Kinästhetik gilt als der Schlüssel zu mehr Mobilität im Alter. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Wir klären auf und stellen eine Initiative vor, die sich dem Präventionsprojekt verschrieben hat.
Bewegung ist Leben – so lautet eine Binsenweisheit, die gerade im höheren Lebensalter neue Dringlichkeit gewinnt. Wer älter wird, bemerkt nicht selten, dass Bewegungen schwerfälliger werden, dass Gleichgewicht und Koordination nachlassen und dass sich der Akt des Aufstehens aus dem Sessel plötzlich wie eine kleine Herausforderung anfühlt. Während klassische Ansätze der Bewegungsförderung oft auf Training, Muskelkraft oder Ausdauer abzielen, rückt seit einigen Jahrzehnten eine Methode einen anderen Aspekt in den Vordergrund: die Qualität der Bewegung selbst. Dieser Ansatz heißt Kinästhetik – ein Begriff, der für viele zunächst fremd klingt, tatsächlich aber eine tief verankerte menschliche Fähigkeit beschreibt.
Das Wort „Kinästhetik“ leitet sich aus dem Griechischen ab: „kinesis“ bedeutet Bewegung, „aisthesis“ Wahrnehmung. Im Kern beschreibt Kinästhetik also die Wahrnehmung von Bewegung. Jeder Mensch verfügt von Geburt an über diese Fähigkeit, etwa wenn Babys instinktiv ihren Körper erforschen, Arme und Beine bewegen und dabei lernen, wie sich Lage und Schwerkraft anfühlen. Kinästhetik versteht diese Wahrnehmungsfähigkeit als Ressource: Indem wir lernen, Bewegungen bewusst zu spüren und differenziert wahrzunehmen, können wir sie schonend, effizient und gesünder gestalten.
Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt
Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren von den Bewegungsforschern Lenny Maietta und Frank Hatch entwickelt. Ihr Gedanke: Wer versteht, wie der eigene Körper Bewegungen initiiert und wie sich Bewegung anfühlt, kann auch anderen Menschen helfen, leichter, sicherer und mit weniger Anstrengung in Bewegung zu kommen.
Auch Gerald Huber, Intensivpflegekraft und Kinästhetik-Experte, ist seit den 80er-Jahren diesem Ansatz treu geblieben. Heute gibt er sein Wissen weiter –
an Pflegekräfte, Angehörige und Unternehmen wie die ProSeniore-Einrichtungen, die ihre Mitarbeitenden und Bewohner stärken wollen. „Statt die Mobilität eines Menschen zu ersetzen, geht es darum, sie zu fördern und zu erhalten“, sagt er. „Damit schont man nicht nur die Gesundheit der Pflegenden, sondern stärkt vor allem die Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen.“
Kinästhetik geht davon aus, dass Bewegung nicht nur ein rein körperlicher Akt ist, sondern auch eine Form von Kommunikation. Wenn eine Pflegekraft einer älteren Person beim Aufstehen hilft, geschieht dies nicht nur durch Muskelkraft, sondern durch ein feines Zusammenspiel von Signalen, Druck, Gegengewicht und Rhythmus. So kann Unterstützung so erfolgen, dass die ältere Person möglichst aktiv beteiligt bleibt – und nicht passiv „gehoben“ wird.
Ein Beispiel: Eine hochbetagte Frau sitzt im Stuhl und möchte aufstehen. Ohne kinästhetische Begleitung würde sie womöglich unter den Armen hochgezogen – eine schmerzhafte und entmündigende Erfahrung. Mit Kinästhetik hingegen wird sie dazu angeregt, ihren Körperschwerpunkt zu verlagern, die Füße neu zu setzen, den Oberkörper nach vorn zu neigen und sich am Stuhl abzustützen. Der Unterschied: Die Bewegung wird gemeinsam gestaltet, die Frau spürt ihre Eigenkompetenz – und die Pflegekraft wird entlastet.
Studien belegen: Menschen, die durch kinästhetische Unterstützung mobilisiert werden, bleiben länger in Bewegung, stürzen seltener und erleben ein stärkeres Gefühl von Selbstwirksamkeit. Selbst bei schwer Pflegebedürftigen lassen sich durch kleine Impulse Eigenbewegungen fördern, die wiederum Würde und Autonomie erhalten.
Genau hier setzt das neue Präventionsprojekt „VITAL – Vielfältig. Individuell. Teilhabend. Aktivierend. Lebensfroh.“ an, das offiziell Mitte August in einigen Residenzen der Victor’s Group gestartet ist. Die zentrale Frage lautet: Wie können ältere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen körperlich aktiv, seelisch gestärkt und sozial eingebunden bleiben?
