Der Salar de Uyuni im Hochland von Bolivien ist der größte Salzsee der Welt. Hollywood drehte dort „Star Wars“-Szenen, Künstler Musikvideos. Sogar die Rallye Dakar bretterte schon über den steinharten Grund. Doch normalerweise hört man nichts als den Wind und sieht nur zwei Farben bis zum Horizont: Weiß und Blau.
Das waren doch schon etwas merkwürdig überdrehte Menschen“, erinnert sich Juan Calizaya, Chef der kleinen Artisan-Kooperative am Rande der Uyuni-Salzwüste, die genaugenommen ein ausgetrockneter See ist. „Naja, vielleicht müssen die Rallye-Leute und auch deren Gefolge so sein. Aber irgendwie passte das nicht so richtig in unsere einfache Welt hier in Colchani. Da sind mir die normalen Touristen schon vertrauter.“
Von 2014 bis 2018 führte die Rallye Dakar quer durch Südamerika. Wobei die peruanisch-bolivianische Hochebene Altiplano mit ihrem schwierigen Terrain im Allgemeinen und der surreal wirkende Salzsee, der Salar de Uyuni, im Speziellen als besonders herausfordernd galten. Außerdem erwies sich die ungewohnt dünne Luft rund 3.600 Meter über dem Meeresspiegel als extrem ermüdend für die Teilnehmer.
Skulpturen aus großen Salzblöcken
Mit Müdigkeit haben meist auch Juans „normale Touristen“ zu kämpfen, obwohl sie keine Höchstleistungen vollbringen müssen und sich lieber von dem sonnengegerbten Mittfünfziger das Salzgewerk erklären lassen. Und schon demonstriert dieser routiniert, wie er und seine Mannen zentnerschwere Skulpturen aus großen Salzblöcken meißeln. Oder wie sie das Mineral aus dem steinharten Boden kratzen. Um das Weiße Gold sogleich in einer uralten Mühle zu zerkleinern und das gewonnene feine Tafelsalz mit aromatischem Koriander oder Andenminze zu veredeln.
Fürwahr eine Knochenjob-Performance, die die Portemonnaies seiner Gäste anschließend vermutlich ein klein wenig lockerer sitzen lassen. Dass Juan mit dem Weißen Gold nur Salz meinen kann, erklärt sich von selbst. In anderen Teilen der Welt steht der Begriff für Porzellan, Weißgold und Platin, für das mittlerweile heiß begehrte Lithium, für Elfenbein, Weiße Trüffel, ja sogar für Milch und den Gemeinen Spargel.
„Normalerweise verkaufen wir ein paar Säckchen Kräutersalz pro Tag, dazu noch einige andere Souvenirs in unserem Mercado de Artesanías. Reich wird man davon nicht, aber wir sind zufrieden“, erklärt Juan, der sich auch in der gleißenden Mittagssonne mit zwei Strickmützen warm hält. Aus gutem Grund. Der Wind, der ungebremst über den planen Salar de Uyuni fegt, ist eisig. Kurz vor Sonnenaufgang war er unerträglich. Da zeigte die Quecksilbersäule gerade mal schlappe drei Grad. Unter Null. Doch es hieß raus aus den warmen Federn und rein ins Abenteuer Salzwüste.
Außerirdische, surreale Szenerie
Ilsen Meriles, National Geographic und G Adventures Tour Guide und Koordinatorin, hat sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Als es sich ihre Gäste aus Europa und Australien in den beiden – beheizten – Toyota Land Cruisern gemütlich gemacht haben, verteilt die 34-Jährige noch in der Morgendämmerung Augenbinden. Der Uyuni-Wow-Effekt soll perfekt werden. Und das ist er dann auch: Als die Abenteurer endlich in die Ferne schauen dürfen, sehen sie anstatt Schwarz nur noch gleißendes Weiß.
Das Licht ist einfach brutal in seiner Intensität. Obwohl die Sonne noch ganz flach am Horizont steht, geht ohne Sonnenbrille einfach nichts. Selbst dann braucht es einen Moment, bis die Augen Details wahrnehmen können. Ein morgendlich, leicht rötlich getünchter blauer Himmel über einem zartrosa verschleierten weißen Grund. Langsam nehmen diese merkwürdigen fünfeckigen Salzwaben Kontur an, die durch Kontraktion, Rissbildung und erneute Kristallisation infolge erheblicher Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht entstehen. Die Szenerie wirkt surreal, fremd, irritierend, fast außerirdisch.
