Schräg, schwarz und herrlich skurril: Mit „Drunter und Drüber“ werden wir auf einen ganz besonderen Wiener Friedhof entführt. Zwischen Engelsstatuen, Totengräbern und Intrigen entfaltet sich ein turbulentes Spiel um Macht, Geheimnisse und das große Ganze.
Ja, sie ist sehr speziell, „Drunter und Drüber“, die neue Comedyserie, jetzt auf Amazon Prime Video. Doch wer schwarzen Humor und eine schräge Handlung mag, kommt voll auf seine Kosten. Zumal die Hauptdarsteller Julia Jentsch (hier als Ursula Fink) und Nicolas Ofczarek (als Helmut Wondratschek) bereits in der Sky-Serie „Der Pass“ überzeugen konnten. Dort waren die beiden als höchst unterschiedliches Ermittlerduo an der bayerisch-salzburgerischen Grenze Mördern auf der Spur. Abgesehen davon aber ist hier alles anders: Komödie statt Thriller, Albernheit statt Grausamkeit, urban statt tiefster Provinz, helle, leuchtende Farben statt Düsternis. Und das, obwohl „Drunter und Drüber“ auf einem Friedhof spielt.
Helligkeit statt Düsternis
Der liegt in Wien. Alles beginnt mit einem Todesfall: Friedhofsleiter Thomas Gruber wird von einer herabstürzenden Engelsstatue erschlagen. Vize Helmut „Heli“ Wondratschek reibt sich die Hände, sieht er sich doch „nur mehr einen Stempel entfernt“ vom Chefsessel. Zur Überraschung aller setzt das zuständige Amt allerdings Ursula Fink an die Spitze. Eine Frau – obendrein bisher zuständig für Kinderspielplätze und Hundeparks in Wien! Damit ist die Totenruhe auf dem fiktiven Friedhof in Wien-Donnersbach endgültig perdu.
Prompt sabotiert Heli die neue Chefin, führt fleißig Buch über ihre Verfehlungen, und offenbar hat sie auch wirklich keinen blassen Schimmer von der Friedhofsordnung. Heli hingegen kann sie tatsächlich auswendig und gibt damit auch gerne schlimm an. Allein, es bringt ihm nichts, ist doch der zuständige Beamte im Wiener Rathaus grundsätzlich nicht erreichbar. Ursulas Hang zu Chaos und unüberlegtem Handeln regelt die Sache ohnehin vermeintlich von selbst: Als sie eine Kettenreaktion auslöst, die einen der Totengräber ins Krankenhaus befördert, erscheint sie aus Scham nicht mehr bei der Arbeit. Was zwar Helis Machtgelüsten zugutekommt, ihn allerdings auch an seine Grenzen bringt.
Und es kommt noch dicker. Denn Ursula ist eigentlich eine gute Seele und hütet ein Geheimnis, das sie sich nicht traut, Heli zu erzählen: Der Friedhof rechnet sich nicht, soll dichtgemacht werden. Eines ist den beiden schnell klar: Wollen sie den Friedhof retten, müssen sie sich zusammenraufen.
Dabei werden sie aber nicht nur „von oben“, von der Friedhofsleitung, skeptisch beobachtet. Unter der Erde haben auch die Verstorbenen ihren Auftritt. Sie befinden sich in einer Art Zwischenreich, in dem die Toten vorübergehend landen, bevor sie endgültig ins Jenseits übertreten – bis dahin aber Zeit totschlagen müssen. Dafür schauen sie gemeinsam eine TV-Seifenoper in Endlosschleife. Die Handlung: das zwischenmenschliche Geschehen oben auf dem Friedhof.
