Eugen Polanski durchlief bei Borussia Mönchengladbach seine gesamte Jugend und wurde zum Profi. Nun ist er selbst Cheftrainer der Profis. Zunächst nur vorübergehend. Doch er bringt vieles mit, um zur Dauerlösung zu werden.
Es gab schon TV-Moderatoren, die aus Versehen von Roman Polanski sprachen. Oder von Eugen Podolski. Mit dem eigentlich recht einfachen Namen des Eugen Polanski tat sich manch einer im Laufe der Jahre schwer. Dabei hat der 39-Jährige, der mindestens übergangsweise Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach ist, durchaus Spuren in der Fußball-Bundesliga hinterlassen. 254 Spiele absolvierte er dort, war an 34 Toren beteiligt. Dazu hat er 61 Junioren-Länderspiele für Deutschland absolviert und 19 A-Länderspiele für sein Geburtsland Polen. Inklusive der Teilnahme an der EM 2012, wo er in allen Spielen in der Startelf stand.
Als Spieler stets ein Trainerliebling
Für das damals stark besetzte A-Team Deutschlands reichte es nicht, obwohl der defensive Mittelfeldspieler Polanski viele gute Eigenschaften vermengte. Er war ungemein kampfstark, technisch ordentlich, hatte ein extrem gutes Spielverständnis und einen guten Fernschuss. Zudem war er immer schon extrem ehrgeizig. „Verlieren werde ich immer abgrundtief hassen, das werde ich in meinem Leben auch nicht mehr lernen. Aber ich glaube, dass das eine meiner größten Stärken ist“, sagte er kürzlich: „Ich lasse nicht mal meine Kinder beim Spielen freiwillig gewinnen. Und nach Niederlagen kam es schon vor, dass ich mit meiner Frau zwei, drei Tage nicht gesprochen habe.“
In Mönchengladbach, wo der mit zwei Jahren mit seinen Eltern aus Polen ins nahe Viersen gekommene Polanski seit dem achten Lebensjahr spielte, wurde er zum Stammspieler in der Bundesliga. Er spielte ein Jahr beim FC Getafe in Spanien, dann vier Jahre in Mainz und fünf in Hoffenheim. Dabei hatte er das große Glück, mit großen Trainern arbeiten zu dürfen. Und er war mit seinem engagierten Spiel auf dem Feld und seiner reflektierten Art daneben auch fast überall ein Trainerliebling. „Von Jupp Heynckes habe ich vor allem das Menschliche gelernt. Thomas Tuchel hat mir gezeigt, wie wichtig Details sind. Manchmal können 20 Zentimeter im Spiel den Unterschied machen“, sagte Polanski: „Julian Nagelsmann hat mich am Ende meiner Karriere dazu gebracht, über den Tellerrand hinauszuschauen.“
Stammplatz unter Horst Köppel
Der heutige Bundestrainer Nagelsmann habe ihn dabei „am meisten geprägt. Er ging in eine ähnliche Richtung wie Thomas Tuchel, war aber noch einen Tick besser für mich, weil er noch lösungsorientierter und einen Tick menschlicher war.“ Und Nagelsmann war es auch, der Polanski regelrecht dazu drängte, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen: „Am Ende ist er mir so lange auf den Sack gegangen, bis ich mich zu den Lehrgängen angemeldet habe.“ Wie groß der Respekt war zwischen den beiden, zeigte die Saison 2017/18. Hoffenheim qualifizierte sich mit Polanski und dessen ein Jahr jüngerem Chef Nagelsmann für die Champions League. Der Mittelfeldspieler kam aber kaum noch zum Einsatz. Zur Qualifikation für die Königsklasse habe er „sportlich wenig beigetragen“, sagte Polanski selbst: „Mehr von Montag bis Freitag. Am Wochenende hatte ich fast frei.“ Doch er akzeptierte es mit den Worten: „Es ist ein Mannschaftssport, da gibt es das Wort ‚Ich‘ eigentlich nicht.“ Dies rechnete ihm Nagelsmann hoch an und wechselte ihn am letzten Spieltag gegen Dortmund noch mal ein, obwohl Polanski selbst wegen der sportlichen Situation gar nicht damit gerechnet hätte. Wer so mit seiner sportlichen Lage umgeht, taugt zum Trainer, muss Nagelsmann gedacht haben. Und wenn ich bei Nagelsmann nicht mehr spiele, lasse ich es lieber, könnte Polanski gedacht haben. Er beendete jedenfalls nach dieser Spielzeit seine Karriere mit nur 32 Jahren. Und startete die zweite Laufbahn dort, wo die erste begann. Obwohl die Spieler-Zeit in Gladbach alles andere als schön geendet hatte. Dick Advocaat hatte ihn im Februar 2005 bei einem 0:2 in Bremen erstmals in der Bundesliga eingewechselt. Im Herbst 2005 eroberte er sich unter Horst Köppel einen Stammplatz. Dessen Nachfolger Heynckes