Der Inselstaat im indischen Ozean ist ein tropisches Paradies voller Überraschungen. Verwunschene Tempel, weite Teeplantagen, und mit viel Glück kommt der Leopard vorbei.
Schon von Weitem ist er zu sehen. Rund 200 Meter hoch ist der gewaltige Monolith, der im Herzen Sri Lankas bei Sigiriya aus dem Boden ragt. Riesige steinerne Löwentatzen bilden den Eingang zum Aufstieg und geben dem Felsen den Namen Lionsrock. Über 1.800 Stufen führen hinauf. Der schweißtreibende Aufstieg lohnt sich. Oben angekommen eröffnet sich ein fantastischer Panoramablick über den Dschungel und die hügelige Landschaft Sri Lankas. Vor rund 1.500 Jahren ließ hier König Kasyapas seinen Palast errichten, nachdem er seinen Vater ermordet und seinen Halbbruder, den eigentlichen Thronfolger, aus dem Königreich vertrieben hatte. Die Ruinen des Palastes stehen heute noch. Auf dem Weg nach unten führt auf halber Höhe eine enge Wendeltreppe zu der nächsten Attraktion des Unesco-Weltkulturerbes. Und wie so oft stehen auch wir heute im Stau, denn alle wollen sie sehen, die Wolkenmädchen. „Fotografieren ist hier streng verboten“ sagt ein Aufseher. Anmutig, verträumt und auffallend vollbusig zieren die rund 1.500 Jahre alten Fresken die Felswände. Von den ursprünglich 500 Wandmalereien sind bis heute nur noch 19 erhalten geblieben. „Man sieht nur den Oberkörper, ihre Beine sind hinter den Wolken, so die Legende und daher ihr Name“, erzählt unser Guide.
Ruinen eines alten Palastes
Wir setzen unsere Reise fort und fahren auf einer Landstraße an Tuktuks und Obstständen vorbei. Der nächste Stand mit Kokosnüssen gehört uns. „Das ist genau die richtige Erfrischung bei diesem heißen und feuchten Klima“, sagt Britta aus Kiel. Üppig grüne Sträucher, Bäume und Palmen säumen unseren Weg. Nationalparks und Naturschutzgebiete bedecken etwa 15 Prozent der Fläche Sri Lankas. Mit ein wenig Glück sieht man einen wilden Elefanten hinter einem Baum stehen. Nach Buddha-Statuen muss man nicht lange suchen. Sie stehen nicht nur in Tempeln, sondern auch am Straßenrand.
Besonders beeindruckende Buddha-Statuen sind in den Höhlentempeln von Dambulla zu sehen. In der Mitte des Landes auf einer Anhöhe und über 2.000 Jahre alt, sind es mehr als 150, die in insgesamt fünf Höhlentempeln aufgestellt wurden. Mit einer Fläche von über 2.000 Quadratmetern ist sie die größte Tempelanlage Sri Lankas. Wer genau hinschaut, sieht bei manchen Statuen, dass Buddhas linker Fuß etwas vorgeschoben ist und nicht parallel neben dem rechten steht. Sunil Haputhanthiri entgeht das nicht. „Das bedeutet, dass Buddha schon in die Erleuchtung gegangen ist“, sagt der 77-Jährige. Seit rund 50 Jahren arbeitet der studierte Physiker als Reiseleiter für deutsche Gruppen. Seine Heimat Sri Lanka ist seine Leidenschaft. Er kennt jeden Winkel und jeden Tempel. „Buddha ist kein Gott, den man anbeten soll, Buddhismus ist ein Weg zu einem guten Leben“, erklärt Haputhanthiri. Die Weltreligion geht auf die Lehren von Siddhartha Gautama zurück, der nach jahrelanger Meditation zum ersten Buddha, zum Erwachten, wurde. Er soll um 500 vor Christus in Nordindien gelebt haben. Laut Haputhanthiri könnte Buddha auch aus Sri Lanka stammen. „Vielleicht saß er unter dem Bodhi-Baum vor den Höhlentempeln“, sagt er. Buddhisten nennen die Pappelfeige „Baum des Erwachens“, weil Siddharta Gautama nach der Überlieferung unter solch einem Baum meditiert und zur Erleuchtung gefunden hat.
Rund 70 Prozent der Einheimischen des südlich vor Indien liegenden Landes sind Buddhisten, die zweitgrößte Gruppe sind die Tamilen. Ein 26 Jahre währender Bürgerkrieg brachte das friedliche Zusammenleben zum Erliegen. Die paramilitärische Organisation Tamil Tigers kämpfte für Unabhängigkeit der von Tamilen bewohnten Gebiete im Norden und Osten. Die Regierungstruppen, überwiegend Singhalesen, setzten dem Krieg 2009 gewaltsam ein Ende. Seitdem ist es friedlich und Sri Lanka, das nur etwa so groß ist wie Bayern, ist ein beliebtes und sicheres Reiseziel. Neben dem Tourismus ist der Anbau von Tee der wichtigste Wirtschaftszweig des Inselstaates.
