Hermann Neuberger prägte den deutschen Fußball wie kaum ein anderer. Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, unter Neuberger als Pressechef tätig, erinnert sich an eine konsequente, aber vertrauensvolle Zusammenarbeit, lange Briefe und einige Höhepunkte.
Herr Niersbach, wenn Sie heute an Hermann Neuberger denken: Was ist das Erste, was Ihnen in Erinnerung kommt?
Großer Respekt und auch viele Erinnerungen an bedeutende Fußballereignisse und ungezählte persönliche Begegnungen. Dieser Mann hat tiefe Spuren hinterlassen. Ich denke oft an ihn, obwohl er bereits 1992 verstorben ist.
Er gilt bis heute bei vielen als eine der bedeutendsten und mächtigsten Persönlichkeiten des deutschen Sports. Wie erklären Sie sich diese Strahlkraft, die weit über seinen Tod hinausreicht?
Er war Macher, Manager und Präsident zugleich. Er war glaubwürdig und hatte eine natürliche Autorität, die er aber nicht rücksichtslos einsetzte, sondern im Sinne des Mannschaftsspiels – Fußball war für ihn immer Teamwork. Mit diesen Eigenschaften machte er sich national zunächst bei der Organisation der WM 1974 einen großen Namen, damals war er noch gar nicht Präsident. Doch gerade dieses Engagement verschaffte ihm auch international Ansehen: Er blieb anschließend bei der Fifa Präsident des Organisationskomitees. Normalerweise gehörte dieser Posten jemandem aus dem Gastgeberland der jeweils nächsten Weltmeisterschaft, aber bis einschließlich 1990 blieb es bei Hermann Neuberger.
Es heißt oft, er habe einen sehr strengen Führungsstil gepflegt. Wie sehen Sie das?
Streng würde ich nicht sagen, eher konsequent – und gleichzeitig vertrauensvoll. Ich muss meine Erinnerungen da etwas zweiteilen: Ich habe ihn kennengelernt, als ich noch Journalist war – von 1973 bis 1988 beim Sport-Informations-Dienst (SID). Damals habe ich durchaus auch kritische Artikel über ihn geschrieben. Besonders missfiel ihm, wenn diese in der „Saarbrücker Zeitung“ erschienen. Aus heutiger Sicht wirkt das fast läppisch, aber damals war es ihm wichtig. Ich erinnere mich da zum Beispiel an 1982: Nach der WM in Spanien gab es in München ein Spiel gegen Belgien. Das Vertrauen in Bundestrainer Jupp Derwall war bereits erschüttert. Nach dem Spiel machte die Mannschaft auf der Heimfahrt ins Hotel so etwas wie eine Abstimmung – natürlich nicht offiziell. Karl-Heinz Rummenigge war Kapitän und fragte im Bus, wer gegen Derwall sei. Es war keiner dagegen. Ich machte daraus die Geschichte: „Abstimmung 17:0 für Jupp Derwall – quasi gegen Hermann Neuberger“. Dieser Artikel erschien in der „Saarbrücker Zeitung“.
Wie hat er reagiert?
Kurz darauf traf sich die Nationalmannschaft in Frankfurt im Hotel Gravenbruch. Ich kam aus meinem Zimmer und am Ende des Ganges kam mir Hermann Neuberger entgegen – wie in einem Western-Film, wenn die beiden Gegner aufeinander zulaufen. Ich dachte die ganze Zeit: „Jetzt wird er mich schön kritisieren.“ Doch als er einen Meter vor mir stand, streckte er mir die Hand entgegen und sagte: „Hallo, Herr Niersbach, wie geht’s Ihnen?“ Da war alles aufgelöst. Das ist das, was ich meine: Er war konsequent, aber vertrauensvoll. Das habe ich später noch deutlicher gespürt, als ich quasi die Seiten wechselte und beim DFB arbeitete.
Wie hat dieser Wechsel für Sie funktioniert?
