Ob zarte Elfen, mystische Meerjungfrauen oder Gandalf mit seinen Hobbits höchstpersönlich – Kristina Klemm (@edgeofabyss_photography) lässt mit ihren gewandeten Models an besonderen Schauplätzen der Natur einzigartige Fantasy-Fotos entstehen. Ein Einblick in ihre Bilderwelten.
Liebe Kristina, was fasziniert Dich an Fantasy-Outfits und -Fotos, was macht den besonderen Reiz für Dich aus?
Der besondere Reiz liegt für mich darin, meiner Kreativität Ausdruck zu verleihen. Das beginnt mit einer Idee, einer Vorstellung in meinem Kopf, die dann Stück für Stück konkrete Formen annimmt, sich aber immer auch weiterentwickelt im Schaffensprozess – einerseits durch die Umsetzbarkeit, wo man dann manchmal vielleicht noch einmal umdenken muss, aber auch durch die gemeinsame Arbeit mit dem Model. Ich finde es spannend, wie sich jemand vor meiner Linse „verwandelt“, und wie wir dann gemeinsam die ursprüngliche Idee zum Leben erwecken. Bei einem außergewöhnlichen Konzept erstelle ich manchmal auch die Headpieces, Accessoires oder Outfits selbst – dann schaffe ich Unikate, die es sonst so nicht gibt und lasse die Vision in meinem Kopf zur Wirklichkeit werden. Auch die Bildbearbeitung nach dem Shooting liebe ich, weil man durch Photoshop unendlich viele Möglichkeiten hat, die Bildstimmung zu verändern, Farben anzupassen und neue Looks zu kreieren. Ich zeichne und male ja auch gerne, aber wenn ich fotografiere, ist das Bild schon da und es braucht nur noch die Optimierung durch die Bildbearbeitung. Das Fantasy-Foto, das am Ende dieses Prozesses entsteht, ist dann der Lohn für die ganze Mühe, die man sich gemacht hat.
Warum der düstere Name Edge of Abyss Photography – was bedeutet er?
Der Name verkörpert für mich den Stil meiner Fotografie, den ich in der Epoche der Romantik beziehungsweise in der Schauerromantik verorte. Düster, dunkel, aber gleichzeitig auch verträumt, idyllisch, mit Fokus auf den Gefühlen und der Natur. Der Abgrund – abyss – ist ambivalent. Wenn man am Rand einer Schlucht in der Natur steht, kann man hinunterschauen, ganz tief in seine Ängste blicken, oder aber auch in die Ferne schauen und die Schönheit des Augenblicks genießen. Meine Fotokunst ist ähnlich ambivalent – manchmal schaurig, manchmal schön, aber immer authentisch.
Wie muss ein Fantasy-Outfit für Dich sein, damit es Dich anspricht?
Ich finde vieles, was ich sehe, ästhetisch ansprechend. Das Outfit muss für mich persönlich nicht unbedingt authentisch sein, denn im Bereich der Fantasy können wir uns, was das Outfit anbelangt, ja zum Glück austoben. Mir sind Stoffe wichtig, es darf keine sichtbar billige Verarbeitung sein. Stoffe, die zum größten Teil aus Polyester bestehen, wirken auf Fotos für meine Begriffe nicht so schön. Ich mag, wenn ein Outfit viele kleine Details hat und eine Geschichte erzählt, denn in meinen Fotos spielt Storytelling eine große Rolle. Ich mag aber auch ganz einfache und schlichte Kleider, die schön fallen.
Welche Fantasy-Wesen fotografierst Du besonders gern und warum?
Das ist eine wirklich schwierige Frage, denn ich liebe gerade die Verschiedenheit in der Fantasy-Welt. Meist gibt es bei mir Phasen, in denen ich verstärkt eine bestimmte Art von Fantasy fotografiere. Ganz am Anfang waren es zum Beispiel Feen, in diesem Jahr in meinem aktuellen Projekt „Metamorphosis“ sind es Motten. Wahrscheinlich mag ich daran vor allem die schönen Flügel! Ich würde allerdings im Moment auch gerne wieder mehr Mermaids fotografieren, weil diese für mich der Inbegriff der Fantasywelt sind.
Was gefällt Dir bei Outfits weniger – gibt es auch No-Gos für Dich?
