Seine Passion ist es, Mörder, die der Strafverfolgung entkommen konnten, abzuschlachten. In acht Staffeln von 2006 bis 2013 spielte Michael C. Hall den Antihelden. 2021 folgte mit „Dexter: New Blood“ eine Fortsetzung. An die schließt nun „Dexter: Wiedererwachen“ an.
Dexter Morgan (Michael C. Hall) ist tot. Er liegt verblutend im Schnee. Erschossen von seinem Sohn Harrison (Jack Alcott). So endete „New Blood“. Doch nun ist Dexter zurück: Der vermeintliche Todesschuss war nur eine Fleischwunde. Nach seiner Genesung sehen wir Dexter jetzt auf dem Weg nach New York City, wo sein Sohn als Page im Empire Hotel arbeitet. Dexters Ziel ist es, sich mit Harrison auszusöhnen. Zunächst beobachtet er Harrison aber nur aus der Ferne, da er nicht weiß, wie sein Sohn reagieren wird, wenn der totgeglaubte Vater plötzlich vor ihm steht. Wie wir in „New Blood“ erfahren haben, trägt auch Harrison, wie sein Vater, den „Dark Passenger“ – den Drang zum Töten – in sich. Und wie bei Dexter wird dieser fatale Impuls von einem Moralkodex gesteuert: Nur böse Menschen dürfen gekillt werden.
Eine Dinner-Party für Serienkiller
Und genau solch ein böser Mensch hat gerade im Empire Hotel eingecheckt. Harrison wird nämlich Zeuge, wie der versucht, eine wehrlose junge Frau zu vergewaltigen. Harrison kommt ihr zu Hilfe und erschlägt in rasender Wut den übergriffigen Gast in dessen Hotelsuite. Fachgerecht, wie er es von Dexter gelernt hat, zersägt Harrison die Leiche in neun Teile und entsorgt sie in schwarzen Müllsäcken.
Währenddessen hat sich Dexter beim UrCar-Taxifahrer Blessing (Ntare Guma Mbaho Mwine) in dessen Erdgeschosswohnung eingemietet. Blessing erzählt ihm von einem Serienkiller – genannt „Dark Passenger“ –, der Jagd auf UrCar-Fahrer macht und sie mit einem Stahlseil erwürgt. Dexters Interesse ist geweckt – und es dauert nicht lange, da spürt er diesen Taxifahrer-Mörder auf und killt ihn auf altbewährte Weise mit einem Stich ins Herz. Für Dexter ist klar: Es kann nur einen „Dark Passenger“ geben! Dexter identifiziert den Killer als Ronald „Red“ Schmidt und nimmt dessen Identität an. In Reds Wohnung entdeckt er dann auch noch eine mysteriöse Einladung: Es ist eine Einladung zu einer Dinner-Party für Serienkiller. Natürlich nimmt er sie an.
Und noch jemanden hat es nach New York verschlagen: Ángel Batista (David Zayas), den Ex-Kollegen von Dexter bei der Miami Metro Homicide. Batista ist sich mittlerweile völlig sicher, dass Dexter doch der Bay Harbor Butcher ist. Sein oberstes Ziel ist es, Dexter endlich zu entlarven und der Gerechtigkeit zuzuführen. Hilfesuchend wendet er sich zunächst an das New York City Police Department unter der Leitung von Claudette Wallace (Kadia Saraf) und teilt ihr seinen ungeheuren Verdacht mit. Allerdings stößt er bei Wallace auf taube Ohren. Denn die kümmert sich bereits rastlos um das mysteriöse Verschwinden von einem ganz bestimmten Gast aus dem Empire Hotel.
Das ist das Szenario, in dem der Showrunner Clyde Phillips die zehn neuen Folgen von „Dexter: Wiedererwachen“ (auf Paramount+) auffächert. Und so viel sei an dieser Stelle schon verraten: Sie gehören zu den besten des „Dexter“-Franchise. Die Protagonisten haben diesmal wieder ein scharfes Profil und ihre Aktionen sind – wenn auch noch so abwegig und schrecklich – gut begründet. Die dramatischen Entwicklungen werden von Folge zu Folge aufwühlender und zwingender – bis zum fulminanten Showdown.
Aufwühlender von Folge zu Folge
Ein besonders gelungener Coup ist, den „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage hier als Leon Prater besetzt zu haben, einen intriganten Milliardär mit Schmeichelstimme, der einen Serienmörder-Geheimbund finanziert. Im Inner Sanctum seines Penthouses stellt er stolz die Mordwerkzeuge und Trophäen seiner Serienmörder-Gäste aus. Es ist ein groteskes Panoptikum des Schreckens, das von der geladenen Killer-Elite beim Luxus-Dinner ausführlich gewürdigt wird. Dexter, der sich dort als Red Schmidt ausgibt, ist bei diesem Treffen besonders von dem Tattoo-Killer Lowell (Neil Patrick Harris) fasziniert. Den er allerdings etwas später als Ersten unters Messer legt. Und auch von Lady Vengeance (Krysten Ritter), die ihn mit ihrer erotischen Mordlust dermaßen befeuert, dass er fast seinen Moralkodex vergisst. Ebenfalls mit im Spiel bei diesem bizarren Mord-und- Totschlag-Reigen ist Uma Thurman als Charley, Praters Sicherheitschefin und rechte Hand.
Es ist eine Freude, zu sehen, wie Michael C. Hall in seiner Paraderolle tatsächlich wiedererwacht ist und Dexter Morgan nach all der Zeit immer noch neue Facetten abgewinnt. In seiner exquisit morbiden Virtuosität etabliert er sich nicht nur wieder als Apex-Predator par excellence, sondern zeigt diesmal auch tiefere emotionale Regungen. Vor allem als Beschützer seines Sohnes. Als es dann zur letzten, hochdramatischen Begegnung mit Batista kommt, schließt sich sogar der Kreis zu den ersten Dexter-Staffeln. Und das durchaus tragisch und – wie könnte es auch anders sein – sehr blutig. Es scheint, dass die Macher wieder große Lust darauf haben, das Dexterversum weiter auszubauen. Das Prequel „Dexter: Original Sin“ (2024), in dem Dexters traumatische Erlebnisse und die Initiation zum „Dark Passenger“ exemplarisch aufgearbeitet wurden (mit einem fantastischen Patrick Gibson als junger Dexter), hat vor kurzem grünes Licht für eine zweite Staffel bekommen. Auch das Ende von „Dexter: Wiedererwachen“ lässt hoffen, dass es mit Dexter weitergehen wird. Zumindest wurden diesmal auch die letzten schwarzen Müllsäcke wieder im Meer versenkt. Es scheint tatsächlich, als habe auch Michael C. Hall wieder Blut geleckt.