Muss gute Hautpflege teuer sein? Welche sind seine Top-Wirkstoffe und -Kombinationen? Und welche „Tipps“ auf Social Media schaden eher der Haut? Dr. Christof Kirkamm aus Stuttgart (@dailydoc.chris) erklärt das Wichtigste rund um Haut und Haar.
Herr Dr. Kirkamm, bei Instagram folgen Ihnen über 200.000 Menschen. Wie sind Sie dazu gekommen, Tipps zu Haut- und Haarpflege et cetera zu posten?
Schon im Studium habe ich gemerkt, wie viel Freude es mir macht, komplexe Themen verständlich zu erklären – erst als Anatomie-Tutor, später als Dozent an berufsbildenden Schulen. 2023 habe ich begonnen, dieses Wissen bewusst auf Social Media zu bringen. Dabei habe ich schnell gesehen, wie groß das Bedürfnis nach seriöser Hautaufklärung ist. Plötzlich bekam ich Nachrichten wie: „Endlich verstehe ich, was mit meiner Haut los ist“ oder „Deine Tipps haben mir wirklich geholfen“. Dieses Feedback hat mich von Anfang an getragen und treibt mich bis heute an. Innerhalb kurzer Zeit ist daraus eine Community von über 200.000 Followern entstanden.
Muss gute Hautpflege teuer sein?
Der Preis allein sagt nichts über Wirksamkeit. Entscheidend sind Inhaltsstoffe, Formulierung und Hauttyp. Die wichtigsten Wirkstoffe – Sonnenschutzfilter, Retinoide, Vitamin C, Niacinamid, Feuchthaltemittel – gibt es längst auch günstig. Teurere Produkte können Vorteile wie angenehmere Texturen oder innovative Technologien bieten, sind aber kein Muss. Für die Hautgesundheit zählen Basics: UV-Schutz, passende Reinigung und bei Bedarf Wirkstoffe gegen Falten oder Pigmentflecken.
Wie sollte man vorgehen, wenn man plötzlich unter Haarausfall leidet?
Plötzlicher Haarausfall wirkt alarmierend, ist aber meist harmlos. Häufig steckt ein telogenes Effluvium dahinter –
einige Wochen nach Infekt, OP oder Stress fallen mehr Haare aus, das normalisiert sich aber oft selbst. Häufig handelt es sich auch um anlagebedingten Haarausfall (androgenetische Alopezie), seltener um kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata). Wer über Wochen deutlichen Haarverlust bemerkt, sollte eine Hautärztin oder einen Hautarzt aufsuchen. Die Therapie richtet sich nach der Ursache: bei genetischem Haarausfall Minoxidil, beim Mann auch Finasterid; bei diffusem Ausfall reicht oft das Beheben des Auslösers. Unterstützend wirken Ernährung, Proteine, Mikronährstoffe, Schlaf und Stressreduktion.
Zu Minoxidil greifen viele – was kann es und was muss man beachten?
Zu Beginn kommt es oft zum „Shedding“: alte Haare fallen aus, neue wachsen nach. Für Laien wirkt dies oft so, als würde der Haarausfall schlechter werden. Minoxidil ist eines der bestuntersuchten Medikamente bei genetischem Haarausfall. Es verlängert die Wachstumsphase, bremst den Fortschritt und regt Wachstum an, wirkt aber nur bei regelmäßiger Anwendung über Monate. Erste Ergebnisse zeigen sich nach vier bis sechs Monaten, beim Absetzen geht der Haarausfall weiter. Nebenwirkungen sind meist mild (Reizungen), selten systemisch. Wichtig: Minoxidil wirkt nicht bei allen Formen, deshalb muss die Ursache ärztlich abgeklärt werden. Und: Es ist giftig für Haustiere, insbesondere Katzen und Hunde.
Warum sollte man Pickel in der Nasenregion nicht ausdrücken?
Das „Todesdreieck“ zwischen Nasenwurzel und Mundwinkeln ist besonders sensibel, da Gefäße hier mit dem Schädelinneren in Verbindung stehen. Gelangen Bakterien in die Blutbahn, sind theoretisch Komplikationen wie Sinusvenenthrombosen möglich – extrem selten, aber beschrieben. Wahrscheinlicher ist, dass sich Entzündungen verschlimmern und Narben entstehen. Besser: Pickel in Ruhe lassen, sanft reinigen, gegebenenfalls punktuell Benzoylperoxid nutzen. Tiefe oder wiederkehrende Entzündungen gehören in ärztliche Hände.
Mit welchen Inhaltsstoffen und Tricks bekommt man schnell fettende Haut und Unreinheiten in den Griff?