Das Projekt ist eine Initiative der vdek-Landesvertretungen Rheinland-Pfalz und Saarland in Kooperation mit der Victor’s Group. Unterstützt wird es vom Saarländischen Turnerbund Bildungswerk (STB) sowie von Gerald Huber. Ziel ist es, pflegebedürftige Menschen durch Bewegung, gesunde Ernährung und psychosoziale Angebote zu stärken – und zugleich die Beziehung zwischen Pflegekräften und Bewohnern zu vertiefen.
„Unser gemeinsames Ziel ist es, den Alltag in Pflegeeinrichtungen so zu gestalten, dass Gesundheit und Lebensfreude trotz Pflegebedürftigkeit gestärkt werden“, betont Martin Schneider, Leiter der vdek-Landesvertretungen Rheinland-Pfalz und Saarland. Auch die Victor’s Group versteht das Projekt als gesellschaftlichen Auftrag. „Gesundheitsförderung endet nicht an der Tür eines Pflegeheims. Mit VITAL möchten wir zeigen, dass vorbeugende Maßnahmen auch im hohen Alter für mehr Miteinander, Lebensfreude und Selbstbestimmung sorgen“, ergänzt Vorständin Susanne Kleehaas.
Samira Klassen, Christian Hallbauer und Katrin Schurl
(von links), koordiniert das „VITAL“-Projekt - Foto: Victor’s Group / © Andreas Schlichter
Der Schwerpunkt liegt auf Bewegungsförderung – denn Bewegung ist das Elixier des Lebens, auch im hohen Alter. Pflegekräfte und Mitarbeitende des Sozial-Kulturellen Dienstes werden in Workshops befähigt, Bewohner durch vielfältige Formen der Aktivierung zu unterstützen: mit Hand- und Geschicklichkeitsübungen, Gleichgewichtstraining, Sturzprävention oder Bewegungsangeboten im Sitzen und Liegen.
Achtsame Bewegungsanleitungen
„Ergänzend vermitteln die Workshops des STB praxisnahe Methoden, die direkt im Pflegealltag umgesetzt werden können. Neben der körperlichen Fitness fördern diese Angebote auch die soziale Teilhabe und das Gemeinschaftsgefühl“, so Giovanna Karle vom STB.
Ein besonderer Stellenwert kommt der Kinästhetik zu: Durch achtsame Bewegungsanleitungen lernen Pflegekräfte, die Eigenaktivität der Bewohner zu unterstützen und ihre Mobilität zu erhalten. „Es geht um Nähe, Vertrauen und den Respekt vor den Fähigkeiten jedes Einzelnen“, erklärt Gerald Huber, der die Workshops begleitet.
Doch VITAL umfasst mehr als Bewegung. Auch die Ernährung spielt eine zentrale Rolle. In praxisnahen Workshops zeigen Ernährungsexperten von Victor’s Healthcare, wie die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) alltagstauglich umgesetzt werden können. Kochkurse und Beratungen sollen Bewohnerinnen und Bewohner zu gesunden Ernährungsstrategien anleiten – erlebbar, spürbar und nachhaltig.
Damit die Effekte über die Projektlaufzeit hinaus wirken, setzt VITAL auf Nachhaltigkeit: Mitarbeitende werden als Multiplikatoren geschult, damit das erworbene Wissen dauerhaft im Alltag verankert bleibt. Zudem begleitet eine wissenschaftliche Evaluation das Projekt, um daraus ein Modell für die Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Mit dabei sind Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland, darunter die ProSeniore-Residenzen in Homburg (Hohenburg), Mutterstadt, Parkstift und Neuhofen sowie der Victor’s Seniorenwohnpark Quierschied.
„Gesundheitsförderung und Lebensfreude“
Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend: Bewohner profitieren von mehr Mobilität, Selbstständigkeit, besserer Ernährung und sozialer Teilhabe. Pflegekräfte erweitern ihre Kompetenzen, schonen ihre eigenen Ressourcen und vertiefen die Beziehung zu den Menschen, die sie betreuen. Langfristig steigert das Projekt die Lebensqualität in den Einrichtungen und macht sie zugleich attraktiver für Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende. „Das VITAL-Konzept steht für eine Pflegekultur, die nicht Einschränkungen, sondern Potenziale in den Mittelpunkt rückt“, fasst Dr. Daniela Kirsch, Geschäftsleitung der Victor’s Group, zusammen. „Es verbindet Gesundheitsförderung mit Lebensfreude und zeigt, wie Pflegeeinrichtungen zu Orten von Aktivität, Teilhabe und Gemeinschaft werden können.“
Ob durch Kinästhetik, gesunde Ernährung oder gemeinschaftliche Aktivitäten – VITAL zeigt, dass Prävention auch im Alter möglich ist. Bewegung wird zur Ressource, die Körper und Seele gleichermaßen stärkt. Für Bewohner bedeutet das mehr Selbstbestimmung und Würde, für Pflegekräfte mehr Leichtigkeit im Alltag – und für die Gesellschaft ein Modell, wie Pflege auch in Zukunft Lebensfreude schenken kann.