Solarpanels für den Balkon sind inzwischen erschwinglich – vor allem, wenn man sie selbst installiert. Bürgerinitiativen wie Solisolar helfen dabei.
Schon manch große Erfolgsgeschichte hat in einer Garage ihren Anfang genommen. Und manch kleine wie diese. Eine Garage in einem Eigenheimviertel im Hamburger Stadtteil Lokstedt, roter Klinker, grüne Gärten. Ein schweißheißer Mittwoch Mitte August. Dietmar Kuhlmann und Susanne Otto sind schon am frühen Nachmittag gekommen, um alles vorzubereiten. Alle drei, vier Wochen wird die Garage zur Ausgabestelle für Balkonkraftwerke.
Hinten in der Garage steht eine Werkbank, darauf Kartons. Kuhlmann und Otto befüllen sie mit Kabeln, Schrauben, Leisten, alles abgezählt und abgemessen, und packen graue Metallkästchen dazu: Wechselrichter. Damit werden Solarmodule, die man sich an den Balkon hängen kann, zu Stromlieferanten.
Möglichst viele „unter’s Volk bringen“
Davon wollen Kuhlmann und Otto möglichst viele „unter’s Volk bringen“ – und so mit ihrem Verein Lokale Energiewende Solisolar Hamburg e. V. die Energiewende von unten voranbringen. Um die 1.500 Solaranlagen hat der Verein seit seiner Gründung im Mai 2022 schon an Balkone in und um Hamburg herum angebracht, indem er kostengünstige Sammelbestellungen organisiert, Interessierte berät, beim Papierkram hilft und solidarische Selbstbau-Gemeinschaften schmiedet. Alles ehrenamtlich.
Für 18 Uhr sind Materialausgabe und Schulung angesetzt. Sieben Balkonistinnen und Balkonisten – so nennen sie bei Solisolar ihre Kundschaft – haben sich angemeldet. „Wir haben sie miteinander verknüpft, sie kennen sich also schon“, erklärt Otto. Das ist wichtig, denn: „Sie sollen sich bei Abholung und Montage der Solaranlagen gegenseitig unterstützen.“
Auch das Solisolar-Team wird helfen, wo es kann. Vorn in der Garage, an der Einfahrt, steht schon das Höllengerät bereit. So nennt Kuhlmann die Kreissäge, die zum Einsatz kommt, wenn sich mal wieder jemand verschätzt: „Es gibt Leute, die bestellen 4,80-Meter-Leisten für ihre Module – und merken beim Abholen, dass die nicht in ihr Auto passen.“ Dann schreitet Kuhlmann zur Tat. Halbiert die Schienen. Und reicht den Leuten Verbindungsstücke nebst ein paar Schrauben, damit sie zu Hause alles wieder zusammenfügen können. „Gehört zum Service“, sagt Kuhlmann und lächelt. „Bin sehr gespannt, ob wir das Höllengerät heute wieder brauchen.“
Das Potenzial von Solarenergie ist riesig. Selbst in Hamburg, das im Ruf steht, Deutschlands Schmuddelwetterhauptstadt zu sein. Im Jahr 2021, so eine Studie zweier Hamburger Hochschulen, hätte rund zwei Drittel des städtischen Strombedarfs durch Sonnenstrom gedeckt werden können – wenn die entsprechende Menge an Photovoltaikanlagen installiert gewesen wäre.
Mit Balkonkraftwerken, die an die eigene Steckdose angeschlossen werden, kann inzwischen jede und jeder die Energiewende selbst voranbringen. Seit Oktober 2024 ist das in Deutschland fast bürokratie- und problemlos auch als Mieterin oder Mieter möglich, es besteht Rechtsanspruch darauf. Der Vermieter muss zwar noch zustimmen, darf die Anlage aber ohne triftigen Grund nicht verweigern. Eine Anmeldung der Anlage beim lokalen Stromnetzbetreiber ist nicht mehr nötig, nur noch beim Marktstammdatenregister. Das geht unkompliziert online. So ein Balkonkraftwerk ist nicht nur prima fürs Klima; in Deutschland braucht es im Schnitt etwa 1,3 Jahre, bis es die Energie erzeugt hat, die für seine Herstellung nötig war – ab dann fällt seine Klimabilanz positiv und immer positiver aus. Es ist auch eine Schrumpfkur für die Stromrechnung. Solisolar stellt dazu folgendes Rechenbeispiel auf: Wer 230 Euro in ein einfaches Balkonkraftwerk investiert und es selbst installiert, kann damit 250 Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Macht bei einem Strompreis von 36 Cent je Kilowattstunde eine Ersparnis von 90 Euro. Die Solaranlage amortisiert sich damit schon nach rund zweieinhalb Jahren.
