Wasserschlacht, Entführungsangst, Prämienstreit: Rund um die WM 1974 in Deutschland hatte Hermann Neuberger als Orga-Leiter noch vor seiner Zeit als DFB-Präsident viele Baustellen zu bearbeiten.
In der Legenden-Bildung des deutschen Fußballs liegt dieses Spiel bestenfalls auf Platz drei unter den Partien der Heim-WM 1974. Die 0:1-Niederlage der BRD in der Vorrunde im ersten und einzigen Duell mit der DDR und der 2:1-Finalsieg des DFB-Teams gegen die Niederlande gehören zu den Partien, die auch nach 1974 geborene Fußball-Fans bestens kennen. Am Halbfinale gegen Polen scheitern dann schon manche. So bekannten die Weltmeister und damaligen Nationalspieler Thomas Müller und Toni Kroos vor einem Duell gegen die Polen 2015, dass ihnen die Umstände des Spiels vom 3. Juli 1974 nicht bekannt seien.
Dabei wurde auch dies zu einem legendären Spiel. Als „Wasserschlacht von Frankfurt“ ging es in die Annalen ein. Denn es hatte dermaßen geregnet in der Main-Metropole, dass der Platz nach eigentlichen Maßstäben unbespielbar war. Doch eine Absage kam für Hermann Neuberger nicht infrage. „Organisatorisch wäre es für uns eine Katastrophe gewesen“, sagte der Vize-Präsident des DFB, damals Cheforganisator dieser Heim-WM.
Ein gutes Ende für alle Beteiligten
Ein Wetterchaos war nicht zu beeinflussen, ein Terminchaos wäre sicher auch auf den Völklinger zurückgefallen, für den diese Weltmeisterschaft in Deutschland die entscheidende Stufe auf der Karriere-Leiter werden sollte. Die Frankfurter Feuerwehr rückte an und pumpte das Wasser ab. Mit einer halben Stunde Verspätung begann das Spiel um 16.30 Uhr.
Organisatorisch war Neuberger damit auf der sicheren Seite, auch wenn der Ball immer wieder in Pfützen liegen blieb und diese Umstände eines WM-Halbfinals nicht würdig waren. Dennoch war es auch ein Risiko, auf die Durchführung des Spiels zu drängen. Denn hätte Deutschland verloren, wäre das Scheitern kurz vorm Ziel bei der ersten WM im eigenen Land als amtierender Europameister sicher meist damit begründet worden. Doch weil Torhüter Sepp Maier einen überragenden Tag erwischte und sich mit Verve in jede Schlammpfütze stürzte, und weil Gerd Müller dann auch in diesem Spiel eine Viertelstunde vor Schluss einen Ball reinmurmelte, gewannen die Deutschen mit 1:0. Sie erreichten das Endspiel und wurden schließlich zum zweiten Mal Weltmeister. Und die Legende drehte sich um. „Bei normalen Spielverhältnissen hätten wir vermutlich keine Chance gehabt“, gestand Kapitän Franz Beckenbauer. Die Polen waren damals dermaßen spielstark, dass sie durch die Bedingungen wohl eher ihrer Stärken beraubt wurden. Weswegen im Nachbarland dann auch gleich Legenden aufkamen wie die, dass die Feuerwehr bewusst nur die deutsche Hälfte bespielbar gemacht hätte. Was Stürmer Grzegorz Lato, Torschützenkönig dieser WM, später als Unsinn abtat: „So ein Quatsch. Erstens gab es ja einen Wechsel in der Pause und zweitens hatten wir die Seitenwahl gewonnen.“
Nicht nur für das deutsche Team, auch für Neuberger persönlich hatte die WM ein gutes Ende genommen. Und es war endgültig der Startschuss für eine große Karriere. Im September 1974 wurde er wie Bundestrainer Helmut Schön von Bundespräsident Walter Scheel mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt. Der DFB wählte ihn im Oktober 1975 zum Präsidenten, seine Amtszeit von 17 Jahren wurde zur zweitlängsten.
Auch beim Weltverband Fifa hatte er sich durch die Organisation des Turniers für Höheres empfohlen. Als „Hermann, the German“ war er dort respektiert und auch gefürchtet. Obwohl die WM 1978 in Argentinien stattfand, wurde Neuberger wieder zum Organisationschef ernannt. Nach dem Turnier lobte Fifa-Präsident Joao Havelange, Neuberger habe an der „vorzüglichen“ Durchführung des Turniers „einen Hauptverdienst“. Der „Spiegel“ schrieb: „Multifunktionär Hermann Neuberger (…) kehrt als einziger deutscher Sieger von der WM in Argentinien zurück.“ Die Diskussionen über die Begleitumstände der WM beschäftigen den DFB lange. Auch bei drei weiteren Weltmeisterschaften wurde Neuberger zum Orga-Chef ernannt.
