70 Jahre nachdem der Film „Ladykillers“ mit Alec Guinness und Peter Sellers erstmals im Kino begeisterte, bringt das Berliner Kriminaltheater die Geschichte im ehemaligen Umspannwerk Ost auf die Bühne.
Männer mit Geigenkasten – dass man sich bei deren Anblick fragt, ob da wohl wirklich ein Musikinstrument transportiert wird, liege (nein, nicht nur am Bild vom Mafiakiller) auch an den Ladykillers, sagt Thilo Herrmann. Er ist selber einer – ein Mann mit Geigenkasten und der oberste Ladykiller. Thilo Herrmann ist Schauspieler. Ab Mitte Oktober steht er als Professor Marcus auf der Bühne des Berliner Kriminaltheaters im ehemaligen Umspannwerk Ost in der Palisadenstraße.
Vor allem die Älteren werden sich erinnern: Professor Marcus ist der Kopf einer Gangsterbande in London. Er und seine Komplizen planen einen Überfall auf einen Geldtransport am Bahnhof King’s Cross. Dazu mieten sie sich bei einer netten und ahnungslosen alten Dame ein: Mrs. Wilberforce. Sie gaukeln der Witwe vor, dass sie ein Orchester sind und Räume zum Proben brauchen. Alec Guinness spielte Professor Marcus, Peter Sellers einen der Komplizen. Alexander Mackendrick führte Regie in der britischen Kriminalkomödie, die 1955 ins Kino kam.
2004 haben die Coen-Brüder den Stoff neu verfilmt. Sie haben die Handlung von London in die Südstaaten der USA verlegt. Tom Hanks übernahm die Rolle des Professor Marcus. Aus der herzallerliebsten britischen Kapitänswitwe Mrs. Wilberforce wurde eine gottesfürchtige und strenge Afroamerikanerin. Die Version der Coen-Brüder habe er nicht gesehen, sagt Thilo Herrmann. Aber das inzwischen 70 Jahre alte Original sei ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Film für die Entwicklung der Kriminalkomödie gewesen, sagt er.
Auch Thomas Wingrich kennt nur die Originalversion von Alexander Mackendrick. Die Coen-Brüder-Fassung werde er sich vermutlich anschauen, wenn er mit seiner Arbeit an der Bühnenfassung im Kriminaltheater durch ist. Thomas Wingrich führt dort Regie. Klar, man „könnte das vermeiden“, aber er habe sich das Original angeschaut. Das sei für ihn als Regisseur unproblematisch, „als Schauspieler würde ich es nicht machen“, sagt er. Bei Schauspielerinnen und Schauspielern besteht die Gefahr, dass sie nicht die Rolle spielen, sondern den womöglich bekannten Kollegen oder die berühmte Kollegin imitieren.
Für ihn als Regisseur sei es leichter, ein Stück zu inszenieren, wenn die Geschichte gut ist, ihm aber der Film nicht gefallen hat, erklärt Thomas Wingrich. „In diesem Fall ist der Film nicht schlecht“, sagt er. Aber auf der Bühne zu arbeiten, sei eben noch mal etwas ganz anderes. Zum einen habe der Regisseur „im Film andere Mittel“. Zum anderen sei in diesem Fall ein ganz banales Problem zu lösen gewesen: „Die Geschichte spielt in verschiedenen Stockwerken. Ein solches Bühnenbild können wir im Kriminaltheater nicht bauen.“
Kann man eine nette alte Dame umbringen?
Das Team, bestehend aus Produktionsleiter Oliver Gabbert, dem technischen Leiter Frank Pahnke, Erwin Bode (Ausstattung), Boris E. Rühl (Requisite), Line Urbanek (Regieassistenz), Claudia Rönsch (Maske) und Sabine Puppe (Kostümassistenz), hat sich für zwei parallele Zimmer entschieden, die durch entsprechende Beleuchtung in Szene gesetzt werden. Weil viele Menschen im Publikum vermutlich auch den Film gesehen haben, sei es aber „auch gut, wenn manches daran erinnert und anknüpft“. So hat Thomas Wingrich zum Beispiel das Schattenspiel zweier Köpfe in seine Bühnenversion übernommen.
Sechs Wochen wurde geprobt, am Bühnenbild und an den Kostümen gearbeitet. Und das unter etwas ambitionierteren Bedingungen als etwa an einem kleinen Stadttheater, wie Thomas Wingrich verdeutlicht: Das Kriminaltheater hat keine separate Probebühne –
und weil abends Vorstellungen sind, kann nur bis zum frühen Nachmittag geprobt werden. Das Theater, das weitestgehend ohne staatliche Zuschüsse auskommen muss, arbeitet da am Limit.
Es ist aber nicht nur die Kulisse, in der sich die Bühnen- von der Filmfassung unterscheidet. In der 1983 von Elke Körver und Maria Caleita geschriebenen Bühnen-Adaption nach dem Drehbuch von William Rose sind es „nur vier statt wie im Film fünf Ganoven“, erklärt Thomas Wingrich. Und die Damen, mit denen sich Mrs. Wilberforce zum Tee trifft, haben mehr Raum als im Film.
Die Handlung bleibt die bekannte – und Liesa Braun vom Kriminaltheater beschreibt sie so: „Die vier Komplizen glauben fest an ihr fast perfekt geplantes Vorhaben. Unter falschen Namen mieten sie sich bei der gutherzigen Witwe Mrs. Wilberforce ein Zimmer, um als angebliches Streichquartett in Ruhe üben zu können. Doch neben dem lauten Grammofon, das die Tarnung vollenden soll, planen sie einen hinterlistigen Überfall. Als die Wahrheit ans Licht kommt, eskaliert das Chaos, und die Ganoven müssen zu drastischen Mitteln greifen. Doch wer kann schon einer so herzensguten Dame etwas antun?“
Werden die Gangster, die das perfekte Verbrechen wie so viele andere in der Kriminalgeschichte dann doch nicht hinbekommen haben, am Ende zu – wie es der Titel der Komödie nahelegt – Ladykillers? Endet Vera Müller in der Rolle der Mrs. Wilberforth also als Leiche unter den Augen ihres Papageis Mr. Gordon, dem Alejandro Ramòn Alonso, der auch den Polizisten Mr. Thomson spielt, seine Stimme leiht? Professor Marcus (Thilo Herrmann) und seine Kumpane Dr. Courtenay (Silvio Hildebrandt), Willie Knoxton (Pablo Nina Toculescu) und Louis Harvey (Henning Wolff) müssen jedenfalls handeln, nachdem die alte Dame das Geld gesehen hat und sich zusammenreimen kann, was vorgeht, nachdem ihr ihre Freundinnen G. Livingstone (Katrin Martin) und H. Plimshead (Jutta Schröder) von dem spektakulären Überfall erzählt haben.
Aber, sagt Thilo Herrmann am Rand der Proben, es sei ja „klar, dass da etwas in der Luft liegt“ – schon ganz am Anfang, als die vier Männer mit Geigenkasten auftauchen.