Nur rund 90 Kilometer von Prag entfernt liegt Kuttenberg. Die vom Massentourismus noch weitgehend verschonte Stadt in malerischer Landschaft bietet unter anderem eine von Renaissance und Barock geprägte reizvolle Altstadt – und eine etwas gruselige Attraktion.
Wer nach Tschechien reist, hat zumeist ein Ziel: Nach Prag muss es gehen, in die Goldene Stadt an der Moldau, die faszinierende Metropole Böhmens und des ganzen Landes. Natürlich sollte man sie besucht haben. Doch ähnlich wie in Venedig, auf Mallorca und an den anderen Hotspots Europas hat hier der Tsunami des organisierten Massentourismus seine Schattenseiten: von Besuchern verstopfte Gassen, lange Warteschlangen vor den Sehenswürdigkeiten, Mondpreise. Ein Vergnügen ist das nicht, von Müßiggang keine Rede mehr und stille Orte des Verweilens sucht man vergeblich.
Umso lohnender ist es also, die ausgelatschten Trampelpfade zu verlassen und sich auf die Suche ebenso reizvoller Ziele zu machen. Böhmen, unsere südöstliche Nachbarregion, bietet davon mehr als genug, einige davon sind immerhin Weltkulturerbe der Unesco. Ausnahmsweise sei hier die Reise mit dem Auto empfohlen, denn gerade die Nebenstraßen gebieten erholsame Entschleunigung bei der Fahrt durch liebliche Landschaften. Seichte Hügel, dichte Wälder, verschlafene Dörfer, Burgen, Klöster und Schlösser ziehen vorbei, und man wähnt sich in einer scheinbar unberührten Welt von gestern.
Als Alternative zu Prag, wenn auch ungleich kleiner und überschaubarer, bietet sich die Stadt Kuttenberg (auf Tschechisch Kutná Hora), nur knapp 90 Kilometer südöstlich von der Hauptstadt, an. Ein sehenswerter Ort, tief in der Geschichte Böhmens verwurzelt und von großer kultureller und historischer Bedeutung. Die Stadtgeschichte reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert und ist untrennbar mit dem Fund bedeutender Silbervorkommen verbunden. Die Kuttenberger Grube lieferte ein Drittel der europäischen Silberproduktion, und ihr verdankte die aufblühende Stadt im 14. Jahrhundert einen Reichtum, der sie nach Prag zur bedeutendsten Stadt des Königreichs Böhmen machte. Doch schon vor der Entdeckung der Silbererzvorkommen wurde in dem früheren Vorort Sedlec das erste Zisterzienserkloster Böhmens gegründet, das durch fortschrittliche Agrarwirtschaft die wirtschaftliche Grundlage der künftigen Stadt legte.
Architektonische Meisterwerke
Die ersten Ansässigen waren Bergleute. Sie gründeten Siedlungen, von denen eine, Alte Kutte genannt, der späteren Stadtgemeinde ihren Namen gab. 3.000 Menschen schufteten im 14. Jahrhundert in den Minen und sorgten dafür, dass hier die zentrale Münzstätte des Böhmischen Staates gegründet wurde. Die Errichtung stattlicher Kirchen und Häuser der überwiegend deutschen Patrizier zeugen von einer Blütezeit, die Kuttenberg mit seinen mittlerweile 30.000 Einwohnern nach Prag zur zweitgrößten Stadt des Landes machte. Die wirtschaftliche und architektonische Bedeutung des Ortes ist auch heute unübersehbar. Wohin man beim Bummel durch die kleine und sorgfältig renovierte Altstadt schaut – Gebäude im gotischen, Renaissance- und Barockstil prägen das Bild und unterstreichen die Auszeichnung Kuttenbergs als Weltkulturerbe.