Doch der Weg durch die WM war ein steiniger für Neuberger. Und der Regen von Frankfurt keineswegs das einzige Problem. Natürlich wollte Neuberger auch das Ludwigsparkstadion in Saarbrücken zum Spielort machen. Es wurde zu einem der wenigen Vorhaben, die scheiterten. Aber Neuberger verlor nicht auf der Ebene des DFB oder der Fifa. Die saarländische Regierung zeigte schlicht kein Interesse daran, Spielort zu werden. Letztlich war der saarländischen Regierung eine Modernisierung des Ludwigsparks ein zu großes finanzielles Risiko. Neuberger hielt dies bis zu seinem Tod für einen Fehler.
Olympia damals bedeutsamer als WM
Auch an anderen staatlichen Geldgebern biss sich Neuberger fast die Zähne aus. Schließlich hatte Deutschland im Jahr 1966 nicht nur den Zuschlag für die Fußball-WM 74 bekommen, sondern auch für die Olympischen Spiele 1972 in München. Und wie sich im „Bundesarchiv“ nachlesen lässt, „maß man zum damaligen Zeitpunkt der Fußball-WM weniger Symbolkraft zu als den für die ganze Welt offenen Olympischen Spielen. Das dämpfte die staatliche Investitionsbereitschaft.“ Weil der DFB dennoch auf große Gewinne hoffte und im Verlustfall auch hätte haften müssen, soll Neubergers Handeln „nicht nur sparsam“ gewesen sein, „sondern (er) versuchte, jede sich bietende Hilfe von Staat und Industrie zu nutzen“.
Entsprechend zurückhaltend agierte Neuberger als DFB-Vize auch bei den Verhandlungen mit der Nationalmannschaft über eine Titelprämie. Zunächst, so Abwehrspieler Berti Vogts, habe sich der DFB „gar nicht geäußert“. Acht Tage vor dem ersten Turnierspiel gegen Chile bewegte sich der Verband dann doch. „Der DFB hat uns ein Angebot gemacht, das war zum Lachen“, sagte Vogts: „Das Angebot war 30.000 DM.“ Die Spieler forderten angeblich zwischen 75.000 und 125.000 Mark. Neuberger soll den Spielern daraufhin freigestellt haben, nach Hause zu fahren. Und ihm wurde das Zitat zugeschrieben: „Spieler sind zu ersetzen, Funktionäre nicht.“ Doch die Spieler fühlten sich am längeren Hebel, nicht nur wegen ihrer sportlichen Bedeutung als Europameister zwei Jahre zuvor, sondern auch aus organisatorischen Gründen. „Außer von Werder Bremen hätten sonst keine guten Spieler nachnominiert werden können, da die meisten Klubs auf Freundschaftsreisen waren, in Amerika und in Asien“, sagte Sepp Maier. „Der DFB war also auf uns angewiesen.“ Und Paul Breitner ergänzte: „Wir sind schließlich die Werbeträger. Wir wollen nicht so dumm dastehen wie die Weltmeisterelf von 1954, die mit Fernsehern, Waschmaschinen und Kühlschränken abgespeist wurde.“ 15 Stunden sollen beide Seiten verhandelt haben. 60.000 Mark war die zunächst vereinbarte Summe, Vogts berichtete später, der DFB habe vor dem Finale „noch mal 10 oder 15 draufgetan“.
Sicherheit schon früh ein Thema
Auch dieses Thema hatte sich also schließlich, wenn auch nicht ganz geräuschlos, in Wohlgefallen aufgelöst. Doch der allerwichtigste Punkt, warum das Turnier letztlich als Erfolg galt, war der, dass es keine großen Zwischenfälle gab. Und das war alles andere als selbstverständlich. Schließlich hatte es während der Spiele 72 den Anschlag auf das Olympische Dorf in München gegeben. Und Neuberger war direkt alarmiert. Am 13. September 1972 bat er in einem Schreiben an den damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher um Sensibilität und Unterstützung bei diesem Thema. Die Ereignisse im Olympiadorf ließen „rechtzeitige Planungen im Blick auf die Sicherheitsfragen (…) angeraten erscheinen“, schrieb Neuberger: „In Sonderheit muss berücksichtigt werden, dass die Spiele nicht nur in einem Bundesland wie im Falle München, sondern in den Ländern Berlin, Hamburg. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern ausgetragen werden.“ Deshalb erscheine „eine rechtzeitige Koordinierung mit dem Ziel der Bildung einer gemeinsamen Kommission für Sicherheitsfragen wichtig.“ Er wolle sich lediglich „erlauben, Sie auf diesen Komplex aufmerksam zu machen und gleichzeitig daran die Bitte knüpfen, entsprechende Überlegungen anstellen zu lassen“.
Aus dem niederländischen Nationalarchiv wurde später bekannt, dass der niederländische Verbandsvorsitzende Henk Burgwal im Januar 1974 Neuberger kontaktierte, weil man die Entführung der Kinder prominenter Spieler fürchtete. Die Sicherheitsvorkehrungen des deutschen Organisationskomitees hätten die Niederländer schließlich überzeugt, während des gesamten Turniers in Deutschland zu bleiben und nicht zwischenzeitlich in die Heimat zu reisen. So gilt die WM 1974 in Deutschland bis heute als Vorbild für eine moderne Organisation.