Jährlich werden bis zu 50.000 Bissverletzungen in Deutschland registriert. Dabei handelt es sich zum Großteil um Bisse von Hunden und Katzen – und die Gefahr sei nicht zu unterschätzen, sagt Dr. Gudrun Schlewitz, Chefärztin für die Handchirurgie am Klinikum Mittelbaden.
Menschen lieben Katzen und Katzen lieben Menschen – doch ab und an drehen sie etwas am Rad, die Vierbeiner. Manchmal sind sie gestresst, mitunter unsicher oder teilweise auch übermüdet vom Spielen und Raufen. Dann kann es schon mal vorkommen, dass sie sowohl ihre Krallen als auch ihre Zähne nicht unter Kontrolle haben beziehungsweise meinen, sich verteidigen zu müssen. Dann kann ein Biss folgen. Und den sollte man auf gar keinen Fall unterschätzen, wie Dr. Gudrun Schlewitz rät. Sie ist seit dem Frühjahr die Chefärztin für die Handchirurgie am Klinikum Mittelbaden und Mitglied im Fachverein „Die Chirurginnen“.
Mehrere Zehntausend Bisse werden jährlich in Deutschland gemeldet. Dabei handelt es sich zum Teil tatsächlich um Menschenbisse, aber zum deutlich größeren Teil eben um Tierbisse. Davon seien ihrem Kenntnisstand nach Hunde häufiger vertreten, doch sie sagt: „Katzenbisse werden erst mal unterschätzt, weil der Einstich meist nicht so groß ist.“
Die Bissverletzungen durch Hunde würden variieren, da sich die Tiere untereinander in Größe und Gewicht sowohl des Körpers als auch der Zähne teilweise ja deutlich unterscheiden. „Größere Hunde sind eher ungefährlich, was eine Infektion angeht. Sie reißen eher und quetschen das Ganze“, so Gudrun Schlewitz. Doch gerade bei großen Hunden wie Schäferhunden könne es zu Frakturen kommen. Bei kleineren Rassen mit Katzengröße wie Yorkshire Terriern könne es dagegen zu gefährlichen Infektionen kommen.
Lange, gebogene Zähne
Die Gefährlichkeit von Katzenbissen liege vor allem darin, dass einige der Zähne der Tiere relativ lang und gebogen sind. Gerade bei Freigängern, bei denen nur bedingt kontrollierbar ist, was sie im wahrsten Sinne alles zwischen den Zähnen hatten – neben Staub und Dreck können das Tierkadaver gewesen sein, die mit Krankheiten infiziert waren –, könnten sich gefährliche Keime absetzen.
Was sich in der Regel wenig unterscheidet beim Biss einer unserer vierbeinigen Freunde, sind die Stellen, an denen gebissen wird: Hände und Finger sind besonders gefährdet, so die Expertin. Das liegt wohl in der Natur der Sache, da man die hübschen und so goldigen Tiere streicheln oder einfach mal anfassen möchte –
auch, wenn die das gerade nicht unbedingt mögen. Diese Stellen bergen besondere Risiken je nach Bissstelle und Person, denn dort gibt es geringe Weichteilmassen, aber viele Sehnen und Gelenke. Eine eingeschränkte Durchblutung erhöhe das Risiko für Sehnen- oder Gelenkinfektionen weiter.
Zu einer Fehleinschätzung könne es führen, dass eine Wunde klein bleibt und oft kaum blutet. Kleine Einstichöffnungen können jedoch wegen der Länge der Zähne innen große Gewebeschäden und eingekapselte Hohlräume erzeugen. Im tiefen Gewebe gibt es eine schlechte Drainage. Bakterien werden in geschlossene Räume eingebracht, in denen das Immunsystem und Wundflüssigkeit schlecht wirken. In schlimmsten Fällen kann das zu schweren Komplikationen wie Gelenkentzündungen, Knocheninfektionen oder Blutvergiftung führen.
Das Risiko für eine Infektion liege bei Gruppen mit geschwächtem Immunsystem höher. Dr. Schlewitz weist darauf hin, dass Ältere, Diabetiker, Immunsupprimierte und Kleinkinder schwerere Verläufe haben können. Mögliche Komplikationen können sein: tiefe Weichteilinfektion, septische Arthritis, Osteomyelitis, Lymphangitis oder eine Sepsis, also eine Blutvergiftung, die sofort behandelt werden muss. In seltenen Fällen drohe sogar eine Amputation. Die Gefährlichkeit hat auch einen Namen: „Pasteurella multocida“, wie die Expertin erklärt. Dieses Bakterium ist neben Staphylokokken, Streptokokken und anaeroben Bakterien einer der typischen Erreger, die durch den Speichel der Tiere übertragen werden können.
Symptome innerhalb von 24 Stunden
Nach einer Infektion sei eine schnelle Entzündung möglich. Symptome könnten innerhalb von 24 Stunden auftreten und sich rasch verschlimmern. Sie sagt aber auch: „Häufig ist es nach einem Katzenbiss sehr schnell entzündet, es kann aber auch ein paar Tage dauern.“ Beispielsweise, wenn sich Eiter etwas tiefer unter der Haut bildet und die Infektion sich verspätet zeigt. Dabei kann es dann auch zur Katzenkratzkrankheit kommen, eine durch das Bakterium Bartonella henselae verursachte Krankheit. Diese wird meist anhand von Lymphknotenschwellungen an der Achsel oder am Hals erkannt und verläuft in der Regel gutartig.
Wie gesagt: Unterschätzen sollte man das alles nicht. Daher rät die Fachärztin dazu, am besten zwei bis sechs Stunden nach dem Biss zur Ärztin oder zum Arzt beziehungsweise direkt in die Notaufnahme zu gehen, wenn es beispielsweise sehr stark blutet. Bei älteren Katzen könne es beispielsweise vorkommen, dass beim Biss auch ein Stück des Zahnes abbricht und als Fremdkörper mit in die Wunde eindringt. Zu Sofortmaßnahmen könne es gehören, die Wunde gründlich auszuspülen und zu reinigen, am besten mit Wasser oder einer Kochsalzlösung. Alkoholhaltige Lösungen könnten brennende Schmerzen verursachen, daher rät sie: „Tatsächlich würde ich das dem Arzt überlassen.“
Bei der Konsultation beim Arzt oder der Ärztin werden nach der Wundpflege häufig Antibiotika verordnet. Als eines der üblichen Mittel zur Abdeckung typischer Erreger hat sich Amoxicillin-Clavulansäure etabliert. Auch wird eventuell der Tetanus-Status geprüft und bei unklarem Impfstatus eventuell eine Auffrischung notwendig. Die operative Versorgung mit Eröffnung und Spülung kann nötig sein, wenn Eiter oder tiefere Infektionen vorliegen. Bei tierischenBissen besteht eine rund 50-prozentige Gefahr der Infektion, wie die Chirurgin sagt. Eine ähnlich hohe Rate gibt es beim Biss durch andere Menschen oder durch eine Zahnschlagverletzung, also eine Handverletzung durch Schlag gegen menschliche Zähne, was in psychiatrischen Einrichtungen vorkomme oder was einem ausgeprägten Nachtleben in größeren Städten geschuldet sein könne. Dies komme zwar insgesamt deutlich weniger vor, könne aber dazu führen, dass man Gelenke von Fingern amputieren müsse.