Kennet Eichhorn (16) zeigt bei Hertha BSC starke Leistungen – muss trotzdem aber weiter behutsam aufgebaut werden. Dennoch ruhen bereits große Hoffnungen auf ihm.
Beim Spielstand von 0:0 wechselte der aktuell erfahrenste Zweitligatrainer in der Schlussphase einen erst 16-jährigen Debütanten zur Stabilisierung des Defensivbereichs ein. So geschehen am zweiten Spieltag, als Stefan Leitl (inzwischen 223 Partien an der Seitenlinie im Unterhaus) von Hertha BSC gegen den Karlsruher SC einen historischen Vorgang initiierte: Kennet Eichhorn kam als Ersatz für Leon Jensen und stellte damit einen neuen Rekord auf. Im zarten Alter von 16 Jahren und 14 Tagen wurde der Teenager so zum jüngsten Spieler der Zweitligageschichte – doch Herthas Trainer ging es dabei nicht um irgendwelche Bestmarken: „Es spricht für ihn, in einer Phase, in der es nicht so lief, einen 16-Jährigen als alleinige Sechs zu bringen. Ich bin superzufrieden mit ihm, wir haben in einzelnen Phasen alle gesehen, was er mitbringt.“
Jüngster Spieler in der Geschichte der Liga
Auch Sportdirektor Benjamin Weber unterstrich nach der Premiere des Toptalents: „Kenny war direkt ganz gut drin und hatte gleich ein, zwei gute Momente – es macht Freude, den Jungen auf dem Platz zu sehen. Er hat’s nicht geschenkt bekommen, sondern hatte eine richtig gute Trainingswoche.“
Vor den 60.000 Zuschauern im Olympiastadion blieb der Teenager erstaunlich cool und absolvierte seine Aufgabe solide und fehlerlos. In Insiderkreisen hatte sich dabei längst herumgesprochen, welcher Rohdiamant dort im Hertha-Nachwuchs kickt, sodass in diesem Frühjahr ein Abschluss mit der Akademie des Bundesligisten Eintracht Frankfurt kurz bevor gestanden haben soll. Auch Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg bekundeten ihr Interesse an einem Wechsel Eichhorns in ihr Internat – doch die Verantwortlichen in der Hauptstadt blieben trotz des unvermeidlich erscheinenden Abgangs bei ihrem Toptalent beharrlich am Ball. Das wurde im Sommer belohnt, als bekannt wurde, dass sich der damals immer noch 15-Jährige doch vertraglich an die „Alte Dame“ gebunden hatte. „Langfristig“ hieß der Terminus in diesem Zusammenhang, die genaue Laufzeit blieb also diskret – wie überhaupt das Talent völlig zu Recht vor größerer Öffentlichkeit geschützt wird. In seinem jungen Alter soll Eichhorn nicht mit Interviews oder gar Homestorys behelligt werden – man weiß, dass zu viel Wirbel für einen Heranwachsenden schädlich sein kann.
Auch intern legte man sich auf eine spezielle Verfahrensweise fest und verzichtete auf eine sonst nicht unübliche Rotation zwischen Profikader, der U23 und der U19. So wurde der in Bernau bei Berlin geborene Jungprofi für den kompletten Trainingsbetrieb der Zweitligamannschaft eingeteilt, absolvierte die gesamte Vorbereitung mit ihr – konnte allerdings in den Testspielen noch nicht eingesetzt werden, weil sein 16. Geburtstag erst bevorstand. Doch das überschwängliche Lob seiner Mitspieler eilte ihm bereits voraus und ließ seinen Bekanntheitsgrad auch außerhalb der Kreise von Talentscouts und Fußballkennern anwachsen.