Rund eine Million solcher Geldspargeräte gibt es inzwischen deutschlandweit, so der Solarenergie-Förderverein Deutschland. Warum noch nicht an viel mehr Balkonen eines hängt? Das liegt teils an Unwissen. Teils am Respekt vor der Technik. Teils an hohen Handwerkerkosten. Bürgerinitiativen wie Solisolar gelingt es, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Hier sorgen ehrenamtliche Expertinnen dafür, dass Menschen von den Vorteilen selbsterzeugten Solarstroms erfahren, die Scheu vor der Technik verlieren und das Geldspargerät am Ende selbst, ohne teure Fachbetriebe, am Balkon anbringen können. Die Website www.selbstbau.solar listet deutschlandweit rund zwei Dutzend Selbstbau-Solargruppen auf, von Aachen bis Leipzig, von Lörrach bis Kiel.
Bei Solisolar in Hamburg gestalten sie die Preise nach dem Solidarprinzip. „Den Leuten nennen wir unseren Einkaufspreis“, erklärt Otto. „Und dann fragen wir sie, was sie bezahlen möchten.“ Die meisten legen ein bisschen was drauf. Um den Verein zu unterstützen. Auch aus Dankbarkeit, weil ihnen Hunderte Euro an Handwerkerkosten erspart bleiben. Der Überschuss, den Solisolar erzielt, wird reinvestiert – in die gute Sache. „Wir wollen keinen Gewinn machen“, sagt Kuhlmann. „Wenn Geld übrigbleibt, verschenken wir Module. Die verlosen wir dann bei unseren Veranstaltungen.“
Als sich gegen 18 Uhr die Einfahrt vor der Garage füllt, ist unter den Balkonistinnen und Balkonisten auch die Gewinnerin einer Solaranlage: Bei der Tombola eines Fußballvereins erspielte sich Magdalena – bei Solisolar sind sie alle per Du – ein Ein-Modul-Kraftwerk. Die 22-Jährige bekommt eine der vorbereiteten Kisten, dazu eine Kurzschulung für den Aufbau.
Nachrüsten kann man später immer noch
Magdalenas Balkon zeigt praktischerweise nach Süden. Wie viel Energie sie mit ihrem Modul ernten wird? „Och“, sagt sie. „Da lass ich mich überraschen.“ Andere haben akribisch kalkuliert. Matthias, 57, hofft auf 500 Kilowattstunden jährlich. Das wären in seinem Zwei-Personen-Haushalt 15 Prozent des Jahresverbrauchs.
Claus-Dieter, 75, nimmt gleich drei Module in Empfang, Gesamtleistung: 1200 Watt. Doch höchstens 800 Watt dürfen laut Gesetz pro Haushalt ins Stromnetz eingespeist werden. „Da wäre ein Stromspeicher sinnvoll, oder?“ Dietmar Kuhlmann schüttelt den Kopf. „1200 Watt wirst du nur unter Idealbedingungen erreichen. Schau erst mal ein, zwei Jahre, wie viel Strom du tatsächlich erzeugst. Nachrüsten kannst du später immer.“
Magdalena kehrt zur Garage zurück. Wie sich herausstellt, hat sie auch bei der Größe ihres Autos auf das Rechnen verzichtet. Das Solarmodul ist zehn Zentimeter zu lang.
Das Problem ist: Bei Modulen ist das Höllengerät keine Hilfe. Dietmar Kuhlmann guckt kurz in die Runde – Problem gelöst. „Ich kann das Modul in meinem Transporter mitnehmen“, sagt Matthias. „Wir wohnen direkt um die Ecke.“