Karina Schönmaier führt die WM-Riege der Turner bei der WM in Indonesien an. Auf ihr ruhen die größten Medaillenhoffnungen – obwohl sie im Nachwuchsbereich nicht den klassischen Weg gegangen ist.
Die deutschen Kunstturn-Meisterschaften im Jahr 2021 in Dortmund steuern auf den Höhepunkt zu – und mittendrin ist eine junge Außenseiterin. Die erst 15-jährige Karina Schönmaier befindet sich gerade gedanklich in einem Tunnel, die ganze Konzentration gilt ihrem Sprung, dem wichtigsten in ihrer bisherigen Karriere, als die damalige Bundestrainerin Ulla Koch sie anspricht. Es geht um die Frage, ob das junge Talent vielleicht bei der zweiten Olympia-Qualifikation antreten wolle. Doch das erfuhr der Teenager erst später, beim Gespräch mit der Bundestrainerin hat sie auf Durchzug geschaltet. „Naja, ich musste die anderen später erst mal fragen, was die Bundestrainerin eigentlich zu mir gesagt hat. Hab ich gar nicht richtig mitgekriegt“, verriet die Turnerin später. Im Gerätefinale einer deutschen Meisterschaft zu stehen, war ein großer Erfolg für sie – und eine Überraschung in der Szene. Schließlich turnte Schönmaier damals nicht wie die meisten Talente in einem Sportinternat, sondern für Blau-Weiss Buchholz. Davor war sie auch beim TuS Huchting in ihrer Geburtsstadt Bremen aktiv. Die große Bühne war sie nicht gewohnt, „und als ich am Anlauf etwas warten musste, habe ich ganz schön gezittert“, berichtete sie: „Ich habe da nur gedacht: Atme!“
Es half. Schönmaier gewann fast schon sensationell Bronze im Sprung und machte das erste Mal nachhaltig auf sich aufmerksam. Zwar hatte sie mit dem Gewinn der deutschen Jugend-Mehrkampfmeisterschaft ein paar Monate zuvor bewiesen, wie viel Talent in ihr steckt. Doch dass ihr der Sprung im Erwachsenenbereich so schnell und problemlos gelingt, hatten nur wenige erwartet. Hinterher verriet sie, dass sie „vom angespannten Stehen und Zittern“ Muskelkater im Rücken gehabt habe. Doch sie hatte noch viel mehr mitgenommen von diesem Tag: Die Bronzemedaille, die positiven Erfahrungen mit den deutschen Turn-Stars („Die waren alle total nett zu mir“) und vor allem die Erkenntnis, dass sie im großen Scheinwerferlicht mithalten kann. Es motivierte Schönmaier, noch gezielter und noch fleißiger zu trainieren. Heute präsentiert die nun 20-Jährige sogar die nationale Spitze: Bei den Weltmeisterschaften ab dem 19. Oktober in Indonesien führt die Sprung-Europameisterin die deutsche Riege als größte Medaillenhoffnung an. „Ich freue mich auf diesen Wettkampf, ich habe noch nie so weit weg geturnt. Das wird wieder eine neue Erfahrung für mich“, sagte Schönmaier über die Titelkämpfe in der indonesischen Metropole Jakarta.
„Uns fehlt die Top-Halle“
Bei der zweiten und letzten WM-Qualifikation Ende September siegte die inzwischen für Chemnitz startende Schönmaier mit starken 53,150 Punkten klar vor Jesenia Schäfer (50,200) und Lea Wartmann (49,700). „Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit dem Wettkampf und mit meiner Leistung“, sagte sie selbst über die gelungene WM-Generalprobe: „Das gibt mir eine Leichtigkeit und innerlich ein richtig gutes Gefühl, dass ich das geschafft habe. Nach meiner Bodenübung war ich einfach nur überglücklich.“ Und auch Frauen-Cheftrainer Gerben Wiersma war mehr als zufrieden: „Wir haben hier heute sehr gute Leistungen, vor allem von Karina, gesehen, aber auch von weiteren Turnerinnen.“ Schönmaier brillierte vor allem an ihrem Paradegerät: Dank eines sehenswerten Yurchenko mit Doppelschraube kam sie auf den Tagesbestwert von 14,200 Punkten. Doch auch an den anderen Geräten zeigte sie so gut wie keine Schwächen. Deutschland hat wieder einen Turn-Star – der allerdings nicht den linearen Weg an die Spitze gegangen ist.