Schon gegen den KSC hatte Stefan Leitl in diesem Zusammenhang bereits einen Startelfeinsatz ins Gespräch gebracht – zu dem es dann am fünften Spieltag kommen sollte. Blieb er zum Saisonauftakt bei Schalke 04 (1:2) und in Darmstadt (dritter Spieltag, 0:0) auch mal auf der Bank, wurde er vor seiner nächsten Rekordmarke noch bei der 0:2-Heimniederlage gegen Elversberg zur Pause eingewechselt und zeigte erneut eine stabile Leistung. So war die Zeit gekommen – ausgerechnet im Spiel bei Spitzenreiter Hannover 96, wo der „Rookie“ also auch den Titel des jüngsten Startelfspielers in der Geschichte der 2. Liga für sich verbuchen konnte. Doch auch das war nur ein Randaspekt an diesem Abend – denn an der Seite von Leon Jensen spulte Eichhorn vor der Abwehr ein bemerkenswertes Pensum ab und war somit einer der Schlüsselspieler für den ersten Dreier von Hertha BSC in der laufenden Saison (und die erste Niederlage für die 96er). Der Trainer jubilierte anschließend sogar, sein junger Spieler sei im defensiven Mittelfeld der beste auf dem Platz gewesen – und das, obwohl Stefan Leitl sicher nicht zu den emotionalsten Vertretern seiner Branche zählt.
Fördern und fordern mit dem richtigen Maß
Dabei sprechen die Einsätze zwar für den 16-Jährigen – aber im Gegenteil nicht unbedingt für das Team, wenn er als einziger Lichtblick in dieser Saison wahrgenommen und fast schon in die Rolle eines Führungsspielers gedrängt wird. So war es dem Boulevard vergangene Woche sogar schon eine Schlagzeile – mit der dazugehörigen Meldung hinter der Bezahlschranke – wert, dass Eichhorn im Training von einem harten Schuss am Kopf getroffen wurde. Überhaupt musste der Teenager im Spiel zuvor schon die ersten Lektionen lernen, die ein junger Profisportler wegzustecken hat: Gegen Paderborn wieder von Beginn an auf dem Platz, konnte er der drohenden Heimpleite diesmal nicht nur wie seine Teamkollegen wenig entgegensetzen. Ein von ihm verursachter, dabei durchaus umstrittener Handelfmeter führte kurz nach Wiederbeginn obendrein zum vorentscheidenden 0:2 – dazu wurde er dann bereits vor der Pause verwarnt, in der 60. Minute von Stefan Leitl ausgewechselt. Auch eine Maßnahme, um den jungen Mann bei aller Stabilität zu schützen: Denn die große Aufgabe der Verantwortlichen besteht darin, das richtige Maß zwischen „Fördern und Fordern“ zu finden, ihm die notwendigen Pausen zur physischen ebenso wie zur mentalen Regeneration zu gönnen. So zeigte sich auch Michael Hartmann, „Talent- und Übergangstrainer“ bei Hertha BSC, bezüglich Eichhorns Qualitäten in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ voll des Lobes: „Er ist für sein Alter schon sehr weit, nicht nur körperlich: Er macht wenig Fehler, hat eine große Spielübersicht und wirkt sehr stabil.“ Andererseits betont der 51-Jährige in diesem Zusammenhang auch die spezielle Verantwortung gegenüber dem Youngster: „Er braucht Spielzeit, und gleichzeitig achten wir alle darauf, dass er behutsam aufgebaut wird – und sollte mal ein Leistungsloch kommen, kann er auch wieder in der U19 oder U23 spielen.“ So könnte er zu dem Profi reifen, den sein Jugendtrainer schon beim SV Mühlenbeck in ihm gesehen hat – von dort wechselte Eichhorn einst in die U9 von Hertha BSC. Bei seinem Profidebüt war Mike Vielitz im Olympiastadion und erzählte der „MAZ“ anschließend bewegt: „Wie entspannt er den Ball angenommen hat, welche Ruhe er in so einer Drucksituation ausgestrahlt hat – da hatte ich direkt Gänsehaut.“