Hochsaison im kleinsten Krankenhaus Deutschlands: Mitten im Zentrum von Borkum kümmern sich Ärzte und Pflegekräfte um alles, von Sonnenstich bis Fahrradunfall. Trotz begrenzter Kapazitäten ist das kleine Krankenhaus für die Insel unverzichtbar.
Auf einer großen Nordseeinsel, nah an der niederländischen Grenze und weit draußen im Meer, liegt das kleinste Krankenhaus in Deutschland. Die Insel Borkum hat nicht nur mehr Fläche als die anderen ostfriesischen Inseln, sondern auch deutlich mehr Bewohner sowie die größte Jugendherberge Deutschlands. Mit über 5.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, vielen Rehagästen und auch circa 300.000 Urlaubern im Jahr liegt es nahe, dass neben einer Rettungsstation auch ein Krankenhaus einen festen Platz auf der Insel hat.
Das Krankenhaus befindet sich direkt im Zentrum der Stadt Borkum. Besonders in der Hochsaison ist das Krankenhaus mit seinen acht Betten gut ausgelastet. Im Sommer kommen vor allem Urlaubsgäste auf die kleine Station oder werden ambulant im Notfallzentrum betreut.
„In der Hochsaison haben wir viele Fahrradunfälle. Seien es Kinder aus der Jugendherberge oder Menschen, die in der Heimat wenig Fahrpraxis haben und die Wege auf Borkum nicht so gut kennen. Anders als früher kommen viele ältere Menschen auf die Insel. Da liegt der Fokus oft auf der Behandlung von Vorerkrankungen“, sagt der leitende Chefarzt Dr. Stefan K. Förg.
Vieles, was wir im Inselkrankenhaus Borkum vorfinden, kennen wir auch aus Kliniken auf dem Festland. Auch die Strukturen sind ähnlich, nur die Wege deutlich kürzer. Im Dienst sind immer parallel zwei Ärzte mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Anders als an Kliniken auf dem Festland läuft hier die telemedizinische Verbindung auf Hochtouren.
Das kleine Klinikum ist mit dem Mutterkonzern der Klinikum Leer gGmbH bestens verbunden. Viele Verdachtsdiagnosen und vor allem Röntgenbefunde werden mit den Kolleginnen und Kollegen auf dem Festland besprochen. Chefarzt Dr. Stefan K. Förg und sein Team sind spezialisiert auf Notfallmedizin und Innere Medizin. Sie können somit nicht alle Unfälle allein beurteilen.
Enge Zusammenarbeit mit Klinikum Leer
„Durch die telemedizinische Anbindung an das Klinikum Leer haben wir direkte Verbindungen zu den Fachabteilungen des Klinikums. Bei speziellen Fällen können wir auch mit anderen Kliniken und deren Spezialabteilungen in Kontakt treten und gemeinsam die bestmögliche Therapie finden“, erklärt Dr. Stefan K. Förg.
Jedoch sind am kleinsten Klinikum alle konservativen Therapien möglich. Von kreislaufstabilisierenden Maßnahmen nach einem Sonnenstich bis hin zum Anlegen einer Gipsschiene nach einem Sturz ist alles machbar. Auch intensivmedizinisch können Patientinnen und Patienten betreut werden, bis sie von einem Rettungshubschrauber ausgeflogen werden können.
„Besonders für ältere oder eingeschränkte Menschen ist es oftmals ein großer Wunsch, noch mal auf die Insel zu kommen – beispielsweise nach größeren Untersuchungen oder überstandenen Operationen. Wenn es dann zu Komplikationen kommt, behandeln wir die Erkrankten so gut es geht und müssen sie schnell wieder aufs Festland bringen“, erläutert Dr. Kirsten Heisler.
Sie ist verantwortlich für die ärztliche Koordination des Inselkrankenhauses und übernimmt ebenfalls Dienste auf Borkum. Als leitende Chefärztin in der Zentralen Patienten- und Notaufnahme des Klinikums Leer bringt sie darüber hinaus ihre weitreichende Expertise mit auf die Insel.