Erlaubt ist für mich alles, was gefällt, solange es niemanden beleidigt, diskriminiert oder verletzt. Ich finde es schlimm, wenn jemand das Hobby Cosplay für sich entdeckt und ausprobiert und dann Kritik bekommt, weil das Cosplay nicht „authentisch“ ist. Jeder kann doch das machen, was ihm oder ihr Freude macht – warum das kaputt machen? Es gibt aber natürlich auch absolute No-Gos für mich, als Beispiel sei hier Blackfacing genannt. Jeder, der sich damit etwas intensiver beschäftigt, wird da mit Sicherheit zustimmen. Zum Glück wird bei diesem Thema inzwischen viel Aufklärung betrieben, auch wenn es leider immer wieder Einzelfälle gibt, wo das passiert.
An welchen Locations shootest Du am liebsten und worauf achtest Du bei der Auswahl?
Ich bin am liebsten draußen in der Natur unterwegs. Am allerwichtigsten ist mir, dass die Location zum geplanten Konzept passt und idealerweise mehr als ein Motiv für Fotos bietet. Meine aktuelle Lieblingslocation ist ein kleines Waldstück mit einem Moor und einer kleinen Heidelandschaft – da gibt es unfassbar viele Möglichkeiten, sich kreativ auszutoben und schöne Bilder zu machen.
Ich liebe es auch, Shootingreisen an tolle Orte zu machen. Dabei muss es nicht unbedingt das Ausland sein, auch Deutschland bietet wundervolle Locations wie zum Beispiel die sächsische Schweiz oder die Küste. Hauptsache, die Atmosphäre stimmt und das Licht passt – das spielt natürlich auch eine sehr große Rolle.
Worauf legst Du beim Bildaufbau und bei der Bildstimmung Wert?
Für mich ist der Bildaufbau das Fundament der Geschichte, die ich erzählen möchte. Ich achte darauf, dass Komposition, Perspektive und Details die Blickführung bewusst lenken und das Modell nicht nur „abgebildet“, sondern optimal und passend zur Bildstimmung in Szene gesetzt wird. Besonders wichtig ist mir die Balance zwischen dem Model, dem Outfit und der Umgebung – alles soll zusammenwirken.
Bei der Bildstimmung spielt neben der richtigen Pose das Licht eine zentrale Rolle, denn es bestimmt, ob eine Szene geheimnisvoll, episch oder verträumt wirkt. Ich arbeite gern mit starken Kontrasten, cineastischen Farbwelten und atmosphärischen Elementen wie Rauch, Nebel oder gezielten Farbakzenten, um das Gefühl zu verstärken. Bei der Bildbearbeitung optimiere ich dann die Farbharmonien und hole die Kontraste noch mehr heraus. Am Ende soll das Foto auf den Betrachter wirken, als wäre es aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, einer besonderen Geschichte, die darauf wartet, weitergesponnen zu werden.
Hast Du ein Faible für spezielle Model-Typen, Farben und Details?
Einen bestimmten Model-Typ bevorzuge ich nicht. Ich finde, dass jeder Mensch schöne Seiten an sich hat und sehe es als meine Aufgabe, diese in meinen Fotos hervorzuheben. Bei Farben bevorzuge ich meist kräftige Töne und ich liebe auf jeden Fall rote Farbe in Bildern sehr. Aber letztendlich ist es mir am wichtigsten, dass die Farben miteinander harmonieren. Was die Details betrifft, sind mir Handposen sehr wichtig, da bin ich glaube ich sehr kritisch und treibe so manches Model in den Wahnsinn. Aber die Hände müssen einfach schön aussehen, sonst ist das Bild für mich in der Gesamtkomposition nicht stimmig.
Machst Du nur freie künstlerische Arbeiten mit Models, die oft ihren Fundus an besonderen Kleidern und Accessoires mitbringen, oder kann jeder Shootings bei Dir buchen?
Beides. 2020 bis 2024 habe ich ausschließlich freie Projekte gemacht, das hat sich mit der Anmeldung meines Nebengewerbes letztes Jahr dann geändert. Mein Fokus liegt nun hauptsächlich auf der Arbeit mit Kundinnen und Kunden, weil ich es einfach wundervoll finde, wenn diese sich auf das Abenteuer einlassen und am Ende mit schönen Bildern belohnt werden. Ab und zu mache ich aber auch noch freie Projekte – etwa, wenn ich eine ganz bestimmte Idee im Kopf habe, die ich umsetzen möchte. Oft mache ich dann sogar eine Ausschreibung, bei der sich jeder unabhängig von Erfahrung oder Fundus bewerben kann. Hauptsache, der- oder diejenige hat Lust darauf, kreativ zu sein, passt ins Konzept und vertraut dem Prozess.
Schlüpfst Du auch selbst gern mal in besondere Rollen und Gewandungen?
