Der VfL Bochum taumelt durch die Zweite Liga – sportlich verunsichert, strukturell instabil, finanziell unter Druck. Nach der Trennung von Trainer Dieter Hecking und Sport-Geschäftsführer Dirk Dufner ringt der Club um Orientierung, Vertrauen und eine Identität, die längst verloren scheint.
Beim VfL Bochum herrscht nach dem desaströsen Start in die Zweitliga-Saison 2025/26 und der Trennung von Trainer Dieter Hecking sowie Sport-Geschäftsführer Dirk Dufner eine Mischung aus Ratlosigkeit, Wut und leiser Hoffnung. Es ist eine Phase der Neuordnung, aber auch eine Phase des Nachdenkens darüber, was dieser Verein ist und was er einmal war. Die Entscheidung, sich von Hecking und Dufner zu trennen, war nicht weniger als ein Befreiungsschlag. Nach nur einem Sieg aus den ersten fünf Spielen und einem völlig blutleeren Auftritt gegen den SC Paderborn war der Handlungsdruck groß geworden. Vor allem die Entlassung Dufners, der erst wenige Monate zuvor installiert worden war, wurde in der Fanbasis mit Erleichterung aufgenommen. Zu konfus wirkte seine Transferpolitik, zu sehr war sein Agieren von Alleingängen und Personalentscheidungen aus dem eigenen Umfeld geprägt.
Transferperiode wie eine Not-Operation
Die Verpflichtung von Kevin Vogt, ablösefrei, aber mit einem offenbar hochdotierten Vertrag ausgestattet, sowie der gestoppte Transfer von Yusuf Kabadayi, dem juristische und politische Altlasten anhafteten, hatten innerhalb des Vereins für Unmut gesorgt. Dufner stand für eine Entfremdung zwischen sportlicher Leitung und Clubidentität. Das wurde spätestens in dem Moment offensichtlich, als Moritz Broschinski, bester Angreifer der Vorbereitung, gegen den Willen des Trainers für 2,5 Millionen Euro nach Basel verkauft wurde. Ersatz? Fehlanzeige.
Es war eine Transferperiode, die sich wie eine Notoperation an einem ohnehin geschwächten Patienten anmutete. Talente wie Kjell Wätjen, Francis Onyeka oder Farid Alfa-Ruprecht stehen exemplarisch für eine Verjüngung, die in sich zwar nachvollziehbar, in der Summe jedoch zu radikal und ohne erfahrenes Gerüst vollzogen wurde. Der vielzitierte „mobile striker“ kam in Person von Michael Obafemi, allerdings verletzt und ohne Wettkampfpraxis. Eine Verstärkung für die Zukunft, nicht für die akute Notlage.
Hecking, der einst mit der Erfahrung aus über 400 Bundesligaspielen geholt wurde, konnte die Gemengelage nicht stabilisieren. Sein Plan vom dominanten Ballbesitzspiel blieb Flickwerk, sein Team wirkte taktisch überfrachtet und gleichzeitig spielerisch entkernt. Die Defensive war labil, die Offensive ideenlos. Ein Highlight war der sensationelle 3:2-Sieg beim FC Bayern im Frühjahr, als Bochum nach 0:2-Rückstand noch gewann – ein letztes Aufbäumen vor dem freien Fall. Danach kam nichts mehr. Der VfL stieg sang- und klanglos ab. Der Start in die 2. Liga verlief dann genauso.
Dass Verletzungen den Saisonstart zusätzlich erschwerten, gehört zur ganzen Wahrheit dazu: Erhan Masovic fiel nach einem Lungenkollaps lange aus, Sissoko verletzte sich im Pokal und wird noch Monate fehlen. Doch die Misere auf dem Platz ließ sich damit nur bedingt erklären. Die Spielidee blieb unklar, das Spiel gegen den Ball unstrukturiert, die Spielverlagerung eindimensional. Statt Tempo und Präzision regierte der lange Ball – ideenlos, hilflos.
Selbstzweifel belasten das Team
Mit David Siebers steht nun ein Mann an der Seitenlinie, der den Club lebt wie kaum ein anderer. Seit elf Jahren im Verein, zuletzt U19-Trainer, gilt der 38-Jährige als akribischer Arbeiter mit klarer Idee. Seine Beförderung zum Interimscoach wurde von der Anhängerschaft mit verhaltener Neugier, aber auch Sympathie aufgenommen. Er steht für eine neue Sprache, für Pressing, für Wiederannäherung an die DNA des VfL.
Dass sein Einstand beim 1. FC Nürnberg mit einer 1:2-Niederlage misslang, ändert nichts an seinem grundsätzlichen Ansatz. „Victory, Fight, Love“ ist das Motto, mit dem Siebers die Mannschaft emotional packen will. Seine Aussagen atmen Vereinsliebe und Glauben an Entwicklung. Er wird weiterhin von Clublegende Anthony Losilla unterstützt – dieser war jedoch auch schon an den ersten Spieltagen dabei.
