Zoran Drvenkar hat erneut einen ebenso grandiosen wie düsteren Roman vorgelegt: „Asa“. Er erzählt eine Geschichte voller Gewalt und menschlicher Abgründe.
Kann es wirklich sein, dass Zoran Drvenkar etwas mit all diesen Dingen zu tun hat? Eine junge Frau wird in einem Lager irgendwo in Afrika in ein Verlies gesteckt, bis sie fast wahnsinnig wird, weil ihre Familie in Deutschland das so will. Ein Killer erschießt einen Mann vor den Augen seiner Tochter. Soldaten verwüsten ein Dorf und töten alle Bewohner. Eine Jugendliche flieht vor Männern, die sie jagen, und springt lieber in ein Eisloch in einem See, als sich zu ergeben. Zwei junge Kerle sind so verblendet und bösartig, dass sie sogar Teile der eigenen Familie ermorden.
Das passt alles so gar nicht zu diesem freundlichen, ja geradezu herzlichen Mann, der seine E-Mails mit „Ich winke“ beendet und nun an einem regnerischen Septembernachmittag im Café Klick in Charlottenburg sitzt, um über Asa zu reden. Asa ist das Mädchen, die Frau, um die es in seinem gleichnamigen neuen Roman geht. Mitte August hat der Suhrkamp-Verlag das Buch veröffentlicht, nun steht es bereits auf Platz eins der Krimibestenliste.
All die Gewalt, die menschlichen Abgründe, Verrat, Finsternis; aber auch Liebe, Freundschaft, Gemeinschaft – wie kriegt man das hin? So recht wisse er das auch nicht, sagt Zoran Drvenkar. Seine Figuren führen ein Eigenleben, erklärt er. Ein Eigenleben wie der ganze Roman. Er habe sich immer mal gewünscht, „mit dem Wissen zu schreiben, wie die Geschichte läuft“. Aber zum einen sei das vermutlich „so langweilig, dass ich nicht weiterschreiben will“. Zum anderen – und das ist das wichtigere Argument: „Ich stehle damit den Charakteren den Raum.“
„Beim Schreiben so erschrocken“
Da ist zum Beispiel der Name Port Paris aufgetaucht. Cooler Name, aber wer ist das? Wo kommt er her? Wie passt der zu dieser Geschichte? Er habe begonnen, zu recherchieren: Gibt es in Paris einen Hafen, der etwas mit dem Namen dieses Menschen zu tun haben könnte? Dieser Port Paris war ein Gedanke, vielleicht eine Randfigur. Aber dann: „Ich habe beim Schreiben gemerkt: Er will in den Vordergrund. Ich habe die Tür aufgemacht, dann war er da.“
So wie Asa, die zentrale Figur des Romans, auch. Sie ist das Mädchen aus der Anfangsszene, das ins Eisloch springt. Diese Szene ist drei Jahre alt, sagt Zoran Drvenkar. Er war mit einem Roman fertig und in einem Zustand, in dem er weiterschreiben musste. Er wusste nicht, was aus dieser Szene auf und im eiskalten See werden sollte. Er wusste nicht einmal, wo dieser See liegt – geschweige denn, wie dieses Mädchen heißt und warum sie tut, was sie tut. Aber vor zwei Jahren hat er sich entschieden, mit dieser Szene in seinen neuen Roman einzusteigen. Zoran Drvenkar beschreibt diesen kreativen Prozess so: „Ich erforsche die Charaktere. Ich erforsche, was sie in meiner Geschichte wollen.“
Seine eigene Geschichte beginnt vor gut 58 Jahren. Zoran Drvenkar wurde 1967 in Kroatien geboren und zog im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Berlin. Seit 1989 arbeitet er als freier Schriftsteller und schreibt über Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Seine Thriller „Sorry“ und „Du“ wurden in 14 Sprachen übersetzt. 2010 erhielt er für „Sorry“ den Friedrich-Glauser-Preis, 2023 wurde „Du“ unter dem Titel „Then You Run“ als TV-Serie verfilmt.