Der Startpunkt war die Europameisterschaft 1988 in Deutschland. Vereinbart war, dass ich nach dem Turnier zum SID zurückkehre. Zunächst war ich gar nicht Mitglied des Präsidiums im Organisationskomitee. Ich sagte damals: „Wenn ich hier überzeugende Pressearbeit leisten soll, muss ich auch bei den Sitzungen dabei sein.“ Neuberger hat sich sofort darauf eingelassen. Das war ein großer Vertrauensvorschuss, ohne Angst, dass ich später als Journalist gegen ihn schreiben könnte. Im Zuge dieser Zusammenarbeit kam irgendwann die Frage, ob ich nicht ganz zum DFB wechseln wolle. Denn Rainer Holzschuh, damals Pressechef beim DFB und der Nationalmannschaft, wechselte als Chefredakteur zum „Kicker“. Die Position war also vakant. Ich habe unglaublich lange überlegt, ob ich meine Heimatstadt Düsseldorf und den SID verlassen soll. Schließlich entschied ich mich für den DFB – im Nachhinein die richtige Entscheidung, auch wenn sie mir damals schwerfiel. Im DFB angekommen, rief Neuberger vielleicht freitags einmal an und fragte: „Wie war die Woche so?“ Stellen Sie sich das heute mal vor, wo alle fünf Minuten neue Meldungen aufkommen. Er strahlte Ruhe aus und schrieb viele Briefe.
Wie kann ich mir einen solchen Brief vorstellen?
Ich habe hier noch einen Brief aus dem August 1990, drei Seiten lang. Darin schrieb er unter anderem:
„Noch bestens kann ich mich an meine Gespräche erinnern, die ich mit Franz Beckenbauer nach dem Ausscheiden bei der Europameisterschaft 1984 in Frankreich geführt habe. Ich war der Meinung, er sei der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt, doch er selbst wollte davon zunächst überhaupt nichts wissen. Als Franz sich dann innerlich durchgerungen hatte, die Verantwortung zu übernehmen, kamen die Widerstände aus den verschiedensten Ecken. Die meisten erhitzten sich an der fehlenden Lizenz. Möglicherweise haben einige Kritiker erst bei der WM in Italien gemerkt, über welch außergewöhnliche Fähigkeiten der frühere Weltklasse-Fußballer Franz Beckenbauer auch im Amt des Teamchefs verfügte. Mit seiner Ausstrahlungskraft, seinem hohen Fachwissen und seinem psychologischen Geschick prägte er den neuen Weltmeister und drückte ihm seinen Stempel auf.“
Dieser Brief zeigt sehr schön, wie Neuberger gearbeitet hat.
Worin unterschied sich Neuberger von seinen Vorgängern und Nachfolgern?
Die Vorgänger habe ich praktisch nicht gekannt. Ich begann 1973 im Beruf, aber zu Hermann Gösmann, seinem direkten Vorgänger, hatte ich keinen persönlichen Kontakt. Nach Neubergers Tod 1992 wurde Egidius Braun Präsident. Er war Schatzmeister und ein Freund Neubergers. Braun war sehr agil und wollte Dinge immer sofort erledigen, während Neuberger eher sagte: „Leute, erst mal runter vom Gas, dann überlegen wir.“ Braun hat auf seine Art Großartiges geleistet, war aber vom Typ her völlig anders. Damals haben wir uns schon in einer wandelnden Medienlandschaft befunden. Es gab zwar noch kein Internet, aber Handys kamen auf. Ich weiß noch genau, dass wir bei der Europameisterschaft 1992 in Schweden die ersten Mobiltelefone hatten. Die waren so groß wie Briketts – die passten in keine Hosentasche. Aber mit diesen neuen Kommunikationsmöglichkeiten kam auch mehr Unruhe von außen.
Neuberger gilt bis heute als Motor der Professionalisierung im Fußball. Welche Weichenstellungen haben den DFB bis heute geprägt?