Ab und zu mache ich Selbstportraits. Ich liebe es nach wie vor, auch selbst in andere Rollen zu schlüpfen und mich zu verwandeln. Ich finde es auch wichtig für meine Weiterentwicklung als Fotografin – mit mir selbst als Model kann ich ja alles Mögliche ausprobieren. Vor allem mit Make-up, Bodypaintingfarbe und verschiedenen Materialien experimentiere ich da viel. Es gibt unter anderem Bilder von mir als Eiskönigin, Dämon, Pagan-Hexe, Weihnachtself, ja sogar als Zombie. Leider komme ich nur selten dazu, weil es sehr aufwendig ist, nicht nur die Fotos zu machen, sondern auch zu modeln. Eine Zeit lang habe ich regelmäßig kreative Shooting-Sessions mit meiner Freundin Justine gemacht; sie hat die Ideen und Konzepte geliefert, wir haben uns geschminkt und gegenseitig fotografiert, ich habe dann die Bilder bearbeitet. Das hat immer sehr viel Spaß gemacht und war gleichzeitig auch Quality-Time, was mir bei meinen Shootings immer sehr wichtig ist. Wenn ich alles alleine mache, wird es oft sehr stressig für mich, zum Beispiel wenn ich dann versuche, die perfekte Perspektive und den optimalen Bildschnitt zu finden, während ich verhindere, dass die Perücke verrutscht. Da wünscht man sich oft eine helfende Hand!
Welche Shootings waren Deine aufwendigsten und außergewöhnlichsten und warum?
Ich habe schon so viele außergewöhnliche und aufwendige Shootings gemacht, ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, in dieser Hinsicht mit vielen tollen kreativen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Solche Projekte kann man als Fotograf kaum alleine stemmen – viele andere Beteiligte tragen wesentlich dazu bei, dass Bildserien mit diesem großen Aufwand überhaupt erst möglich werden.
Die Shootingreisen sind natürlich immer sehr aufwendig in der Planung und Umsetzung. Bei der Konzeptentwicklung und Planung hatte ich bisher immer das Glück, tolle Models zu haben, die einem in der Hinsicht viel abnehmen und alles geben. Dann verbringt man natürlich viel Zeit mit den Shootings während der Reise – und dann muss man hinterher die vielen entstandenen Bilder sichten und eine Auswahl treffen, nicht zu vergessen die Bildbearbeitung. Das sind insgesamt mehrere Wochen Aufwand. Mit einem Model habe ich mal einen Roadtrip von Strasbourg durch die Provence, an die Côte d’Azur und dann in die Camargue gemacht. Wir haben über tausend Kilometer zurückgelegt und rund 18 Shootings umgesetzt – am Strand, in den Salinen, im Lavendelfeld, zwischen Sonnenblumen, am Wasserfall, zwischen Felsen, am Lost Place, am See, manchmal bei Sonnenauf- und manchmal bei Sonnenuntergang, falls ein schöner Spot auf der Fahrt lag, auch mal irgendwo dazwischen. Das war anstrengend, aber auch wundervoll. Ich liebe die Ergebnisse heute noch sehr und denke immer gerne daran zurück.
Bei einem Einzelshooting habe ich mal ein Model komplett grün angemalt und mit Moos beklebt, da hat alleine das Painting vier Stunden gedauert. Sie hat sich selbst die Haare geflochten und ein passendes Outfit gebastelt. Wir sind dann in einen Wald gefahren und haben dort sehr schöne Dryaden-Bilder gemacht.
Am außergewöhnlichsten waren vielleicht die Unterwassershootings, bei denen ich dabei sein durfte. Einmal waren wir dafür in einem Tank in den Niederlanden mit bis zu zehn Metern Wassertiefe. Es ist gar nicht so einfach, als Fotograf unter Wasser eine schöne Pose einzufangen, aber das Model muss noch viel härter arbeiten für das perfekte Bild, da es unter Wasser so viel mehr zu beachten gibt, damit das Foto am Ende gut aussieht: schönes Gesicht, Luft anhalten ohne Pausbacken und zugekniffene Augen, dabei Wasser in der Nase ignorieren, ebenso den Kleiderstoff, der einen runterzieht und sich um die Beine wickelt, dann noch eine schöne Pose, Arme und Beine seitlich und, wenn möglich, nicht wie ein Korken nach oben treiben ... Das ist wirklich hart! Ich weiß wovon ich rede, ich habe mich auch einmal selbst vor die Kamera begeben und das ausprobiert.
Hast Du Lieblingsfotos oder -bildserien von Dir?