Auch „Sorry“ ist ein sehr harter Thriller, in dem vier ehemalige Schulfreunde zum Werk- und Spielzeug des Bösen werden. Als er gemerkt hat, „was den Jungen im Roman passiert ist“, habe er sich „beim Schreiben so erschrocken, dass ich damit aufgehört habe“, erinnert sich Zoran Drvenkar. Er hat das Manuskript lange liegen lassen. Aber irgendwann sei ihm klar gewesen, dass er die Geschichte zu Ende bringen muss. „Ich habe beschlossen, mir so lange den Bart wachsen zu lassen, bis ich fertig bin mit dem Buch. Ich sah furchtbar aus“, sagt er.
An „Asa“ hat er zwei Jahre lang „durchgeackert“, wie Zoran Drvenkar es formuliert. Das heißt: „Der Roman war mein Hauptthema, ich habe kaum etwas anderes gemacht. Wobei ich sagen muss: Ich schreibe furchtbar aus dem Bauch heraus.“ Da war dann also dieses Mädchen unter dem Eis. Und schon am Anfang sei ihm klar gewesen: „Ich schreibe nicht über eine 14-Jährige. Also: 30 Jahre später – eine Frau.“ Nach den ersten hundert Seiten habe sich dann herauskristallisiert, dass es von dieser Einstiegsszene aus nicht nur in die Zukunft und damit in die Gegenwart einer gestandenen Frau geht, sondern auch in die Vergangenheit.
Dort fand Zoran Drvenkar den Ursprung all der Gewalt, der Skrupellosigkeit und der Kaltblütigkeit seiner Figuren. Und die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder über Generationen hinweg erst in ein Erdloch gesteckt und dann gejagt werden, um sie einer Prüfung zu unterziehen, die sie hart machen soll fürs Leben. Eine grausige Geschichte, die nichts zu tun habe mit Menschen, die er kenne. „Aber die Charaktere halten das, was sie tun, für richtig“, sagt er. Die Herausforderung und seine Aufgabe als Autor sei es, „moralisch erklären zu können, dass Menschen Kinder in dieses Loch stecken und Prüfungen machen“.
700 Seiten aus dem Roman gestrichen
„Das ist mein Job: die Geschichte so zu erzählen, dass der Leser sie mir glaubt“, erklärt er die Schwierigkeit seines Berufs. Das sei in diesem Fall besonders schwer gewesen. Da drängen sich all diese grausamen Menschen in seine Geschichte, Menschen, die Dinge tun, die sich eigentlich nicht erklären lassen –
und der Autor muss es doch tun: erklären. „Was habe ich geflucht. Aber dann hatte ich die entscheidende Szene“, sagt Zoran Drvenkar.
Wobei das mit dem Erklären manchmal einen langen Anlauf braucht. „Dadurch, dass ich nicht weiß, wo ich hin will, denke ich manchmal: Das wird jetzt nur ein kurzes Kapitel. Und dann wurden es hundert Seiten – und ich habe es nicht kürzer hingekriegt.“ Wobei Kürzen zum Handwerk gehört. Zoran Drvenkar erzählt die Geschichte von Asa auf rund 700 Seiten. So viele Seiten wie letztendlich gedruckt wurden, hat er im Schreibprozess auch wieder „rausgeworfen“ – aber auf dem Computer abgespeichert.
Da werden sie vermutlich bis in alle Ewigkeit vor sich hinschlummern – es sei denn, eine Figur drängt sich durch eine der Türen, die Zoran Drvenkar bewusst oder unbewusst öffnet. Wie eine Figur, die vor etwa zehn Jahren in seinem Roman „Still“ eine Rolle spielte und nun in „Asa“ erneut auftaucht: ein Mädchen, das seit Jahren reglos aus dem Fenster schaut und darauf wartet, dass ihr jemand den Schlüssel zu ihrer Erinnerung bringt. Aber man müsse „Still“ nicht gelesen haben, um „Asa“ zu verstehen.
„Asa“ ist auf dem Markt, das Interesse ist groß. Und Zoran Drvenkar arbeitet an seinem nächsten Buch. Es sei „etwas ganz anderes“, eine Gegenwartsgeschichte. Der Titel laute wahrscheinlich „Warten auf Regen“. Das klingt schon eher danach, dass Zoran Drvenkar, dieser sanfte, humorvolle und feinsinnige Mensch, etwas damit zu tun hat.