Mit Mönchengladbach und Real Madrid war er je dreimal Landesmeister, dazu zweimal Uefa-Cup-Sieger und mit der deutschen Nationalelf 1980 Europameister sowie 1982 Vizeweltmeister. Er war in drei Ländern Nationaltrainer. Heute genießt der 70-Jährige seinen Ruhestand.
Schon mit 22 Jahren entschloss sich Uli Stielike zu einem Wechsel zu Real Madrid, nachdem er mit seinem bisherigen Club Borussia Mönchengladbach dreimal nacheinander Deutscher Meister geworden war. „Die Chance, für einen Club zu spielen, bei dem schon Legenden wie Di Stefano, Puskas, Santamaria oder Gento aktiv waren, darf man sich nicht entgehen lassen“, begründete Stielike seinen gewagten Schritt. In seinen acht Jahren bei den „Königlichen“ wurde der Weltklasse-Mittelfeldspieler selbst zur Legende und mehrfach als „wertvollster“ ausländischer Profi geehrt. Heute sieht Stielike seinen Wechsel zu Real als Grund dafür, dass er in der deutschen Nationalmannschaft ausgebootet wurde: „An mir wurde ein Exempel statuiert. Ich wurde wie ein Fahnenflüchtiger behandelt“, wird er im Magazin „Elf Freunde“ zitiert. Das habe sogar angehalten, als er später wieder ins DFB-Team zurückgekehrt ist.
Behandelt wie ein Fahnenflüchtiger
Auch als National- und Vereinstrainer kann Stielike große Erfolge aufweisen, bis er 2020 im Alter von 66 Jahren nach dreijähriger Tätigkeit beim chinesischen Erstligisten Tianjin Teda seine Karriere beendet hat. Heute blickt er kritisch zurück: „Der Fußball hat sich in eine Richtung entwickelt, die weit weg ist von dem, was mich dazu gebracht hat.“ Stielike verfolgt den aktuellen Fußball deshalb „nur noch vom Rand“ und geht nicht mehr ins Stadion. „Dass ein Spieler, der kaum eingesetzt wird, innerhalb kürzester Zeit zum Millionär wird, das kann ich nicht verstehen“, begründet er seine weitgehende Abstinenz. Außerdem werde der Fußball in Deutschland teilweise zu sehr modernisiert, weil jeder Spieler „alles spielen muss und uns im Zug der Allgemeinausbildung die Spezialisten verloren gegangen sind, die früher den Unterschied gemacht haben.“ Wenn man beispielsweise von Gerd Müller verlangt hätte, in jedem Spiel mindestens zehn Kilometer zu laufen, „wäre das in die Hose gegangen“. Auch einige Regelentwicklungen stoßen bei Stielike auf Ablehnung, weil sie zu „einem Kuddelmuddel“ führen und es für Stürmer effektiver sei, dem Gegenspieler im Strafraum an die Hand zu schießen, als im Dribbling den Weg zum Tor zu suchen. Zudem hält er sich auch aus Sicherheitsgründen von Fußballstadien weitgehend fern. Es gebe dort außerhalb des Spielfeldes zu viel Gewalt, weil manche sogenannten Fans sich damit ins Rampenlicht stellen wollen: „Wer zehn Bengalos abfeuert, wird zwar abgeführt, bekommt aber noch eine Titelseite.“ Stielike betonte 2024 beim Nachrichtenportal „Watson“, dass er als „Fußball-Pensionär“ heute zwar nicht den Wettkampf vermisst, dafür aber „den Umgang mit den Spielern, die Trainingsarbeit, die Gespräche, die Videoanalysen.“ Trotz seiner schönen aktiven Zeit kann er sich aber eine Rückkehr ins Fußballgeschäft heute nicht mehr vorstellen.
Als guter Kenner des deutschen und spanischen Fußballs zog Stielike anlässlich der Europameisterschaften im Vorjahr auch Parallelen der beiden Nationalteams und sieht die Südeuropäer mit ihrer langanhaltenden Qualität klar im Vorteil: „Die Spanier sind seit 2010 in Europa immer ganz vorne mit dabei. Ihre Leistung hat sich in den vergangenen 15 Jahren so richtig verfestigt“, lobt Stielike den neuen Europameister und bezeichnet dessen Mittelfeldmotor Rodri als den „bei weitem besseren, kompletteren Spieler“ als dessen deutsches Pendant Joshua Kimmich. Glücklich ist Stielike, dass er seine Trainerausbildung in der Schweiz absolvieren konnte. Dort habe man nämlich Wert daraufgelegt, dass im Training jeder 1.000 Mal den Ball berühren musste, während man in Deutschland „so und so viele Kilometer“ zu laufen hatte. Ins Schwärmen kommt Stielike bei Toni Kroos, der ihn bei Real als Superstar abgelöst hat. Kroos sei ein „wunderbarer Spieler“, der stark mit Real verwurzelt war und seinem Team viele Jahre auf Topniveau den Stempel aufdrücken konnte. Er ziehe den Hut vor ihm, weil er zu einem Zeitpunkt aufgehört habe, wo er noch ein paar Jahre für sehr viel Geld hätte weiterspielen können.
Er schwärmt von Toni Kroos
Kritisch äußert sich Stielike zu seiner „sehr stressigen“ letzten Trainerstation in China, weil die drei Jahre lang „unheimlich viel Druck von oben“ gemacht worden sei, und zwar von Verantwortlichen in Unternehmen und Politik, „die von Fußball keine Ahnung haben.“ Deshalb sei es ihm 2020 leichtgefallen, seine lange Trainerkarriere zu beenden.
Seit 2012 lebt Stielike mit seiner Frau Doris in der Nähe von Marbella in Andalusien und spielt regelmäßig Golf mit Freunden und ehemaligen Fußballern. Das Paar hat drei Kinder, von denen der dreiundzwanzigjährige Sohn Michael 2008 nach einer schweren Lungenkrankheit verstorben ist, ein schwerer Schlag für Stielike, der damals seine Trainertätigkeit in Côte d’Ivoire eine Zeit lang unterbrechen musste. Öfter zu Besuch ist der „Fußball-Weltenbummler“ in Bochum, wo seine Tochter Daniela mit ihren Kindern lebt.