Mit dem Zug ins trockene Hochland
Wir lassen den feucht-warmen Süden hinter uns und fahren mit dem Zug in das kühlere und trockene Hochland im Norden. Nach und nach hat sich der Bahnhof der Stadt Kandy gefüllt, schon rollt unser Zug an und es kann losgehen. Schöner kann Zugfahren kaum sein: Komfortable Sitze, an jeder Station steigen Händler mit frischen Snacks und anderen Leckereien ein und dazu eine wunderbare Aussicht. Anfangs fahren wir an Reisfeldern und vielen Kokospalmen vorbei, dann sind erste Teefelder zu sehen. Kurz darauf erstrecken sich über eine sanft hügelige Landschaft riesige Teeplantagen. Bei offenen Türen lassen wir uns abwechselnd die frische Luft um die Nase wehen. An der nächsten Station geht der nächste Händler mit einem Korb voller duftender Köstlichkeiten durch unser Abteil und verkauft wieder frische Samosas, mit Gemüse gefüllte Teigtaschen. Neben uns sitzen die Geschwister Dushanthi, Priyanthi und Wijanyanthi. „Meine Tochter erwartet Nachwuchs“, sagt Dushanthi aus der Hauptstadt Colombo. Die drei Schwestern freuen sich auch auf drei kühlere Tage im Hochland. „Außerdem ist es immer eine gute Gelegenheit, um Tee zu kaufen“, sagt sie.
Nach der Ankunft auf dem Bahnhof der höchstgelegene Stadt Nuwara Eliya sind schon die ersten Teepflückerinnen mit ihren geflochtenen Körben in der Plantage Labookellie zu sehen.
Von 1815 bis 1948 war das heutige Sri Lanka britische Kolonie, und beinahe wäre das Land zur Kaffeeinsel geworden. Die Kolonialherren erkannten den Reichtum dieses Landstrichs: fruchtbare Erde, fast unbesiedelt und nicht so weit von der Küste, um den Transport zu gewährleisten. Sie ließen Wälder roden und kultivierten Kaffeepflanzen auf den Flächen in Plantagenwirtschaft. Doch 1869 befiel der Kaffeerostpilz die Pflanzen und vernichtete den Kaffeeanbau. Der junge Schotte James Taylor arbeitete auf der Plantage und wollte sich nicht von der schwarzen Bohne abhängig machen. Er schickte seinen Pflanzer nach Indien, wo er den Anbau von Tee studieren sollte. Ein Jahr später, 1867, pflanzte Taylor auf knapp acht Hektar die ersten Teepflanzen. Fünf Jahre später nahm er die erste Fabrik in Betrieb und die ersten zehn Kilogramm Tee erreichten die Docklands von London. Damit war die Marke Ceylon, wie Sri Lanka während der Kolonialzeit genannt wurde, geboren. Heute ist Tee das mit Abstand wichtigste Agrarerzeugnis. Rund 340.000 Tonnen werden jährlich geerntet. Sri Lanka ist der viertgrößte Teeproduzent der Welt. Mit Hitze am Morgen, Nebel am Mittag und Regen am Abend bietet das bis zu 1.300 Meter hohe Hochland perfekte Bedingungen für grünen und schwarzen Tee. Je höher der Tee wächst, desto intensiver ist das Aroma.
„Die lassen sich selten blicken“
In der der ältesten und größten Teefabrik Sri Lankas mit dem Namen Damro führt uns Mitarbeiterin Pria Dharshini in die Welt des Tees. „700 Teepflückerinnen enten jeden Tag zehn Tonnen Teeblätter“, erklärt Dharshini. Nach der Verarbeitung ergeben diese zwei Tonnen Tee. Das teuerste Produkt ist der goldene Tee. Die feinste Hochlandauslese wird ebenfalls in alle Welt verkauft und seit 200 Jahren nach britischer Tradition auch im „Grand Hotel“ in Nuwara Eliya serviert. Die Stadt wurde im 19. Jahrhundert als Erholungsort für britische Kolonialbeamte erbaut. Viele der alten Gebäude sind bis heute erhalten.
Nachdem wir uns selbst mit Tee versorgt haben, fahren wir mit dem Bus wieder in den flachen Süden. Unsere nächste Station ist der Yala-Nationalpark. Das rund 1.500 Quadratkilometer große Areal wurde bereits von den Briten unter Naturschutz gestellt. „Die Engländer nutzten den Park zum Jagen“, berichtet Haputhanthiri. Heute sei das Töten von wilden Tieren verboten. In einem Jeep arbeiten wir uns langsam durch den heute matschigen Weg der Savannenlandschaft. Von den fünf Blöcken des Parks, dürfen nur zwei besucht werden, um die Tiere in ihrem Lebensraum nicht zu stören. Reiher und Pfauen tauchen vor uns auf und auf einer Lichtung der erste Elefant. Wir fahren weiter und haben plötzlich rund zehn Jeeps vor uns. Über Funk erfährt unser Fahrer, dass ein Leopard im Baum liegt. Dann kommt die Wildkatze aus dem Gebüsch, springt direkt zwischen den Geländewagen auf die andere Seite und verschwindet wieder. „So ein Glück, die Raubkatzen lassen sich selten blicken“, sagt unser Guide, der fast alle zwei Monate hier ist. Den letzten Leoparden habe er vor fünf Jahren gesehen. Wieder einmal hat sich Sri Lanka von seiner prächtigsten Seite gezeigt und macht damit seinem Namen alle Ehre: Sri Lanka bedeutet prächtiges Land. Für Haputhanthiri ist seine Heimat ein Paradies.