Sie wollte nie wirklich in ein Sportinternat wechseln, obwohl ihr Talent früh erkennbar war. „Sie hat schon mit fünf Jahren schneller als andere gelernt und die Übungen sauberer ausgeführt“, sagte ihre Ex-Trainerin Katharina Kort dem „Weser Report“: „Sie ist ein Bewegungs-Talent. Wenn sie turnt, geht einem das Herz auf.“ Schönmaier war die familiäre Nähe wichtig, in Bremen-Huchting wuchs sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter und zwei Geschwistern auf. Ihr zweites Zuhause wird die Geräteturnhalle des TuS Huchting, wo sich die junge Karina jeden Tag stundenlang aufhält und trainiert. Die Bedingungen dort sind nicht die besten. „Die Matten hier sind über 40 Jahre alt“, sagte Schönmaier einmal: „Um gewisse Elemente zu üben, muss ich nach Buchholz fahren. Hier in Huchting ist keine Grube. Die brauche ich für höhere Elemente, um mich dort hineinfallen zu lassen.“ Aber gemeinsam mit Trainerin Kort und anderen Leuten, die das große Talent fördern wollen, werden für Probleme immer wieder Lösungen gesucht und gefunden. Bis zu einem gewissen Punkt funktionierte das auch. Irgendwann nicht mehr. „Am Ende muss man aber einfach ehrlich sein. Uns fehlt die Top-Halle, um so einen Diamanten wie Karina weiter schleifen zu können“, sagte Trainerin Kort.
Es folgte der Wechsel zum Bundesstützpunkt nach Chemnitz. Dort wird sie von ihrem neuen Trainer Anatol Ashurkov trainiert, mit dem sie sich auch auf Russisch verständigen kann. Ex-Turner Ashurkov ist gebürtiger Belarusse, und Schönmaier wurde von ihrer Mutter, einer eingewanderten Russin, zweisprachig aufgezogen. Ashurkov übernahm in Chemnitz die Cheftrainer-Position von Gabriele Frehse. Sie sei „mit traurigen Gefühlen weg aus Bremen“, gab Schönmaier zu: „Dort war ich mein bisheriges Leben lang, fühlte mich wohl, hier wollte ich eigentlich nie weg.“ Wohl auch deswegen lief es anfangs in Chemnitz nicht besonders gut. Die Erfolge blieben zunächst aus, die Zweifel über die Entscheidung wuchsen. Doch Schönmaier kämpfte sich aus diesem Leistungs- und auch Mentaltief heraus. Die Europameisterschaften im vergangenen Mai in Leipzig machte sie zu ihren ganz persönlichen Turn-Festspielen: Einzel-Gold im Sprung, Gold im Mixed-Team, Silber mit dem Frauen-Team. „Es war einfach alles wie im Traum“, sagte Schönmaier nach ihrem goldenen Sprungfinale: „Es ist ein sehr großes Geschenk für mich. Es ist der Wahnsinn, ich kann diese Gefühle nicht beschreiben. Es ist wie im Film. Ich habe gar keine Worte, weil es so ein geiles Gefühl ist.“
Riesentalent und einen großen Willen
Im Jahr davor war sie bei ihrer Paradedisziplin im italienischen Rimini noch Fünfte geworden. Die harte Arbeit an sich und ihrem Programm hat sich ausgezahlt. Als sie anschließend bei einem Heimatbesuch in die kleine Halle in Bremen-Huchting zurückkehrte, wurde die frisch gekürte Doppel-Europameisterin von Kindern, die es ihr gleichmachen wollen, förmlich umzingelt. „Hier hat alles angefangen. Ohne die Unterstützung des Vereins, ohne diese Halle und ohne Katharina wäre ich nie so weit gekommen“, sagte sie: „Die Medaillen haben wir alle zusammen gewonnen.