Kulturpessimisten haben Konjunktur. Wer Anstand, Moral und vieles andere wegschmelzen sieht wie die Gletscher der Alpen (und anderswo), hat gute Chancen, in schöner Regelmäßigkeit zu Interviews gebeten zu werden, um wortreich zu erklären, dass es mit allen zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne den Bach runtergeht. Blöderweise wird er oder sie das mit zahlreichen Beispielen eindrucksvoll begründen können. So langsam dürften es also alle wissen können, zumal es so schaurig schön oft durchgekaut wird.
So weit, so betrüblich.
Wenn wir jetzt noch die überall um sich greifenden Retro-Trends wortreich beklagen würden, wäre so ziemlich alles zur Lage der Nation gesagt – und meine Kolumne kurz und knapp für diesmal beendet.
Ganz falsch wäre es nicht. Aber nur ein Teil der Wirklichkeit. Was uns entgehen würde, wäre das, was nun nicht gerade laut, schrill, ätzend oder weltuntergangsmäßig daherkommt, und ein ganz anderes Bild abgibt.
Während die einen auf ein Aus des „Verbrenner-Aus“ und Lockerungen von Klimaschutzmaßnahmen bestehen, stimmen die Hamburger kurzerhand mal in einem „Zukunftsentscheid“ dafür, die Klimaschutzziele nicht etwa zu verschieben, im Gegenteil: sie schneller erreichen zu wollen.
Im Saarland macht der Bürgerrat Klimaschutz zahlreiche höchst pragmatische Vorschläge, um Klimaschutzziele doch noch erreichbar zu machen.
Und wer sich das Strukturwandel-Gutachten für’s Saarland näher ansieht, stellt fest: Die Menschen hierzulande schätzen die Situation in der großen Transformation zwar realistisch ein, sind aber in beachtlicher Mehrheit zuversichtlich, dass es auf Sicht zu schaffen ist.
Und selbst in Sachen Demokratiezufriedenheit zeigt sich: Es ist kein Naturgesetz, dass die nur eine Richtung kennt, nämlich bergab. Im Gegenteil hat sie im Saarland in beachtlichem Maße zugelegt (auch wenn noch einige Luft nach oben bleibt).
Damit ist natürlich nicht alles gut.
Schon gar nicht, wie sehr uns der Blick für diese Einstellungen „normaler“ Menschen abhandengekommen ist. Wir wären vielleicht weniger überrascht, wie Menschen (mehrheitlich) denken, wenn wir nicht nur Klicks, Likes und Kommentare im Netz zählen würden.