Er hat den deutschen Fußball geprägt wie nur wenige vor oder nach ihm. Hermann Neuberger war ein Architekt der Fußball-Bundesliga, Organisator von Weltmeisterschaften, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Vizepräsident der Fifa – und Saarländer durch und durch.
Geboren wurde Hermann Neuberger am 12. Dezember 1919 in Völklingen-Fenne, einem Arbeiterquartier im Saarland. Aufgewachsen ist er in Malstatt, einem der härtesten Viertel Saarbrückens, als „Molschder Bub“. Die Eltern – beide Lehrer – schickten ihn aufs Internat der Lenderschule Sasbach bei Freiburg, wo er 1938 sein Abitur machte. Eigentlich wollte er Theaterwissenschaften studieren und Regisseur werden. Noch lieber Fußballer. Er kickte als Mittelläufer für den FV Saarbrücken, den Vorgängerverein des heutigen 1. FC Saarbrücken – jenem Club, der Zeit seines Lebens sein Herzensverein bleiben sollte. Doch es kam anders. Der Zweite Weltkrieg vereitelte seine Pläne. Neuberger wurde Soldat, diente in Afrika und Italien, zuletzt als Hauptmann beim Generalstab der Wehrmacht in Rom. Über seine Kriegserlebnisse sprach er später nur ungern.
Nach dem Krieg kehrte er im November 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück – 26 Jahre alt, voller Ideen und Tatendrang. In einer zerstörten Stadt begann er als Redakteur beim „Saarbrücker Sport-Echo“. Doch seine Karriere als Journalist endete abrupt: Ein als zu deutschfreundlich empfundener Kommentar führte zu seiner Entlassung durch die französischen Machthaber. Der junge Neuberger schlug eine neue Richtung ein. Er kam bei der Karlsberg-Brauerei unter, wechselte dann zur Saarland-Sporttoto GmbH, deren Geschäftsführung er 1955 übernahm und ab 1961 als Direktor leitete. Und gleichzeitig begann sein Aufstieg als Sportfunktionär.
Der Saarländer als Macher
Schon 1946 hatte Neuberger den Landessportverband für das Saarland (LSVS) mitgegründet, zwei Jahre später den Saarländischen Fußballbund (SFB), dessen Präsident er bald wurde. 1950 führte er den unabhängigen SFB in die Fifa. Als überzeugter Befürworter der Rückgliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik engagierte er sich auch politisch – mit Erfolg: Nach dem verlorenen Referendum zum Saar-Statut 1955 wurde das Saarland 1957 Teil der Bundesrepublik. Neuberger war da längst ein gefragter Strippenzieher in Sport und Politik.
Sein Arbeitspensum war gewaltig. Er war Direktor von Saarland-Sporttoto, Präsident des LSVS, Chef des Saarländischen Fußballbundes – und das über Jahrzehnte. Auf sein Betreiben hin wurde im Saarland das sogenannte Sportachtel eingeführt, eine finanzielle Beteiligung des Sports an den Toto-Einnahmen. Man nannte ihn den „heimlichen Ministerpräsidenten“. Und sein Einfluss zeigte sich nicht nur in Budgets und Ämtern, sondern auch ganz konkret in Gebäuden: Die Saarlandhalle wurde auf seine Initiative hin gebaut, ebenso die Sportschule im Saarbrücker Stadtwald, die bis vor wenigen Jahren seinen Namen trug.
Sein Einsatz für den 1. FC Saarbrücken war dabei nicht minder leidenschaftlich. Als die Blau-Schwarzen nach dem Krieg nicht mehr im Ludwigspark, sondern am Kieselhumes spielten, organisierte Neuberger die Rückkehr in das unter Kriegsschutt begrabene Stadion. FCS-Mitglieder gruben eigenhändig die Trümmer weg – Neuberger mit dabei, an vorderster Front. Auch bei der späteren Erweiterung des Ludwigsparkstadions 1977 hatte er seine Hände im Spiel. Seine größte Vision aber – den Ludwigspark zum WM-Spielort für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 zu machen – konnte er nicht umsetzen. Saar-Innenminister Ludwig Schnur legte sein Veto ein: „Hermann, lass das – es wird zu teuer!“ Die „Saarbrücker Zeitung“ schrieb über die Niederlage: „Diese Hermanns-Schlacht verliert er.“ Es war eine der wenigen.