Viele versuchen, fettige Haut auszutrocknen, doch das schwächt die Barriere und verschlimmert das Problem. Sinnvoller ist eine sanfte, pH-hautneutrale Reinigung kombiniert mit Wirkstoffen wie Salicylsäure, die Verhornungen löst, und Niacinamid, das Talg reguliert und die Haut beruhigt. Auch Benzoylperoxid ist bewährt, sollte aber maßvoll eingesetzt werden. Bei ausgeprägter Akne kommen Retinoide ins Spiel. Hilfreich sind außerdem leichte, mattierende Sonnenschutz-Texturen und regelmäßig gereinigtes Make-up-Zubehör.
Was hilft wirklich bei Akne?
Akne ist keine Bagatelle, sondern die häufigste Hauterkrankung überhaupt – mit sichtbaren und seelischen Narben. Eine milde Reinigung, barrierestärkende Pflege sowie Wirkstoffe wie Salicylsäure (öffnet Poren) und Niacinamid (reguliert Talg, beruhigt) können helfen. Bei stärker ausgeprägten Formen braucht es ärztliche Therapie: Retinoide sind zentral, in bestimmten Fällen werden sie mit kurzzeitigen Antibiotika oder – bei schweren Verläufen – mit Isotretinoin kombiniert.
Auch Ernährung und Lebensstil können eine Rolle spielen: Ein hoher Zucker- oder Milchkonsum (insbesondere fettarme Milch) ist mit Akne assoziiert, während Substitution von Mikronährstoffen wie Zink oder Vitamin D bei Mangelzuständen unterstützend wirken kann. Guter Schlaf und Stressmanagement tragen ebenfalls zu einem besseren Hautbild bei. Akne erfordert also einen kombinierten Ansatz, je früher professionell behandelt wird, desto geringer ist das Risiko für Narben.
Welche sind Ihre Top-Anti-Aging-Wirkstoffe und warum?
Retinoide sind die Königsklasse im Anti-Aging: Sie regen Kollagenbildung an, beschleunigen die Zellerneuerung und reduzieren Falten sichtbar. Vitamin C wirkt antioxidativ und kann Pigmentflecken aufhellen, Niacinamid stärkt die Barriere, beruhigt Rötungen und glättet Linien. Wichtigster „Wirkstoff“ bleibt aber konsequenter UV-Schutz – keine Substanz verhindert Hautalterung so zuverlässig wie Sonnenschutz. Ergänzend sind Peptide, Resveratrol, Ferulasäure oder Ansätze aus der Mikrobiom-Forschung spannend. Entscheidend bleibt die richtige Formulierung: Retinoide sollten langsam eingeschlichen und abends verwendet werden, L-Ascorbinsäure (Vitamin C) nur in stabiler Formulierung, Niacinamid gilt als sehr verträglich.
Welche Wirkstoffkombinationen sind besonders effektiv?
Weniger ist mehr – entscheidend ist die richtige Kombination. Besonders bewährt hat sich Retinoid mit Niacinamid: Die Wirkung bleibt stark, die Verträglichkeit verbessert sich. Auch Vitamin C in Kombination mit Sonnenschutz ist sinnvoll, da es freie Radikale neutralisiert und den UV-Schutz verstärkt. Für unreine Haut eignet sich die Kombination aus Salicylsäure und Niacinamid besonders gut.
Welche Altersbeschleuniger gilt es zu vermeiden?
Sonne, Nikotin und Schlafmangel gehören zu den stärksten Treibern der Hautalterung. Auch Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel können beschleunigend wirken, da sie die sogenannte Glykation fördern und Kollagenfasern schädigen. Studien zeigen dagegen Zusammenhänge zwischen einer Ernährung reich an Antioxidantien (zum Beispiel Beeren, Gemüse), Omega-3-Fettsäuren (Fisch, Algen) und Polyphenolen (grüner Tee, Olivenöl) und gesünderer Haut sowie besserer Gefäßfunktion. Ebenso wichtig sind Lebensstilfaktoren wie Bewegung, ausreichend Schlaf und Stressmanagement. Besonders spannend für die Zukunft sind pro- und postbiotische Ansätze, die das Hautmikrobiom gezielt beeinflussen könnten.
Welche Inhaltsstoffe in Skincare finden Sie bedenklich und warum?
Alle in Europa zugelassenen Substanzen sind geprüft. Problematisch können aber Alkohol denat. (austrocknend, je nach Gesamtformulierung), Duftstoffe (häufige Allergene) oder einzelne Konservierer sein. Parabene gelten dagegen als sicher. Manche Sonnenschutzfilter werden oft kritisiert, doch in Relation überwiegt der Nutzen klar: UV-Strahlung ist ein erwiesenes Karzinogen. Pauschal „böse“ Inhaltsstoffe gibt es nicht, entscheidend sind Dosis, Formulierung und Hauttyp.
Welche Behandlungen oder Schönheitseingriffe würden Sie bei sich nicht machen lassen?
