Der 19 Kilometer lange Goethewanderweg von Ilmenau nach Stützerbach verknüpft wichtige Stationen aus dem Leben des Dichterfürsten – hier entstanden etwa „Iphigenie“ und „Wandrers Nachtlied“ – mit einer attraktiven Landschaft.
Über allen Gipfeln / Ist Ruh’, / In allen Wipfeln / Spürest du /Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. /Warte nur, balde / Ruhest du auch.“ Keine Frage: „Wandrers Nachtlied“ kennt jedes (Schul-)Kind. Aber wer weiß, wo Goethes weltberühmtes Gedicht entstanden ist? Antworten finden sich im Ilmenauer Amtshaus. Dessen erste Etage bewohnte einst Goethe, als er in die Porzellan- und Glas-Stadt am Rand des Thüringer Waldes berufen wurde, um das Steuerwesen zu reformieren und den Kupfer- und Silberbergbau wiederzubeleben. Heutzutage ist hier das Goethe-Stadt-Museum untergebracht, zu dem eine Goethe-Bronzefigur auf der Bank davor den Weg weist. Im Inneren nehmen Schautafeln, Gesteine und eine „Schatzkammer“, aber auch Filme, Tastvitrinen und ein (von Kindern) bekrabbelbarer Stollen Besucher mit auf eine Zeitreise durch die Stadtgeschichte – und die persönliche Geschichte von Deutschlands größtem Dichter. Von seinen 26 Besuchen in Ilmenau zeugen Zeichnungen, Möbel wie das raffinierte Tischfeuerzeug sowie eine historische Fotografie des obigen Gedichts.
Entstanden ist es in einer auf dem 861 Meter hohen Kickelhahn gelegenen Jagdaufseherhütte, die Goethe am 6. September 1780 zum Aufenthalt diente. Als Papierersatz diente die Bretterwand. Und dort, keine fünf Kilometer von Ilmenau entfernt, stehen die Zeilen noch immer. Oder besser: wieder. Schließlich brannte die Bude 1870 ab. Sie wurde aber 1874 originalgetreu wiederaufgebaut, wobei die Verse heute auf beleuchteten Tafeln in 16 Sprachen an der Wand prangen.
Lückenlose Beschilderung
Das frei zugängliche „Goethehäuschen“ markiert einen der Höhepunkte des Goethewanderwegs. Der verdankt seinen Namen mehreren Wirkungs-, Begegnungs- und Erinnerungsstätten, die im Leben des Dichterfürsten eine Rolle spielten. Beispiel Corona Schröter: Schon im Amtshaus wird die erste Darstellerin der Iphigenie – Titelfigur von Goethes frühem Bestseller – erwähnt. Auf dem Friedhof ums Eck lässt sich dann ihr Grab besuchen – und der Goethebrunnen. Danach führt der Wanderweg unter Buchen und Linden zum Schwalbenstein, einem von Goethes Lieblingsplätzen. Die Stelle auf dem Porphyrfelsen fand er offenbar so inspirierend, dass er dort an nur einem Tag, dem 19. März 1779, den vierten Akt von „Iphigenie auf Tauris“ schrieb. Ein Kraftort? Zumindest empfinden viele ein erhabenes Gefühl, wenn sie aus der heutigen Schutzhütte über das Waldmeer blicken und sinnieren. Über allen Wipfeln ist Ruh!
Um das Gütesiegel „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ zu bekommen (2005 eine Premiere in Thüringen), braucht es aber mehr als ein paar kulturell relevante Orte. Allen voran eine lückenlose Beschilderung. Check! Begleitet von gelegentlichen Übersichtstafeln lotst das geschwungene G, das Goethe im Schriftverkehr oft als Namensabkürzung führte, Wandernde durch Mischwälder und über Bergwiesen, vorbei an Kräutern, Bärlauch und Heidelbeeren. Die Streckenführung, eine Kombi aus landschaftlich-attraktiv und historisch-interessant, ist ein weiteres Plus. Weitere Stationen haben nicht immer, aber oft mit Goethe zu tun und auch nicht immer mit seiner Dichtkunst. Beispiel Manebach, wo er im Garten des Kantorhauses naturwissenschaftliche Zeichnungen anfertigte. Der kleine Ort an der Ilm gilt als Wiege der Paläobotanik.