Architekt des deutschen Fußballs
Auf nationaler Ebene war Hermann Neuberger eine der Schlüsselfiguren bei der Gründung der Bundesliga Anfang der 1960er-Jahre. International machte er Karriere in der Fifa. Er wurde Chef-Organisator der WM 1974 in Deutschland, kurz darauf Vizepräsident des Weltverbands. 1975 übernahm er die Präsidentschaft beim Deutschen Fußball-Bund – ein Amt, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1992 ununterbrochen ausübte. In seine Amtszeit fielen die Europameisterschaft 1980, die Vize-Weltmeisterschaften 1982 und 1986 sowie der WM-Titel 1990 in Italien. Letzterer war auch ein später gemeinsamer Triumph mit Franz Beckenbauer, den Neuberger einst zum Bundestrainer gemacht hatte – obwohl sie sich zuvor „in herzlicher Abneigung verbunden“ gewesen waren.
„Hermann, the German“, wie ihn internationale Kollegen nannten, war als Organisator unschlagbar. Nach der WM 1974 blieb er Leiter sämtlicher Organisationskomitees der FIFA – bis einschließlich der WM 1990. Kaum ein Deutscher hatte je mehr Einfluss im Weltfußball.
Ein umstrittener Machtmensch
Doch Hermann Neuberger war nie unumstritten. Sein Führungsstil war autoritär, sein Machtinstinkt ausgeprägt. Der „Spiegel“ schrieb 1978: „Kaum einer mag ihn, der nichts von ihm zu erwarten hat: aber vielen ist er unentbehrlich.“
Er legte sich gerne mit Journalisten an, führte offene Auseinandersetzungen mit Medienhäusern. Bei der WM 1978 in Argentinien kulminierte das in einem politischen Skandal. Neuberger verteidigte das Turnier trotz der Diktatur unter Jorge Rafael Videla, trotz der Verbrechen, trotz des Mordes an der deutschen Studentin Elisabeth Käsemann. Als sich wenige Tage vor dem WM-Spiel der Nationalmannschaft in Argentinien die Nachricht von Käsemanns Tod verbreitete, entschied Neuberger gemeinsam mit dem damaligen deutschen Botschafter, diese Nachricht bis nach dem Spiel zurückzuhalten. Ein Boykott kam für ihn nicht infrage. Kritik an der Militärjunta ließ Hermann Neuberger nicht zu. Im Gegenteil: Er bezeichnete Videla als „eine Taube“ und lobte das argentinische Regime für seine „preußische Gründlichkeit“. Dokumentarfilmer legten später nahe, dass ein einziges Wort Neubergers in Richtung Fifa oder an die argentinische Regierung womöglich das Leben Käsemanns hätte retten können.
Auch der Empfang des ehemaligen Wehrmachts-Offiziers Hans-Ulrich Rudel im WM-Quartier sorgte für Empörung. Rudel, ein bekennender Nationalsozialist, war nach dem Krieg nach Südamerika geflohen. Neuberger erklärte, die Empörung über Rudels Anwesenheit käme „einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich“. Bis heute halten sich Vermutungen, dass Neuberger persönlich für die Einladung verantwortlich war. Der DFB widerspricht dem auf seiner Website energisch: Neuberger sei zum Zeitpunkt des Treffens gar nicht vor Ort gewesen. Sicher ist nur: Die Szene beschädigte sein öffentliches Bild nachhaltig.
Wirkung über den Tod hinaus
Trotz aller Kritik hielt sich Hermann Neuberger bis zu seinem plötzlichen Tod im September 1992 an der Spitze des DFB. Sein Nachfolger wurde Egidius Braun – ein Mann, der in vielen Punkten als sein Gegenentwurf galt. Als Neuberger starb, verlor der Saarsport seine prägende Figur. Der LSVS rutschte in finanzielle Schwierigkeiten, die Saarlandhalle war marode, der geplante Neubau einer Veranstaltungshalle blieb ebenso unerfüllt wie die letzte große Vision Neubergers – die umfassende Modernisierung des Ludwigsparkstadions.
Mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist sein Vermächtnis im Saarland noch immer sichtbar – wenn auch nicht immer spürbar. Die Hermann-Neuberger-Sportschule trug seinen Namen, das Stadion in Völklingen heißt heute noch so. In Saarbrücken blieb ihm diese Ehre verwehrt – die Stadt bestand auf ein offizielles Länderspiel, das nie kam.
Sein Leben war wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Er wollte immer mehr: mehr Einfluss, mehr Macht, mehr Prestige. Selbst das Amt des Fifa-Präsidenten hatte er ins Auge gefasst – vergeblich. Die Krankheit kam dazwischen. Den Krebs konnte er nicht besiegen. Und vielleicht ist das auch sinnbildlich für den Menschen Hermann Neuberger: ein Mann, der fast alles schaffte – nur nicht, sich selbst zu schonen.
Er war kein Heiliger, aber ein Gestalter. Kein Liebling der Massen, aber ein Mann der Tat. Hermann Neuberger hat den deutschen Fußball verändert – und niemand konnte in seine Fußstapfen treten. Bis heute.