Permanente Filler, aufgrund Risiken wie Verschiebungen oder Knotenbildung. Vorsichtig wäre ich auch bei sehr aggressiven Lasern oder tiefen Peelings wegen der Gefahr von Narben und Pigmentstörungen, obwohl diese tolle Ergebnisse liefern können. Grundprinzip für mich: nur Verfahren, die wissenschaftlich belegt, reversibel und langfristig sicher sind.
Sie testen selbst viele Produkte. Welche haben Sie besonders überrascht?
Positiv überrascht haben mich die Entwicklungen im Drogeriebereich: Viele Produkte sind heute deutlich hochwertiger formuliert, etwa stabile Vitamin-C-Seren oder moderne Sonnenschutzmittel, die mit teuren Marken durchaus mithalten können. Ernüchternd finde ich dagegen einfache Basiscremes, die in „fancy“ Verpackungen mit fragwürdigen, unzureichend deklarierten „Komplexen“ vermarktet werden. Besonders spannend ist für mich auch der Blick nach Korea und Japan, wo immer wieder Innovationen entstehen, die internationale Trends prägen.
Welche Irrtümer hören Sie häufig in der Praxis?
Viele Mythen über Haut halten sich erstaunlich hartnäckig. Ein Beispiel: Bräune wird immer noch oft als gesund wahrgenommen, dabei ist sie nichts anderes als sichtbarer DNA-Schaden und erhöht langfristig das Risiko für Hautalterung und Krebs, auch ohne Sonnenbrand. Auch das Argument, Sonnenschutz verhindere die Vitamin-D-Bildung, ist überholt: Studien zeigen, dass die meisten Menschen trotz Schutz genügend Vitamin D bilden, und im Zweifel sind Supplemente eine sichere Alternative. Schuppen wiederum werden häufig als Zeichen von Trockenheit gedeutet, tatsächlich steckt meist eine Kombination aus erhöhter Talgproduktion und Hefepilzen dahinter, die sich gezielt behandeln lässt. Sogar unser Fach selbst ist von Vorurteilen betroffen, etwa dass Dermatologen „nur Cortison verschreiben“. In Wirklichkeit haben moderne Biologika die Therapie vieler chronischer Hauterkrankungen massiv revolutioniert.
Welche „Tipps“ aus Social Media schaden eher der Haut?
Kaum ein Thema ist in sozialen Medien so von Mythen überzogen wie Sonnenschutz. Besonders gefährlich ist die Behauptung, Sonnencreme könne Hautkrebs verursachen. Grundlage sind meist Diskussionen über einzelne Filter wie Octocrylen oder Studien, die bei Sonnenschutz-Nutzern eine höhere Krebsrate zeigen. Doch hier wird Korrelation mit Kausalität verwechselt: Wer regelmäßig cremt, verbringt oft mehr Zeit in der Sonne und sammelt dadurch mehr UV-Dosis. Die Ursache bleibt die Strahlung – nicht die Creme.
Ebenso riskant sind DIY-Rezepte mit Kokosöl, Himbeersamenöl oder selbst angerührtem Zinkoxid. Pflanzenöle haben praktisch keinen Schutzfaktor, und wirksame Formulierungen mit mineralischen Filtern sind technologisch so komplex, dass sie nicht im Badezimmer nachgebaut werden können. Wer sich darauf verlässt, steht ungeschützt in einer der stärksten Karzinogenquellen überhaupt.
Was hilft gegen Juckreiz und trockene Haut im Winter wirklich?
Kälte und Heizungsluft trocknen die Haut aus. Hilfreich sind Feuchthaltemittel wie Glycerin oder Hyaluronsäure sowie Lipide wie Ceramide, Cholesterin, Squalan. Urea spendet Feuchtigkeit oder löst Verhornungen. Bei starkem Juckreiz kann Polidocanol lindernd wirken. Wichtig: Pflege direkt nach dem Duschen auftragen („Soak & Seal“). Bei sehr trockener Haut bewährt: Vaseline plus Handschuhe oder Socken über Nacht.
Wie sieht Ihre eigene Routine aus?
Meine Routine orientiert sich an den fundierten Basics: Täglich Sonnenschutz, morgens ergänzt durch Vitamin C, abends ein Retinoid – das sind meine drei Säulen. Dazu kommt eine barriere-stärkende Pflege und hin und wieder sanfte Fruchtsäuren. Trends wie Peptide oder neue Antioxidantien teste ich zwar gern, aber das Fundament bleibt immer gleich. Auch Ernährung spielt eine zentrale Rolle: viel Gemüse, fermentierte Lebensmittel, Omega-3, Antioxidantien, grüner Tee und Vitamin D. Sport gehört fest dazu. Wichtig ist aber: Perfektion ist nicht nötig. Wer die Basics konsequent umsetzt, erreicht mehr als mit jeder komplizierten Zehn-Schritte-Routine, die nur sporadisch angewendet wird.