Wer beim Aufstieg zur Helenenruhe zurückblickt, denkt vielleicht an Goethes Worte: „Anmutig Thal, du immergrüner Hain, mein Herz begrüst euch wieder auf das Beste …“ Und daran, ob das Kleinod womöglich auch Modell stand für Modelleisenbahnlandschaften. Wegen der malerischen Häuser, der Wiesen, der dichten Fichten. Sogar eine Bahnstrecke gibt es, wenngleich diese nur zu bestimmten Terminen bedient wird. An Sommerwochenenden etwa fährt der Rennsteigshuttle von Erfurt aus nach Stützerbach (und weiter), manchmal sogar eine Dampflok.
Aber wie heißt es bei Goethe? „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen!“ Also weiter bergauf, vorbei an der Sophienquelle zum Großen Hermannstein. Die letzten Meter legt man über eine Leiter zurück, doch die leichte Kraxelei lohnt sich: Zum einen weist die Felsformation viele Flechten und Moosarten auf, zum anderen ein tolles Panorama. Das hat Goethe gar zu dem Gemälde „Dampfende Täler bei Ilmenau“ inspiriert. Nicht das einzige Mal, dass er statt zum Schreib- zum Zeichenstift griff, auch die nahe Höhle malte er. Allerdings ohne Charlotte von Stein, die er hier, woran ein Schild erinnert, zu einem Tête-à -Tête traf.
Grandioser Fernblick vom Aussichtsturm
Auch wenn 1.700 Briefe eine intensive Beziehung bezeugen, war diese wohl platonisch. Überhaupt legte Goethe ein weitaus passiveres Balzverhalten an den Tag als sein Freund, der Weimarer Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Die beiden waren viel in Ilmenau und dem „geliebten Stützerbach“ unterwegs, Stichwort Wasserbäder und Weingenuss. Die im Gedicht „Ilmenau“ befindliche Episode „Nachtlager im Finsteren Loch“, einem dunklen Talkessel samt Wasserfall, gibt da wie das gleichnamige Gemälde Einblicke: hier das herzogliche Gelage, dort der vernünftige Goethe.
Weit und hell geht es einige Kilometer davor auf dem Kickelhahn zu. O-Ton Goethe: „Die Aussicht ist groß, aber einfach.“ Groß? Klar. Aber einfach? Hm. Wobei damals noch kein Aussichtsturm existierte. Der kam erst 1855 und war doch der erste seiner Art in Thüringen. Seit der Sanierung 2021 lohnt der Aufstieg erst recht. 107 Stufen sorgen zwar für einen leichten Drehwurm, aber oben wartet ein grandioser Fernblick.
Direkt darunter erspäht man die Gerichte der „Berggaststätte Kickelhahn“, auch sie „groß und einfach“. Damit ähnelt das Angebot dem in der „Waldgaststätte Auerhahn“. Deutlich edler geht es in dem dazwischen liegenden „Berg- und Spa Hotel Gabelbach“ zu, Weg-Gastronomie Nummer drei. Egal ob man irgendwo einkehrt oder ein Picknick verzehrt: Die Öffnungszeiten der Museen im Blick behalten! Zum einen ist da noch das Jagdhaus Gabelbach. Der spätbarocke Zweckbau, 1783 in aller Eile erbaut, um als Gästehaus Carl August und seiner Jagdgesellschaft zu dienen (der Festsaal macht tatsächlich was her), beherbergt neben Tier- und Pflanzenpräparaten und Jagdequipment auch interaktive Medienstationen. Die darf man im 2015 neu gestalteten Museum Goethehaus Stützerbach nicht erwarten. Untergebracht im Ex-Haus des Glashüttenbesitzers Gundelach, in dem Goethe mehrmals nächtigte, sind dort diverse Schreiben, Schränke und naturwissenschaftliche Studien von ihm zu sehen.
Romantisches Schortetal
Was zwischen beiden Museen zu sehen ist? Viel Natur! Die Ochsenwiese begeistert mit einem Meer gelber Arnika, das romantische Schortetal mit Farnen und moosbewachsenen Steinen am Flussufer, und dann sind da noch der Knöpfelstaler Teich und eben das Finstere Loch. Wer an diesem landschaftlich schönsten Abschnitt Gefallen findet, setzt mit dem Umweg über den Seifigen Teich noch eins drauf. Oder gleich zum Schlussspurt nach Stützerbach an. Über den idyllischen Kneipp-Ort, noch heute in den deutschen Luftkurorte-Top-20, notierte Goethe: „Was weiß ich, was mir hier gefällt, in dieser engen, kleinen Welt, mit leisem Zauberband mich hält …“