Bei der Abgeordnetenhaus-Wahl am 20. September kommenden Jahres wollten gleich mehrere SPD-Politiker als Spitzenkandidat ihrer Partei antreten. Nun hat der Parteivorstand den Hannoveraner Regionspräsidenten Steffen Krach nominiert. Was treibt den Mann zurück nach Berlin? Ein Interview.
Herr Krach, Sie wollen bei der Abgeordnetenhauswahl nicht um Platz zwei oder drei kämpfen, sondern die SPD wieder zur Nummer eins in Berlin machen, haben Sie angekündigt. Das klingt sehr ambitioniert angesichts des Ergebnisses bei der Bundestagswahl im Februar. Da hat es die SPD schwer erwischt: Sie landete hinter der Linken (19,9 Prozent), der CDU (18,3 Prozent) den Grünen (16,8 Prozent) und der AfD (15,2 Prozent) mit 15,1 Prozent nur noch auf Platz fünf. Eine aktuelle Umfrage sieht die CDU zwar vor der Linken, aber die SPD ebenfalls auf Platz fünf. Was ist da schiefgelaufen?
Ja, die Ausgangslage ist aktuell schwierig und es wird viel Kraft und Arbeit bedeuten. Aber wer sich das nicht zutraut, sollte definitiv nicht Berlin regieren. Unsere Stadt verdient jemanden im Roten Rathaus, der vollen Einsatz bringt, und dafür stehe ich. In den kommenden zwölf Monaten werde ich gemeinsam mit über 18.000 Mitgliedern meiner Partei alles dafür geben, dass die Menschen uns ihr Vertrauen schenken und die SPD stärkste Kraft wird. Ich freue mich auf diesen Wahlkampf und viele Gespräche und Begegnungen mit den Menschen in dieser Stadt.
„Mehr linke Politik machen, dann wird es besser – das greift zu kurz.“ Das hat Michael Müller, der ehemalige Regierende Bürgermeister, in dessen Senatskanzlei Sie von 2016 bis 2021 Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung waren, im FORUM-Interview mit Blick auf die Zukunft der Berliner SPD gesagt. Stimmen Sie ihm zu?
Für mich geht es auch um die Frage des „Wie“. Besser wird es erst, wenn Politik verlässlich ist, verbindet statt zu spalten und wenn das Leben spürbar einfacher und besser wird. Dafür müssen wir mehr tun als das Nötigste. Ja, der Alltag muss funktionieren, aber das allein kann nicht der Anspruch sein. Ich finde: Derzeit wird Berlin aus dem Roten Rathaus unter Wert regiert. Das möchte ich ändern, wir sind schließlich die Hauptstadt und können viel mehr.
Michael Müller hat auch gesagt, dass es die Linke besser verstanden habe, auf wenige, aber starke Themen zu setzen, die dann aber auch gut und glaubwürdig rüberzubringen. Was sind denn Ihre großen Themen in diesem Wahlkampf?
Ich will nur das versprechen, was ich halten kann. Mein Fokus liegt auf drei Themen. Das ist zum einen der bezahlbare Wohnraum. Da wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht, auch von der SPD. Die Linken vergessen dabei gerne, dass sie in der Regierung auch Verantwortung für das Thema Wohnen getragen haben und heute empört fordern, was sie selbst nicht umgesetzt haben. Aber zurück zum Jetzt: Es gibt nicht den einen Knopf für bezahlbaren Wohnraum, wir müssen an mehrere Themen ran. Dazu gehört, mehr zu bauen, mit Vorfahrt für die Landeseigenen und Genossenschaften, den Markt zu regulieren, wo es nötig ist. Wir müssen spekulativen Leerstand konsequent ahnden und auch die ausgeuferte Ferienwohnungswirtschaft in den Griff kriegen. Das zweite zentrale Thema für mich ist die Mobilität. Wir können Berlin zum Vorbild für moderne und bezahlbare Mobilität in Europa machen. Ich möchte weniger Stop und mehr Go: Verlässlichkeit bei Bahn und Bus, konsequenten Ausbau von Radwegen und auch auf den Straßen weniger Stress. Und zu guter Letzt geht es mir darum, wie wir als Gesellschaft in dieser Stadt zusammenleben. Wir brauchen ein stärkeres Miteinander, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir werden nur vorankommen, wenn wir unsere Kräfte gemeinsam für etwas einsetzen.
Die ehemaligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller und Klaus Wowereit werden für Sie in den Wahlkampf ziehen. Wie sieht es mit den aktuellen Führungskräften der Berliner SPD aus? Haben die zähneknirschend akzeptiert, dass der Mann aus Hannover zurück in der Stadt ist? Oder werden die sich wirklich für Sie ins Zeug legen?
Wir werden uns gemeinsam ins Zeug legen, und zwar für Berlin. Und zu meiner Kandidatur: Es waren ja die amtierenden Landesvorsitzenden selbst, die mich gefragt haben, ob ich mir vorstellen kann, diese Kandidatur anzutreten. Auch von vielen weiteren Kräften aus der Berliner SPD habe ich Zuspruch erhalten. Dazu zählen der Landesvorstand, der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh und auch Vizebürgermeisterin Franziska Giffey. Dass ich diesen Rückhalt erfahren habe, schon bevor meine Kandidatur bekannt wurde, und sie lange geheim geblieben ist, hat mich bestärkt, sie anzunehmen.
Es gibt politische Kaffeesatzleser, die vorgeben, sich über Sie zu wundern: Warum wechselt ein Mann, der in einem der stärksten und am besten organisierten SPD-Landesverbände – in Niedersachsen nämlich – verwurzelt ist, ausgerechnet nach Berlin, wo die SPD eher als chaotisch gilt? Ist es die große Liebe zu Berlin? Langeweile in Hannover, wo sie Regionspräsident sind? Oder die Herausforderung, das Unmögliche zu versuchen?
Ich mache doch keine Politik, um den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, um es mir „gemütlich“ zu machen oder auf etwas auszuruhen. Wer es ernst meint mit politischem Engagement, der tritt auch an, wenn es schwierig ist. Natürlich ist die Ausgangslage herausfordernd, aber wer davor zurückschreckt, ist für dieses Amt nicht der Richtige. Als ich 2021 in Hannover angetreten bin, sah es zu Beginn ebenfalls nicht gut aus. Am Ende habe ich deutlich gewonnen. Übrigens gegen die CDU, das habe ich 2026 auch in Berlin vor.
Für mich persönlich ist Berlin eine Herzensentscheidung. Ich bin heute 46, habe eine Hälfte meines Lebens in Hannover und eine Hälfte in Berlin verbracht. Hier habe ich studiert, gearbeitet, meine Frau kennengelernt, und unsere drei Kinder sind hier geboren.
In dieser Stadt, mit der meine Familie und ich so viel verbinden, für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu kandidieren, ist eine große Ehre für mich, und ich möchte alles dafür tun, diese Stadt voranzubringen. Und dabei habe ich die Berliner SPD in den vergangenen Monaten alles andere als chaotisch erlebt. Wir arbeiten vertrauensvoll miteinander, arbeiten auf, was nicht gut gelaufen ist, und sind voller Ideen für Berlin.