Trotzdem war der Auftritt in Nürnberg ernüchternd. Die Bochumer präsentierten sich nach frühem Pressing kraftlos, im Spielaufbau harmlos und in der Defensive fahrig. Die wenigen Offensivaktionen blieben Stückwerk. Der schmeichelhafte Ausgleich durch einen Elfmeter hielt nur kurz – in der Nachspielzeit kassierte der VfL den entscheidenden Gegentreffer. Danach: betretenes Schweigen, Schulterzucken, wütende Fans im Gästeblock.
Auch die Spieler bestätigen die Krise. Maximilian Wittek sprach offen von Selbstzweifeln, davon, dass „der Kopf losgeht“. Es fehlt an Überzeugung, an Zusammenspiel, an Mut. Felix Passlack beklagte eine zu hohe Anzahl langer Bälle, zu wenige Lösungen im Spiel mit dem Ball. Das Team wirkt gehemmt – und der Trainer muss in kürzester Zeit Strukturen schaffen, die Stabilität und Selbstvertrauen bringen. Ein weiteres Problemfeld ist die fehlende Bindung zwischen Mannschaft und Fans. Die Szene zeigt sich enttäuscht, nicht nur vom sportlichen Misserfolg, sondern auch vom Auftreten auf dem Rasen. Die Ultras beklagen mangelnden Einsatz, zu wenig Kampf, keine Identifikation. Nach der Niederlage in Nürnberg standen die Spieler minutenlang vor dem Block – ein symbolisches Bild für die Distanz, die gewachsen ist. Und doch liegt genau dort auch ein möglicher Hebel: Mit ehrlicher Kommunikation, sichtbarem Einsatz und einer Mannschaft, die sich nicht zu schade ist, auch gegen Widerstände zu arbeiten, könnte der Verein zumindest emotionale Stärke zurückgewinnen. Die Fans machten sich nach dem Spiel gegenüber der Mannschaft Luft; von einer „Ansage“, die das Team bekommen haben soll, wollte Passlack nach dem Spiel nicht sprechen.
Auf den Spuren von Schalke 04
Hinzu kommt die wirtschaftliche Schieflage, die durch weiterlaufende Verträge für Hecking und Dufner verschärft wird. Ilja Kaenzig, Sportdirektor des VfL, versuchte, die Situation zu relativieren, sprach davon, dass man mit Trainerwechseln mittlerweile plane. Doch intern ist klar: Der finanzielle Spielraum im Winter wird eng. Und erneut ist von Kreativität die Rede, nicht von gezielter Verstärkung – ein gefährliches Spiel.
Was fehlt, ist eine klare sportliche Idee, auf allen Ebenen. Die Transfers, die Kommunikation, die Ansprache – vieles wirkt nicht abgestimmt. Und im Hintergrund bleibt die Angst, das Schicksal des FC Schalke zu teilen: ein einstiger Bundesligist, der im Unterhaus den Anschluss verliert. Während Neu-Coach Miron Muslic auf Schalke mittlerweile mit klarer Idee für Stabilität sorgt, bleibt Bochum ein Suchender. Schalke brauchte dafür einige Jahre und Skandale – so viel Zeit hat der VfL jetzt nicht.
Die kommenden Aufgaben könnten zu Richtungsweisern für den gesamten Verein werden. Bleibt Siebers im Amt? Wird ein externer Coach installiert? Und was passiert mit dem Kader, der aktuell weder eingespielt noch in sich stabil erscheint? Die Stimmung rund um die Castroper Straße ist angespannt. Selbst verdiente Spieler wie Matus Bero oder Philipp Hofmann wirken gehemmt. Bei Sissoko gab es verletzungsbedingte Ausfälle. Die jungen Spieler zeigen Anlagen, können aber keine Verantwortung übernehmen. Die Hierarchie wackelt, das Gefüge ist brüchig.
Die strukturelle Frage bleibt: Wer verantwortet den Neuanfang? Siebers könnte die Lösung sein, wenn man ihn lässt. Doch ausgerechnet in Bochum ist die Geduld eine Ressource geworden, die rarer ist als Spieler mit Torriecher. Was bleibt, ist ein Club auf der Suche – nach sich selbst, nach einem Plan, nach einer Identität. Der Aufstieg ist längst kein Ziel mehr, es geht um das nackte sportliche Überleben. Wieder einmal.
Und genau deshalb braucht der Verein mehr als bloße Hoffnung. Er braucht Entscheidungen, Konzepte, Klarheit. Die Übergangslösung Siebers hat das Potenzial, mehr zu sein – wenn man ihm vertraut, ihn unterstützt und nicht beim ersten Gegenwind opfert. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob aus dem Interimsprojekt eine Zukunftsvision wird. Ansonsten droht dem VfL Bochum ein weiteres verlorenes Jahr – oder mehr