Während der Hussitenkriege zu Beginn des 15. Jahrhunderts entluden sich religiöse, nationale und soziale Spannungen zwischen den vorreformatorischen Hussiten und der Papstkirche, dem deutsch- und tschechischsprachigen Böhmen und zwischen der armen Landbevölkerung und den wohlhabenden Städtern und Adeligen. Auch Kuttenberg wurde von Mord und Zerstörung nicht verschont, der Silberbergbau kam allmählich zum Erliegen und der später folgende Dreißigjährige Krieg besiegelte den Niedergang der geplünderten Stadt. Doch allen Wirren dieser Zeiten zum Trotz verdankt Kuttenberg dem zähen Willen seiner Einwohner und seiner religiösen und weltlichen Eliten architektonische Meisterwerke von zeitloser Anmutung. So gehört die St.-Barbara-Kathedrale, deren Bauzeit sich über Jahrhunderte hinzog, zu den Meisterwerken gotischer Baukunst. Egal, aus welcher Richtung man kommt – schon aus der Ferne ist das charakteristische, dreiteilige Zeltdach dieses auffallenden Sakralbaus zu erkennen. Wohlhabende Bergwerksbesitzer, die eine Kirche errichten wollten, stritten lange mit den Zisterziensern, bis sie einen Platz fanden, auf den der Orden keinen Zugriff hatte. Dort wurde 1388 mit dem Bau begonnen und als Namensgeberin die Schutzheilige der Bergleute erwählt. Johann Parler, der erste Architekt des Vorhabens, hatte schon am Bau des Prager Veitsdoms mitgewirkt. Auch das Vorbild französischer Kathedralen zeugt vom Selbstbewusstsein der Kuttenberger Auftraggeber, die Prag lange Zeit ebenbürtig sein wollten. Unterbrochen durch die Wirren der Hussitenkriege wurde später der spätgotische Chorbau mit einem beeindruckenden Netzgewölbe versehen und das Bauwerk mit zahlreichen dekorativen Steinmetzarbeiten verziert. Die Umgestaltung im Barockstil verdankt die Kathedrale dem Jesuitenorden, der 1626 die Verwaltung des Baus übernahm. Doch schon früher wurde Bemerkenswertes in der mittelalterlichen Kunst geschaffen. Spätgotische Fresken mit Themen aus der Arbeitswelt des Bergbaus zieren – ganz im Sinne der Schutzheiligen St. Barbara – manche Kapellen. So ist die über Jahrhunderte gebaute und immer wieder umgestaltete Kathedrale nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch Symbol für die Reichtümer der Stadt und ihre wechselhafte Geschichte.
In Form einer Brücke, flankiert von zwölf Heiligenstatuen, führt der Weg von der Kathedrale am Jesuitenkolleg vorbei, Zentrum der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen, damals Kaderschmiede der Gegenreformation, heute Mittelböhmische Galerie moderner Kunst.
Tausende Tote nach Pest im Jahr 1318
Wer sich an all diesen Bauwerken, den verwinkelten Gassen der Innenstadt und der Kunst sattgesehen hat, dem sei auf jeden Fall eine höchst merkwürdige Attraktion nur wenige Kilometer entfernt empfohlen: die Innenausstattung einer eher unscheinbaren Kapelle im Nachbarort Sedlec. Wie allgemein üblich gehörte es auch hier zu den Aufgaben der Pfarrer, sich um die Bestattung der Gemeindemitglieder zu kümmern. Dies geschah seit Mitte des 13. Jahrhunderts auf einem eher unscheinbaren Friedhof. Der Sage nach brachte aber der Abt des benachbarten Klosters von seiner Reise nach Jerusalem eine Handvoll Erde vom gelobten Land mit nach Böhmen, um sie auf diesem Friedhof zu verstreuen. In diesem Sinne wurde diese Ruhestätte Teil des Heiligen Landes, sodass auch Verstorbene aus umliegenden und weiter entfernten Gegenden hier beigesetzt werden wollten. Nach der großen Pest 1318 sollen hier 30.000 Tote begraben worden sein, während der Hussitischen Kriege kamen neue Gräber hinzu. Der Gottesacker platzte aus allen Nähten. Im Untergeschoss der zweitürmigen Kapelle, deren heutiges Aussehen auf die Barockzeit zurückgeht, befindet sich das Beinhaus. Ein halbblinder Mönch soll 1511 damit begonnen haben, die Gebeine aus den aufgelösten Gräbern in Pyramiden zu stapeln. Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch der untere Teil der Kapelle neugestaltet wurde, entstand die Idee, die vorhandenen Gebeine zur Dekoration zu nutzen. Die heutige Gestaltung geht auf den Schnitzer Frantisek Rint zurück, nachdem das Klostervermögen und auch das Beinhaus in den Besitz der Familie Schwarzenberg überging. Kein Wunder, dass neben Kronleuchtern, Kreuzen und der Monstranz auch das Schwarzenbergische Wappen aus vorher desinfizierten und mit Chlorkalk gebleichten Knochen gestaltet wurde. Dies alles mag einem makaberen Geschmack geschuldet sein. Der Hauptgedanke dieser Ausschmückung aber sollte an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erinnern. Memento mori!
Wem nun der Schrecken in die eigenen Knochen gefahren sein sollte, möge sich in den umliegenden Kneipen beruhigen. Ein frisch gezapftes böhmisches Bier kann hier ungemein hilfreich sein.