Alle drei Jahre schrecken deutsche Bildungspolitiker auf, wenn die gefürchtete Pisa-Studie veröffentlicht wird. Auch der jährliche Bildungsmonitor zum Ranking der Bundesländer stimmt viele Kultusminister nachdenklich über den deutschen Wissensstand.
Für Sachsens Bildungsminister Conrad Clemens (CDU) war es wieder ein bisschen wie ein Heimspiel. Bereits bei der vergangenen Pisa-Studie 2022 landete Sachsen bei den Naturwissenschaften auf dem ersten Platz. Jetzt, beim Bildungsmonitor 2025, landete Sachsen zum wiederholten Mal auf dem ersten Platz. Der Freistaat scheint bei der Bildung an Schulen und Hochschulen alles richtig zu machen. Ähnlich wie der andere Freistaat, Bayern, der von den Sachsen vor sechs Jahren auf den nun immerwährenden zweiten Platz verdrängt wurde.
Höchste Ausgaben für Bildung
Aber was läuft in Sachsen an den Schulen besser – und warum? Bildungsminister Conrad Clemens (CDU) hat eine relativ einfache Erklärung: „Der höchste Ausgabenposten im sächsischen Landeshaushalt geht in Bildung. Daraus wird dann gute Schulqualität und geringe Bildungsarmut“, erklärt er. „Doch Bildung fängt für uns in Sachsen viel früher an. Gerade im Westen wird die Kindertagesstätte vor allem als Betreuungseinrichtung verstanden. Bei uns ist Kita eine Bildungseinrichtung.“ Eine freundliche, aber bestimmte Ansage aus Dresden an seine Kultusminister-Kollegen im Westen der Republik. Dabei hat es sich von Baden-Württemberg bis nach Schleswig-Holstein längst herumgesprochen, dass frühkindliche Bildung ein verlässlicher Garant für spätere gute Schulleistungen ist, wie der sächsische Bildungsminister Clemens anschaulich erklärt: „Das ist der erste Schritt in die frühkindliche Bildung, Familien können ihre Kinder flächendeckend jeden Tag bei uns für bis zu neun Stunden in die Kindertagesstätte bringen. Wir bieten für alle Eltern Krippenplätze schon ab dem ersten Lebensjahr an. Wir haben einen hohen Personalschlüssel. Dazu kommt: Zwölf Prozent der Betreuungskräfte in den Kitas haben ein abgeschlossenes Studium. In den Schulen bieten wir dann eine flächendeckende Ganztagsbetreuung an.“
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens räumt bei der Aufzählung freimütig ein, dass dieses Konzept nun tatsächlich nicht so neu ist, sondern schon erfolgreich im zweiten deutschen Staat erprobt wurde. „Dieses umfassende Betreuungssystem von der Krippe bis zur Oberschule ist ganz sicherlich auch ein DDR-Erbe, das wir uns erhalten haben.“ In der DDR ging es nicht anders. Arbeitskräftemangel war ein ständiger Begleiter des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“, wie die DDR offiziell im SED-Jargon genannt wurde. Ohne voll berufstätige Frauen hätte die sozialistische Wirtschaft nicht bis zum November 1989 durchgehalten. Obendrein hatte die DDR eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Doch die jungen Mütter wurden in der Produktion gebraucht, daher das flächendeckende Betreuungssystem von der Krippe bis zur Polytechnischen Oberschule.
Sachsen hat dieses System zu Beginn der 2000er-Jahre wiederaufgebaut, nachdem es in allen neuen Bundesländern nach der Wende aufgegeben worden war. „Dieses umfassende Betreuungssystem sorgt nun heute auch dafür, dass Sachsen die höchste Beschäftigungsquote von Frauen von allen Bundesländern hat“, freut sich Sachsens Bildungsminister Clemens. Damit stehen mehr Frauen für Hochschulen und Forschung bereit. Auch da kann sich Sachsen im bundesweiten Ranking blicken lassen.
„Wir sind auf einem guten Weg“
Zumindest in Berlin sind diese Botschaften aus dem ostdeutschen Freistaat angekommen. „Schulbildung muss in einer roten Linie gedacht werden, von der Kita bis zum Berufsübergang“, bringt es nun auch die Berliner Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) auf den neuen Bildungs-Punkt der Bundeshauptstadt. Darum gibt es nach langem politischen Hin und Her, seit dem neuen Schuljahr auch in Berlin wie in Sachsen und Hamburg, für alle Vierjährigen einen „verpflichtenden“ Sprachstandstest. Beim IW-Bildungsmonitor 2025 freute sich die Berliner Bildungssenatorin über einen beachtenswerten elften Platz, nach dem, für Berliner Verhältnisse, schon überraschenden zwölften Platz im vergangenen Jahr. „Man sieht am Bildungsmonitor, wir sind auf einem guten Weg, aber um im ersten Drittel unter den Ländern zu landen, wird es noch drei, vier Jahre dauern“, schätzt Günther-Wünsch die zukünftigen Aussichten wohl mehr als realistisch ein. Vor allem, weil der elfte Platz im IW-Bildungsmonitor das gesamte Bildungssystem eines Bundeslandes, von der Grundschule bis zur Forschung, erfasst. Letzteres hat den Bildungspolitikern der Hauptstadt die aktuelle Platzierung beschert. Vor allem bei der Forschung liegt Berlin mit seinen vielen Hochschulen ganz weit vorne. Das ist weniger ein Verdienst der politischen Entscheider Berlins, sondern der Wirtschaft zu verdanken, die entsprechende Aufträge auch an die Hochschulen erteilt. Rechnet man Hochschulen und Forschung aus den Bildungsmonitor-Parametern aus dem Gesamtergebnis raus, wäre Berlin allein bei den Schulen auf dem 14. oder 15. Platz gelandet, also unter den letzten drei.
Bei allen Klagen über das deutsche Bildungssystem und seine Unzulänglichkeiten brillierte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) Anfang September mit einer guten Bildungsnachricht, die sie in der Bundespressekonferenz stolz verkündete: „Deutschland ist MINT-Weltmeister.“ Die 47-Jährige freute sich damit über die vielen Abschlüsse in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in Deutschland. 35 Prozent sind Absolventen eines Bachelor- oder gleichwertigen Programms in einem MINT-Fach. Das ist der höchste Anteil unter den 38 Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Die Ergebnisse der jüngsten OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ werden aber doch verwässert. Die Schere zwischen dem oberen und unteren Bildungsniveau junger Erwachsener in Deutschland geht weiter auseinander. Inzwischen hat jeder siebte junge Erwachsene hierzulande zwischen 25 und 34 Jahren weder Fachhochschulreife noch eine Berufsausbildung, das sind 15 Prozent – zwei Prozentpunkte mehr als noch vor sechs Jahren. In der EU stehen nur Italien, Portugal und Spanien schlechter da. Im selben Zeitraum ist dagegen aber der Anteil der jungen Erwachsenen mit Hochschulabschluss von 33 auf 40 Prozent gestiegen. Diese wachsende Kluft in der Bildung sei besorgniserregend, schreibt die OECD in ihrer Analyse. Die Schere drohe in den kommenden Jahren weiter auseinanderzugehen.