adelte Polanski als „kommenden Nationalspieler“. Doch der nächste Trainer, Jos Luhukay, konnte wenig mit dem jungen Mittelfeldspieler anfangen. Sowohl im Abstiegsjahr als auch sogar in der 2. Liga kam er kaum zum Einsatz. Also ging er nach Spanien. „Eugen im Erasmus-Jahr“, titelte die „11Freunde“. Tatsächlich kam er „aus persönlichen Gründen“ nach einem Jahr zurück nach Deutschland. Als er vor dem ersten Spiel mit Mainz gegen Gladbach von der „Bild“ gefragt wurde, ob er noch bei Borussia wäre, wenn Luhukay ihn nicht aussortiert hätte, sagte er: „Gut möglich, ich wäre liebend einem Verein treu geblieben. Aber leider hat man das heutzutage nicht immer alleine in der Hand.“ Das solle „keine Ausrede sein, aber es ist schwer, wenn dir die Rückendeckung vom Trainer fehlt. Dann verkrampft man.“ Gleichzeitig kündigte er an: „Ich würde sehr gerne noch mal für Borussia spielen.“
Irgendwann der nächste Schritt
Dazu kam es nicht. Doch dann eben auf dem zweiten Bildungsweg. Im Januar 2019, ein halbes Jahr nach Karriereende, wurde er Praktikant bei der Gladbacher U23, dann Übergangstrainer. Im Oktober 2021 übernahm er die U17. Ein Jahr später sollte er zur U19 hochrücken, doch weil Heiko Vogel bei der U23 beurlaubt wurde, ging es gar hoch zur Zweiten Mannschaft, wo er bis jetzt für über drei Jahre blieb. Schon vor Gerardo Seoanes Amtsantritt im Sommer 2023 war Polanski ein Kandidat. Man hielt ihn offenbar aber noch nicht für reif genug. Doch rund um den Borussia-Park hörte man immer, dass Polanski der nächste Trainer der Gladbacher Profis werden wird. Egal wann. Im Gegenzug sagte er angeblich Anfragen vom VfL Osnabrück aus der 2. und Hansa Rostock aus der 3. Liga ab. „Es gab Gespräche, ja, der Verein wusste das. Ich wollte irgendwann den nächsten Schritt gehen“, sagte er. Doch: „Eigentlich hat immer irgendetwas nicht gepasst, und wenn es nur eine Kleinigkeit war.“ Klar sei: „Hätte ich den Eindruck gehabt, dass ich weggehen muss, hätte ich es machen können. Aber ich habe mich einfach wohlgefühlt.“
Nun ist er zurück in der Bundesliga, mit der Gladbach-Raute auf der Brust. „Bis auf Weiteres“ wurde er zum Cheftrainer der Profis ernannt. Das 1:1 zum Auftakt bei Vize-Meister Bayer Leverkusen war aber ein echtes Bewerbungsschreiben. „Durch mein Borussenherz werde ich nicht irgendetwas besser oder schlechter machen, vielleicht einen Tick emotionaler und leidenschaftlicher“, sagte er. Und feierte mit wehenden Haaren den Ausgleich durch seinen Joker Haris Tabakovic in der Nachspielzeit. „Polanski trifft beim Debüt die richtigen Entscheidungen“, jubelte die „Rheinische Post“. „SO coacht sich Polanski zur Dauer-Lösung“, titelte die „Bild“. Und die „Süddeutsche Zeitung“ sah eine „Energiewende mit dem Trainer auf Bewährung“. Der neue Trainer gehöre „jener Spezies an, die in der Fußballwelt als ‚Typ‘ firmiert, was als Gütezeichen verstanden wird. Die großflächigen Tätowierungen auf den Armen passen zu ihm und seiner beherzten Art. Es gibt ja auch genügend Fußballprofis, die furchterregend tätowiert, aber furchtsam wie Lämmer sind.“
Mit seiner mitreißenden Art sei er „in die Köpfe der Spieler gekommen“, lobte Geschäftsführer Roland Virkus: „Er hat seine Überzeugung, in Leverkusen etwas zu holen, auf die Mannschaft übertragen.“ Bei der Vorstellung hatte Virkus, der seit jeher als großer Förderer Polanskis gilt, erklärt: „Eugen ist ein junger Trainer voller Energie, der lange auf diese Chance gewartet hat und sich diese durch seine hervorragende Arbeit bei der U23 verdient hat. Nach dem 4:6 gegen Eintracht Frankfurt und einem zwischenzeitlichen 0:6-Rückstand sind die Zweifel aber zurück.
Dennoch hat er seine Chance. Und darf vielleicht sogar länger bleiben. Obwohl laut der „Bild“-Zeitung in Raúl gar ein Weltstar von seinem Berater bei der Borussia angeboten worden sein soll. Wobei: Eines ärgerte Polanski gleich nach seinem Debüt am großen Profi-Fußball. Der Videobeweis sorgte dafür, dass ein Gladbacher Tor beim Stande von 0:0 wegen minimaler Abseitsposition aberkannt wurde. „Als ich noch Spieler war, gab es noch keinen VAR, als Trainer in der Regionalliga auch nicht. Und jetzt muss ich diesen Mist ertragen“, sagte Polanski.