Bei der Reform unseres Staates sollte (fast) jeder mitmachen
Da läuft ja einiges richtig schief in unserem schönen Land: Es fehlt an Geld, Infrastruktur, Bildung, Wehrhaftigkeit und nicht zuletzt an Mut zu unbequemen Gegenmaßnahmen. Höchste Zeit also, dass wir uns alle aus unserer Komfortzone aufrappeln und gemeinsam für ein Wiedererstarken unseres Landes sorgen. Allerdings darf man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und bei allen notwendigen Veränderungen nicht an Grundpfeilern des Gemeinwesens rütteln. Unser Zusammenhalt als Bürger bleibt schließlich nur gewährleistet, wenn man unseren Befindlichkeiten Rechnung trägt und jedwede Belastung von uns fernhält. Welcher demokratische Politiker kann es sich schon leisten, Wähler zu vergraulen und sich in Talkshows vorführen zu lassen?
Als Rentner lehnen wir natürlich Rentenkürzungen strikt ab, wären als Zeichen unserer Solidarität aber durchaus bereit, eine längere Lebensarbeitszeit nachfolgender Generationen mitzutragen: Mit unseren Kindern und Enkeln kommen wir schon irgendwie klar und spendieren ihnen eben dann öfter mal ein neues Handy! Schließlich haben wir mit unseren Rentenbeiträgen ja auch jahrelang klaglos dafür gesorgt, dass unsere Eltern ihren Lebensabend unbeschwert genießen konnten.
Daran, dass es künftig zu wenige junge Arbeitsfähige gibt, können wir heutigen Rentner aus verschiedenen Gründen nichts mehr ändern. Leider, müssen wir da im wehmütigen Rückblick sagen. An engagierten Versuchen unserseits hat es jedenfalls früher nicht gemangelt.
Es wäre auch zu viel verlangt, unsere dahinsiechende Gesellschaft für das marode Gesundheitswesen zur Kasse zu bitten. Für unser Wohlbefinden sind wir doch auf ärztliche Hilfe angewiesen. Im vergangenen Monat haben uns allein sechs Orthopäden – wer glaubt schon noch einer Zweitmeinung? – unabhängig voneinander bestätigt, dass wir trotz unseres Hüftschadens ruhig ein wenig Skifahren können. Nur so fasst man auch als älterer Mensch neuen Lebensmut. Wenn wir nun künftig Praxisgebühren berappen und höhere Zuzahlungen in der Apotheke leisten müssten, macht das altersbedingte Leiden ja gar keinen Spaß mehr. Möglicherweise müssten wir dann zur Vermeidung von Altersarmut sogar unseren jahrelang angehäuften Medikamentenvorrat angreifen.
Als Immobilienbesitzer können wir natürlich auch höheren Grundsteuern nichts abgewinnen. Klar, man muss unseren Staat endlich auf Vordermann bringen, sollte da aber nicht unbedingt bei einer Bevölkerungsgruppe anfangen, die wegen höherer Unterhaltungs- und Handwerkerkosten ohnehin schon am Hungertuch nagt und sich zudem noch ständig mit prekären Mietern rumschlagen muss.
Dass der geldgierige Staat sich künftig vielleicht sogar an Erben vergreifen will, halten wir für sehr problematisch. Schließlich würde er dann ja vom Dahinscheiden eines geliebten Familienmitgliedes profitieren und die Dankbarkeit der trauernden Hinterbliebenen um ein paar Prozent reduzieren. Da wir selbst keine Erbschaft zu erwarten haben, könnten wir uns dennoch aus staatsbürgerlicher Verantwortung mit der Erhöhung der Erbschaftssteuer abfinden. Irgendwo muss das benötigte Geld ja herkommen, wenn schon bei uns nichts zu holen ist.
Mal abgesehen von den wenigen aufgezeigten Ausnahmen, würden wir vorbehaltlos staatlichen Reformen zustimmen. Wenn wir davon nicht selbst betroffen sind, wären wir sogar zu einer uns sonst fremden Hartherzigkeit fähig. Manch einer würde da sogar von Alternativlosigkeit sprechen.
Wir sind ziemlich sicher, dass unsere aktuellen Politiker für unseren Staat ja gerne alles dringend Erforderliche tun würden, wenn sie nicht diese üble Angst um ihre Wiederwahl haben müssten. Und hat nicht sogar ein führender Parteivertreter sinngemäß gewarnt: „Mit dem, was der Sozialstaat leistet, ist unser Politikbetrieb heute nicht mehr finanzierbar“? Möglicherweise ist das aber Bullshit!?
Eines ist klar: Wir Bürger vertrauen auf die Solidarität der anderen, wenn es um so etwas Wichtiges geht wie um Deutschland. Und vor allem: um uns selbst!