“ Ihre Ex-Trainerin Kort sagte: „Wir sind so stolz auf Karina.“ Der Schritt raus aus ihrer Komfortzone und rein in ein professionelles Umfeld sei „ein schwerer Schritt“ gewesen, meinte Schönmaier, aber eben auch „ein wichtiger“. Sie sei mittlerweile „in Chemnitz angekommen“ und habe dort „super Bedingungen“. Das hatte ihr Bundestrainer Wiersma schon damals prophezeit. Auch ihm fällt wegen der guten Entwicklung der Athletin ein Stein vom Herzen: „Ich bin so glücklich darüber, wie sie sich entwickelt hat.“
Wo das Limit bei Schönmaier liegt? So richtig kann es keiner abschätzen. Sie bringt aber in jedem Fall ein Riesentalent und einen großen Willen mit – und auch die richtige Einstellung. „Im Leistungssport kannst du nichts erzwingen. Das machst du, weil du es liebst!“ So lautet das Motto der 20-Jährigen. Genau wie bei ihrem sportlichen Vorbild, der US-Ausnahmeturnerin Simone Biles, geht bei Schönmaier nichts ohne Emotionen. „Turnen ist mein Zuhause‚ mein Safe Place und meine Leidenschaft.“
Bei den Männern ruhen die deutschen WM-Hoffnungen auf Timo Eder und Nils Dunkel, die in Jakarta ebenfalls um Top-Platzierungen kämpfen sollen. Die erste WM nach Olympia 2024 in Paris steht aber auch im Zeichen eines Neuaufbaus. Junge Talente wie die erst 15-jährige Jesenia Schäfer aus Chemnitz dürfen sich auf der großen Bühne beweisen. Schäfer überraschte bei der DM im August mit dem Sieg im Sprung vor Schönmaier. Die Favoritin war bei der Landung außerhalb der Markierung mit den Füßen aufgekommen und hatte dafür einen Punktabzug bekommen. „Es war einfach ein unfassbares Gefühl, als ich gesehen habe, dass ich auf Position eins gerutscht bin“, sagte Schäfer, die mit Schönmaier befreundet ist. Trotz aller sportlicher Rivalität gönnte die Europameisterin der Newcomerin den Erfolg von Herzen. „Als ich zu Karina meinte, dass es mir total leid für sie tut, meinte sie zu mir, dass sie es mir total gönnt“, berichtete Schäfer.
Dieser Teamgeist ist auch bei der WM gefragt. „Wir wollen die Athletinnen in ihren jeweiligen Entwicklungsstadien bestmöglich unterstützen und so optimal auf den weiteren Olympiazyklus vorbereiten“, sagte Frauen-Bundestrainer Wiersma. Der für die Männer verantwortliche Chefcoach ist Jens Milbradt. Er erklärte, warum die Nominierungskriterien von den Verantwortlichen bewusst so hoch angesetzt wurden: „Wir wollen, dass sich die Turner inhaltlich weiterentwickeln. Wenn sie bei der WM antreten, sollen sie auch realistische Chancen auf internationale Top-Platzierungen haben.“
Auf Karina Schönmaier trifft das in jedem Fall zu. Ihr ist der Sprung aus der beschaulichen Turnhalle in Bremen-Huchting in die indonesische Metropole Jakarta geglückt – dafür will sie sich nun auch mit einer WM-Medaille belohnen. „Ein kleiner Druck“ sei schon da, gab sie zu, „aber ich bin guter Dinge, schaue voraus und freue mich darauf“. Und klar ist, dass sie dabei wieder ihren Tunnel finden muss. So wie schon damals, als 15 Jahre alter Nobody bei ihren ersten deutschen Meisterschaften.