Auch Kinder werden bei schwereren Infektionen lieber schnell mal aufs Festland gebracht. Neben den vielen Urlaubern im Sommer kommen auch Rehagäste oder Einheimische in die Klinik. Bei Rehagästen mit Atemwegserkrankungen kommen teilweise starke Infektionen vor, die dann klinisch behandelt werden müssen. Das Reizklima der Nordsee ist in der Regel gut und förderlich für Personen mit chronischen Erkrankungen, doch manchmal kann das Klima auch schädlich sein und zu neuen Krankheiten führen. Vor allem in den Wintermonaten kommt es auch zu längeren Klinikaufenthalten auf Borkum.
„Stationäre Patientinnen und Patienten sind bei uns in der Regel nicht länger als drei Tage. In den Wintermonaten kann es sein, dass Erkrankte bis zu zwei Wochen bei uns liegen und therapiert werden müssen“, sagt Dr. Stefan K. Förg.
Im Sommer sieht es doch etwas anders aus. Da sind die meisten Urlaubsgäste zur akuten Versorgung da. Von kleineren Schnittverletzungen oder Sonnenbrandbehandlung bis zu lebensbedrohlichen Vorfällen ist alles dabei. In der Regel ist das Krankenhaus für Notfälle 24 Stunden erreichbar. So sind die Medizinerinnen und Mediziner an Strandtagen schnell im Dauereinsatz. Dem Stress begegnen sie sehr unterschiedlich. Um den eigenen Akku wiederaufzuladen, nimmt Dr. Stefan K. Förg gern ein Bad in der Menge am Strand und versetzt sich nach dem Dienst direkt ins Urlaubsfeeling. Andere Kollegen und auch Dr. Kirsten Heisler suchen lieber den weiten Strand und die Ruhe auf, um wieder Kraft zu tanken.
Viele Vorteile im kleinen Haus
Im Gegensatz zum großen Klinikapparat hat ein kleines Krankenhaus neben dem Urlaubsgefühl auch weitere Vorteile. „An dem Inselkrankenhaus schätze ich besonders die hohe Verlässlichkeit im Team und die kurzen Wege. Bemerkenswert ist auch, dass auf Borkum vieles geschafft werden kann, obwohl wir dort mit weniger auskommen müssen. Wir haben weniger Möglichkeiten in der Diagnostik als ein klassisches Notfallzentrum und können jedoch viele Patientinnen und Patienten ausreichend gut versorgen“, bekräftigt Dr. Kirsten Heisler.
Blicken wir auf die Statistik, wird deutlich, dass das Inselkrankenhaus gebraucht wird. Dennoch ist die Zukunft immer wieder ungewiss. Mit circa 700 stationären Patienten im Jahr kann es nur weiterhin als Haus des Klinikums Leer bestehen. Auf Nachfrage erläutert Daniela Kamp, die Geschäftsführerin der Klinikum Leer gGmbH, dass sie sich mehr Unterstützung wünscht.
„In Bezug auf die Strukturanforderungen sollte es mehr Ausnahmeregelungen für kleine Krankenhäuser geben. Auch sollte auf politischer Ebene diskutiert werden, welche Krankenhäuser bedarfsgerecht sind und wenn sie als nicht bedarfsgerecht eingestuft werden, wie alternative Behandlungsmöglichkeiten für Patienten aussehen können.“
Besonders in der Hochsaison setzt das Inselkrankenhaus zudem auf engagierte Mitarbeitende, denn die personelle Situation ist nicht immer ausreichend. Vor allem im ärztlichen Bereich ist es teilweise schwierig, sagt die Geschäftsführerin.
Doch Dr. Stefan K. Förg kann sich keinen besseren Arbeitsort vorstellen. Seit über elf Jahren arbeitet er im Inselkrankenhaus und parallel im angrenzenden MVZ. Wenn er doch mal etwas Ruhe vom Trubel braucht, nimmt er sein Fahrrad und radelt zum östlichen Teil der Insel. Die weiten Wiesen erinnern ihn immer wieder an seine münsterländische Heimat.