der Autismus daher lange Zeit als die kindliche Variante der Schizophrenie angesehen. Die Wege zwischen Autismus und Schizophrenie sollten sich laut dem „Deutschen Ärzteblatt“ erst seit den 1980er-Jahren endgültig trennen.
Tiefgreifende Entwicklungsstörung
Heute wird Autismus als angeborene Störung der neuronalen Entwicklung im frühkindlichen Gehirn definiert, wodurch laut dem Bundesverband Autismus Deutschland „die Fähigkeiten zur Kommunikation und im sozialen Miteinander“ beeinträchtigt werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO ordnete den Autismus in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten den „Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ zu. Und hatte bislang drei Subtypen des Autismus unterschieden, was aber in der seit Januar 2022 gültigen Klassifikations-Neufassung namens ICD-11 wegen Abgrenzungsproblemen sowie Überschneidungen der Symptome aufgegeben und stattdessen durch den übergreifenden Fachbegriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ersetzt wurde, in Kurzform auch Autismus-Spektrum genannt. Allerdings wurde für die praktische internationale Umsetzung des WHO-Diagnose-Neuansatzes, der bereits 2013 von der American Psychiatric Association ihrem eigenen Klassifikationssystem zugrunde gelegt worden war, eine flexible Übergangsfrist von mindestens fünf Jahren gewährt.
Es ist davon auszugehen, dass die traditionell übliche Unterscheidung zwischen Frühkindlichem Autismus, Atypischem Autismus und dem Asperger-Syndrom, wie sie in nahezu sämtlichen Publikationen über das Thema zu finden ist, noch geraume Zeit fortbestehen und erst allmählich durch eine Unterteilung nach dem Ausmaß des Schweregrads der Beeinträchtigung ersetzt werden wird.
Daher sollen die wesentlichen Merkmale der drei Subtypen hier nochmals skizziert werden. Beim Frühkindlichen Autismus handelt es sich gewissermaßen um den Prototypen der Entwicklungsstörung, die erstmals 1943 von dem austro-amerikanischen Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner beschrieben wurde und daher auch Kanner-Syndrom genannt wird. Bei dieser Autismus-Ausprägung zeigen sich bei betroffenen Kindern schon vor dem dritten Lebensjahr deutliche Verhaltensauffälligkeiten wie verzögerte Sprachentwicklung, Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und der Kommunikation sowie ungewöhnliche repetitive beziehungsweise stereotype Verhaltensmuster.
Beim Atypischen Autismus sind nicht alle Diagnosekriterien des Frühkindlichen Autismus ausgeprägt und/oder die Merkmale werden erst nach dem dritten Lebensjahr offensichtlich. Bei dem nach den Forschungsergebnissen des österreichischen Kinderarztes Hans Asperger 1943 benannten Asperger-Syndrom handelt es sich um einen Autismus, der oft erst nach dem vierten Lebensjahr erkannt wird. Weil sich Sprache und Kognition relativ normal entwickeln und dadurch Auffälligkeiten bei der sozialen Kommunikation, bei repetitiv-ritualisierten Verhaltensmustern oder motorischen Ungeschicklichkeiten häufig nicht so schnell offensichtlich werden. Erwachsene mit Asperger-Syndrom können in Teilbereichen eine besonders hohe Intelligenz ausbilden, unter ihnen gibt es vergleichsweise viele Menschen mit Inselbegabungen, sogenannte Savants.
Individueller Therapieplan
Alle ASS-Betroffenen haben aufgrund der tiefgreifenden Entwicklungsstörung ihres Gehirns Probleme im sozialen Miteinander, in der Wahrnehmung ihrer Umgebung und dem Verständnis für zwischenmenschliche Situationen. Sie können sich nur schwer in andere hineinversetzen, durch Gestik oder Mimik Anteilnahme ausdrücken oder selbst eigene Gefühle und Vorlieben zeigen. Typisch sind auch sich ständig wiederholende Verhaltensweisen. Oft stellt auch die unzureichende Sprachentwicklung eine Kommunikationsbarriere dar, bei manchen Betroffenen liegt zudem eine Intelligenzminderung vor. Schätzungen zufolge sind rund ein Prozent der Weltbevölkerung von Autismus betroffen, wobei die Störung bei Jungen und Männern mehr als doppelt so häufig festgestellt wird wie bei Mädchen und Frauen. Trotz intensiver Forschung gibt es bislang kein umfassendes Erklärungsmodell bezüglich der Entstehung von ASS. Allerdings werden genetische Faktoren als Hauptursache angesehen, gefolgt von Vorerkrankungen der Eltern (wie Autoimmunkrankheiten, Typ-1-Diabetes, Epilepsie oder schweren psychischen Malaisen) sowie Schwangerschafts-Komplikationen (wie Infektion mit Rötelviren oder die Einnahme bestimmter Medikamente gegen Epilepsie).
Eine Therapie im Sinne einer Heilung gilt bei einer ASS als ausgeschlossen. Die möglichst frühzeitig nach einer aufwendigen ASS-Diagnose in einer spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis aufgenommene Behandlung kann jedoch die Auswirkungen der Störung mildern, indem sie optimale Lern-, Entwicklungs- und Lebensbedingungen für die Betroffenen schafft, die gemeinhin durchaus mit positiven Persönlichkeitsmerkmalen wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, strikter Einhaltung von Regeln oder gewissenhaft-enthusiastischer Begeisterung für ein sie interessierendes Fachgebiet punkten können. Die Therapie, für die ein individueller Plan samt Verhaltenstherapie, Logopädie, Ergotherapie oder auch Psychoedukation aufgestellt wird, zielt letztlich darauf ab, den Betroffenen ein Höchstmaß an Selbstständigkeit und Zufriedenheit zu ermöglichen, auch wenn der Autismus sie durch ihr gesamtes Leben begleiten wird, von Kindergarten über Schule oder Studium bis hin zum Berufsalltag mit vielfältiger staatlicher Unterstützung und gesellschaftlicher Eingliederungshilfe. Leider neigen Menschen mit ASS häufig auch noch zur Ausbildung einer Reihe weiterer psychischer Begleitstörungen (Komorbiditäten), wie Depressionen, Epilepsie, Phobien, Zwangs-, Angst-, Schlaf- und Essstörungen oder ADHS. Dabei kann generell die diagnostische Abgrenzung einer ASS von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ziemlich heikel sein, weil es sich bei beiden um neuronale Entwicklungsstörungen im frühen Lebensalter handelt.