Es gibt viel zu lachen: Drastische Satire ist Programm
Die Seifenoper ist grandios umgesetzt: ganz im Stil altbackener Vorabendserien, inklusive passender Werbeunterbrechungen. Über deren filmische Erzählmittel diskutieren die toten Zuschauer gelegentlich sogar ganz fachmännisch. Manko: Aus dieser charmanten Idee und dem Nebeneinander von oben und unten hätte man noch mehr herausholen können. Immerhin gibt es irgendwann eine Verbindung zwischen den beiden Ebenen – ein Kontakt, der schließlich auch den zündenden Einfall bringt, wie der Friedhof Donnersbach vielleicht noch zu retten wäre.
Schon allein der Einfall mit den zwei Welten macht die Serie speziell und unbedingt sehenswert. Zumal die beiden Antipoden Fink und Wondratschek von allerlei Gestalten unterstützt werden, die noch mehr Chaos stiften, als ob die beiden nicht schon genug anrichten würden.
Prägnanteste Figuren sind neben der gutgelaunten Ursula und ihrem Kollegen „Heli“ der Steinmetz Werner (Harald Windisch) und seine Frau Kornelia (Ulrike C. Tscharre). Weil Kornelia sich in Wirklichkeit mit Heli zum Sex trifft, wenn sie sich offiziell zurückzieht, um eine Trauerrede zu verfassen, hält sie immer wieder mehr oder weniger dieselbe Ansprache. Auch in Dauerschleife: „Der Tod lächelt uns alle an.“
Werner und Kornelia haben eine Tochter, Selbi (Ella Lee). Die hilft im Geschäft, bindet Kränze, hält ansonsten aber penibel Abstand zum Friedhof. Denn sie leidet an einer ausgeprägten Friedhofsphobie. Den Grund dafür erfahren die Zuschauer in einer gleichermaßen lakonischen wie makabren Rückblende. Solche Passagen gehören zu den stärksten der insgesamt acht im Schnitt rund 25 Minuten kurzen Episoden.
Die Serie braucht ein bisschen, bevor sie in Gang kommt. Sie wimmelt nicht vor Schenkelklopfern, auch wenn die Handlung dazu einlädt. Regisseur Christopher Schier und Drehbuchautorin Judith Westermann sind keine reinen Gagschreiber, haben eher eine „leichte, manchmal schräge Betrachtung des Ganzen“ produziert, so Hauptdarstellerin Julia Jentsch am Rande der Dreharbeiten gegenüber der österreichischen Presse.
Das stimmt. „Drunter und Drüber“ lebt vom leisen Schmäh, hat Slapstickelemente genauso im Repertoire wie drastische Satire. Da wird schon einmal die Leiche eines Richters mit Eislutschern gekühlt, ein Würstchen am „Tag des offenen Grabes“ auf einem Kindersarg gegrillt oder ein Furry, ein Mischwesen aus Stofftier und Mensch, mit Haut und Haar eingeäschert.
Ein weiteres Beispiel: die sensorgesteuerte Schiebetür zur Steinmetz-Werkstatt, in der sich immer alle treffen. Diese hat offensichtlich ein Eigenleben und kooperiert – je nachdem, wer gerade hindurchtreten will – mal mehr und mal weniger. Ein Running Gag, der relativ viel Raum bekommt, freilich aber keinen Schenkelklopfer, sondern eher irritiert-amüsiertes Schmunzeln produziert. Häufig geht es auch einfach nur völlig albern zu, mal echt witzig, mal eher platt.
Die Serie „Drunter und Drüber“, von der es acht Episoden gibt, ist in ihrer Schrägheit auch eine mutige Serie: Man muss sich darauf einlassen, die ein oder andere Länge aushalten, ihr die Zeit geben, die sie verdient hat.
Auch optisch hat die Serie einiges zu bieten. Der schwarze Humor wird äußerst lichtdurchflutet gerahmt. Der Gräberhain erscheint als sonnenbeschienenes Naturidyll mit anmutig-verwitterten Gesteinsfiguren, gekiesten Wegen und, dank seiner Hügellage, mit wunderbarem Blick über die Stadt. Schöner könnte ein Imagevideo der Stadt Wien ihre Friedhöfe kaum in Szene setzen.