Eine konkrete Lieblingsbildserie habe ich eigentlich nicht, dann schon eher Fotoserien, mit denen ich eine besondere Erinnerung verbinde, wie etwa von meinen Shootingreisen. Wenn ich die Bilder betrachte, denke ich an die schönen Momente der Reise und an die atemberaubenden Landschaften zurück. Einige Fotos mag ich auch besonders wegen der Herausforderungen, die mit den Bildern verbunden waren, etwa meine Fotos, die unter Wasser entstanden sind. Es gibt ein Bild, das mir besonders am Herzen liegt und das damals mit meiner Freundin Anika entstanden ist – das ziert auch meine Visitenkarte. Das Bild bedeutet mir viel, da es das erste Fantasy-Foto war, bei dem ich nach dem Drücken auf den Auslöser dachte, dass ich ein wundervolles Bild geschaffen habe und genau diese Art von Fotografie weitermachen möchte. In diesem Moment habe ich ganz klar meinen Werg gesehen, der vor mir liegt.
Gibt es Wunschmodelle oder Schauspieler, die Du gern einmal fotografieren möchtest? Wie würdest Du diese stylen und in Szene setzen?
Es gibt einige Persönlichkeiten, die mich unglaublich inspirieren würden. Besonders spannend fände ich es, einmal Schauspieler oder Models zu fotografieren, die schon eine Nähe zu Fantasy- oder Cosplay-Welten haben – zum Beispiel jemanden wie Eva Green, deren Ausstrahlung perfekt zu düsteren, mystischen Inszenierungen passen würde, oder auch Tom Hiddleston, der mit seiner Mimik und Präsenz eine Figur sofort lebendig macht. Ich würde sie nicht einfach porträtieren, sondern in eine ganze Bildwelt eintauchen lassen: aufwendige Kostüme, eine epische Kulisse, Lichtstimmungen, die an Filmszenen erinnern, insgesamt eine cineastische Atmosphäre. Mein Ziel wäre es, eine Mischung aus Fotografie und visueller Erzählung zu schaffen, sodass das Bild wie ein eingefrorener Moment aus einem Fantasyfilm wirkt. Es wäre toll, dabei verschiedene Bildstile auszuprobieren –
mal düster, mal verträumt, mal dramatisch, mal surreal.
Wenn du anderen von Deiner Fotografie und Deinen Shootings erzählst – welche besonderen, verrückten oder lustigen Erlebnisse und Geschichten sind dann immer dabei?
Ich erzähle immer, wie ich mal bei einem Mermaidshooting bei dem Versuch, die Flosse des Models umzudrehen, gestürzt und komplett ins Wasser gefallen bin. Ich habe die Kamera noch geistesgegenwärtig nach oben gestreckt, aber es hatte keinen Zweck, ich habe einen kompletten Tauchgang gemacht. Hinterher habe ich weiter fotografiert, obwohl Wasser in der Kamera war und der Aus-Knopf nicht mehr funktionierte. Wirklich riskant, im Nachhinein betrachtet auch sehr dumm. Aber ich hatte Glück, die Kamera (und ich) haben es überlebt. Aber der Schreck war groß!
Egal, ob bei Werbeanzeigen, bei Privatpersonen oder auch im Fantasy-Bereich: Man wird momentan geradezu überschwemmt mit KI-Fotos. Denkst Du, dass es echte Fotografie in Zukunft schwer haben wird?
Ich denke, wir Menschen werden immer den Drang haben, besondere Momente für uns selbst festzuhalten, weshalb Fotografie als solche durch KI nicht ausstirbt. Ein Problem sehe ich vor allem in der Auftragstätigkeit von Fotografen, das wird definitiv abnehmen und professionelle Fotografen werden es schwer haben, ihre Daseinsberechtigung zu behalten. In bestimmten Bereichen wird Fotografie aber, denke ich, weiter Bestand haben, vor allem da, wo es darum geht, besondere Momente von einem Profi einfangen zu lassen – vor allem in der Hochzeits- und Familienfotografie, aber auch im Bereich von Fantasy. Natürlich kannst du deinen Kopf mit KI in jedes x-beliebige Bild projizieren – aber du hast es nicht erlebt und damit nicht gefühlt. Manchen wird das nicht reichen, denn wir buchen das Erlebnis, nicht das Ergebnis, das ist nur die Erinnerung an diese schönen Momente. Das größte Problem bei KI sehe ich darin, dass wir irgendwann nicht mehr unterscheiden können, was echt und was KI ist – das kann gefährlich werden. Und wenn KI dann noch meine echten Bilder stiehlt, um daraus etwas Eigenes zu konzipieren, ist das nicht eine Urheberrechtsverletzung?