Er hat im Management professionelle Strukturen eingeführt. Ein Beispiel: Der DFB hatte als erster deutscher Verband einen hauptamtlichen Pressechef, während in den Bundesligavereinen noch kein einziger Pressechef tätig war. Er wollte ein starkes Führungsgremium und führte deshalb 1991, direkt nach der WM, ein System mit einem Generalsekretär und darunter vier oder fünf Direktoren ein. Ich war einer davon, als Jüngster im Kreis. Andere wie Wilfried Straub in der Liga oder Goetz Eilers als Chefjustiziar waren schon lange beim DFB. Er wollte verhindern, dass diese fähigen Leute abgeworben wurden. Neuberger vertraute dem Hauptamt – also den hauptberuflichen Mitarbeitern – und ließ uns machen. Das war ein Riesenvorteil, und ich halte das bis heute für richtig. Natürlich hat auch er nicht alles richtig gemacht, das ist in so einer Position unmöglich. Er wollte die Wiedervereinigung im Fußball in Ruhe und mit Sorgfalt umsetzen. Ich erinnere mich an den Rückflug von der WM 1990, als ich zu ihm sagte: „Herr Neuberger, das geht jetzt unheimlich schnell mit der deutschen Einheit, auch im Fußball.“ Er antwortete: „Junger Mann, lassen wir uns Zeit.“ Aber es war einfach nicht mehr aufzuhalten. Auch international war er ein Phänomen: Er hatte große Anerkennung, obwohl Fremdsprachen seine Schwäche waren. Wenn er wütend war und etwas in Deutsch abließ, kamen die Dolmetscher nicht hinterher. Trotzdem genoss er höchste internationale Achtung. Er hatte auch den Mut, 1985 nach Kolumbien zu reisen. Das Land hatte den Zuschlag für die WM 1986 erhalten. Nach seiner Inspektionsreise sagte er: „Die können das nicht.“ Daraufhin wurde Kolumbien die WM entzogen und an Mexiko vergeben.
2012 sind Sie selbst zum DFB-Präsidenten gewählt worden. War Neuberger da für Sie auch ein Vorbild?
Ja, bedenkenlos ja. Das Vertrauen, das er seinen Leuten schenkte, hat mir imponiert. Das habe ich auf meine Weise auch praktiziert. Ich bin kein autoritärer Typ, schon gar kein Feldwebel – das war ich auch nicht als Generalsekretär. Dieses Vertrauen in die Mannschaft und in Frankfurt war mir wichtig. Auch das Verhältnis zur Liga war ein Thema. Zwischen Neuberger und Gerhard Mayer-Vorfelder knirschte es manchmal. Mayer-Vorfelder gab einmal ein Interview im „Stern“ mit der Schlagzeile: „DFB wird geführt wie eine Bananenrepublik“. Das war heftig. Das war eine Zeit, in der Egidius Braun als Schlichter zwischen Profifußball und Amateurbereich hervortrat. Neuberger hat mir imponiert. Aber ich frage mich bis heute, wie er – oder auch Helmut Schön oder Jupp Derwall – mit der heutigen Medienlandschaft zurechtgekommen wären.
Und? Was denken Sie?
Neuberger war ja ursprünglich auch Sportjournalist und wuchs in einer ganz anderen Welt auf – ebenso wie ich noch in den alten Strukturen mit Nachrichtenagenturen, Zeitungen und Radio. Es gab damals noch kein Privatfernsehen; das Öffentlich-Rechtliche begann am Nachmittag um fünf. Ich bezweifle, dass er in der heutigen Medienrealität so hätte arbeiten können wie damals.
Gerne heißt es salopp, der DFB-Präsident sei nach dem Bundeskanzler der wichtigste Mann im Land. Wie sehen Sie die Bedeutung des Amtes?
Mit Sicherheit nicht so hoch, wie Sie es gerade formuliert haben. Aber der DFB ist einer der größten Sportverbände der Welt. Es ist eine großartige Bewegung und hervorragend strukturiert. Ich hätte mir oft mehr Anerkennung seitens der Politik gewünscht.
Zum Beispiel?
Wir haben die WM 2006 ohne finanzielle Unterstützung des Staates geholt. Wenn heute über Olympia-Bewerbungen diskutiert wird, geht es sofort um Millionenbeträge aus der öffentlichen Hand. Die gescheiterte Hamburger Bewerbung kostete den Bund 30 Millionen Euro. Wir haben das alles mit Sponsoren gestemmt und am Ende sogar einen Gewinn von 155 Millionen Euro erzielt, der selbstverständlich versteuert wurde.
Bleiben wir kurz beim Stichwort Politik: Wie politisch ist das Präsidentenamt?
Darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Meine Devise war: Das Wichtigste sind der Sport und die Sportler. Je stärker der Sport ist, je stärker die Nationalmannschaft ist, desto besser lassen sich andere Themen transportieren – wie Migration, Inklusion, Umweltschutz, Klimaneutralität, Nachhaltigkeit. Wenn es sportlich nicht läuft, fängt man sich schnell die Kritik ein: „Er hätte sich mal besser um die Nationalmannschaft gekümmert und nicht um die Stiftungen.“ Dabei leistet der DFB in diesem Bereich vorbildliche Arbeit. Ein Beispiel: Nach dem Tod von Sepp Herberger 1987 wurde die Sepp-Herberger-Stiftung ins Leben gerufen – die älteste deutsche Sportstiftung. Auch da war Hermann Neuberger einer der Motoren. Aber auch er stellte die Nationalmannschaft ins Zentrum: „Dafür tun wir alles – organisatorisch und wirtschaftlich.“ Das war auch mein Leitgedanke. Doch egal, wie man es macht: In diesem Amt wird man immer von irgendeiner Seite kritisiert. Läuft es sportlich nicht, ist man verantwortlich; läuft es in gesellschaftspolitischen Fragen nicht, heißt es, man habe sich um die falschen Dinge gekümmert. Dieses Spannungsfeld gehört zur Position – man kann sich letztlich nur aussuchen, ob man von links oder von rechts kritisiert wird.
Würden Sie in der heutigen Gemengelage das Amt überhaupt noch einmal übernehmen wollen?
Ach, die Frage stellt sich gar nicht. Alles hat seine Zeit. Für mich ist das nun fast zehn Jahre vorbei. Ich hatte eine großartige Zeit beim DFB – insgesamt 27 Jahre. Ich hatte das Glück, bei drei Weltmeisterschaften im Stadion zu sein, die Deutschland gewonnen hat: 1974 als Journalist, 1990 als Pressechef und 2014 als Delegationsleiter. Dazu kommen noch Erfolge bei den Frauen, etwa die Europameisterschaften. Das Finale meines eigenen Amts war bitter, bis heute empfinde ich es als ungerecht und unfair. Aber im November werde ich 75. Wir haben beim DFB die Altersgrenze für Wahlämter auf 70 Jahre festgelegt – für mich wäre es also ohnehin vorbei gewesen. Man muss auch der neuen Führung vertrauen, dass sie den großen Tanker DFB auf Kurs bringt. Ich habe den DFB oft als Tanker bezeichnet, aber auch gesagt: Er kann zum Schnellboot werden. Diese Fähigkeit sollte man sich bewahren.
Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand des DFB?
Wenn Sie diese Frage öffentlich stellen, kommt garantiert als Erstes die Antwort in Bezug auf die Nationalmannschaft. Da gibt es Entwicklungen – diesen grenzenlosen Optimismus oder den Mechanismus, dass Deutschland sich automatisch qualifiziert, muss man heute hinterfragen. Ich finde, dass Rudi Völler dem DFB sehr gut tut. Er ist nach wie vor einer meiner engsten Freunde. Ich weiß auch, dass er von Julian Nagelsmann überzeugt ist. Sie müssen es mit den Spielern schaffen, die ihnen zur Verfügung stehen. Das ist nicht einfach, auf einigen Positionen fehlt es. Aber es geht nicht nur um die Nationalmannschaft. Die Struktur des DFB ist stimmig, auch wirtschaftlich ist der Verband auf stabilem Kurs. Die Mitgliederzahl wächst, die Acht-Millionen-Marke ist inzwischen wohl überschritten – das ist imposant. Ich denke, der DFB ist gut aufgestellt, um seine Aufgaben zu bewältigen.
Wagen wir zum Schluss ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, Hermann Neuberger würde 2025 DFB-Präsident werden. Was denken Sie, wäre seine erste Amtshandlung?
Er würde sich zunächst einen Überblick über die handelnden Personen verschaffen: Wer macht Presse, wer Marketing, wer Organisation? Er würde die Abläufe genau kennenlernen. Dann gemeinsam überlegen, wo man sich verbessern und neu aufstellen muss. So systematisch würde Hermann Neuberger vorgehen. Ob er heute noch so viele und lange Briefe schreiben würde, weiß ich nicht. Früher diktierte er am Wochenende und seine Sekretärin Frau Both schrieb montags den ganzen Tag vom Band ab. So war das. (lacht)