Ein perfekter Ort für Kreative also. Musiker streamten Livekonzerte ins Netz und produzierten Musikvideos, Hollywood drehte diverse „Star Wars“-Sequenzen dort, eine japanisch-bolivianische Co-Produktion erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der Salz abbaut, um es in den umliegenden Dörfern gegen Essen zu tauschen. Schauspielerin Veronica Ferres wurde von Meister-Regisseur Werner Herzog als Wissenschaftlerin in der Salzwüste ausgesetzt und musste dort lernen, dass es keine Wirklichkeit, sondern nur Sichtweisen der Wirklichkeit gibt. Nur Wahrnehmungen. Stark verzerrte mitunter.
Genau das scheint auch das Problem einiger Autofahrer zu sein, die sich in diesem ungewohnten Terrain bewegen. „Die Symptome sind am ehesten mit denen eines Whiteouts im Schnee zu vergleichen“, erklärt die Bolivianerin Ilsen. „Ihr Gehirn kann mit der maximalen Reduktion der gewohnten Reize und den minimalen Kontrasten nur schwer umgehen. Dazu die dünne, extrem trockene Luft. Immer wieder mal kommt es zu frontalen Zusammenstößen von Geländewagen, die ja eigentlich nicht zu übersehen sein dürften. Eigentlich.“
Dass sich überhaupt zwei Fahrzeuge auf weiter Flur begegnen, kommt schon nicht allzu häufig vor. Die Besucherzahlen sind übersichtlich und es gibt kaum Siedlungen an den Ufern des Salzsees, der stolze 140 Kilometer lang und 100 Kilometer breit und damit der größte seiner Art weltweit ist. Mit seinen über 10.000 Quadratkilometern würde der Bodensee rund 20 Mal hineinpassen.
Alle Geheimnisse hat der Salar jedoch noch nicht preisgegeben. Seine tiefste Stelle, soweit bislang bekannt, ist 220 Meter tief. Entstanden ist er vor über 10.000 Jahren durch Verdunstung des Paläo-Sees Tauca, der eine geschätzte Menge Salz von unfassbaren zehn Milliarden Tonnen zurückließ. Die circa 25.000 Tonnen Salz, die heute jährlich abgebaut werden, klingen zwar richtig viel und so mancher Tourist äußert seine Bedenken über einen Raubbau an der Natur. Aber Juan und sämtliche Salzarbeiter vom See bräuchten satte 400.000 Jahre, um alles Salz zu ernten.
Auf dem Vulkan lebte eine Göttin
Die viel größere Gefahr geht von dem Weißen Gold unter dem Weißen Gold aus: Laut dem Luzerner Institut für Seltene Erden und Metalle lagert unter und in dem Mineral eines der größten Lithium-Vorkommen der Welt mit mindestens 21 Millionen Tonnen des heißbegehrten Elektrometalls, das sich im Akku eines jeden Handys und in den meisten E-Autos findet. Der Lithium-Hunger der Industrienationen ist gewaltig, Tendenz steigend. Ein chinesisches Konsortium schloss mit der bolivianischen Regierung im November 2024 ein Abkommen über die Errichtung von zwei kolossalen Industrieanlagen zwecks Lithium-Extraktion. Investitionsvolumen: eine Milliarde US-Dollar. Andere Investoren stehen schon Schlange. Die Hacken und Schippen von Juans Kooperative kosten keine Hundert Bucks.
So merkwürdig es klingen mag, aber das Wissen um die drohende Zerstörung einer der faszinierendsten Landschaften Südamerikas macht die Exkursionen noch eindrücklicher, die Suche nach dem perfekten Moment noch spannender, die Fotostopps mit fehlenden Proportionen in der Landschaft noch einzigartiger.
Nach einer Stunde Fahrt auf steinhartem kristallinem Grund wird aus Salz langsam Sand, waten Flamingos durch kleine Pfützen voller roter Algen, thront der erloschene Thunupa-Vulkan am Firmament. Selbst ohne Spitze überragt er mit seinen 5.432 Metern alles um Längen. Das nackte rot-braune Lavagestein unter dem gezackten Kraterrand und die riesige Caldera erinnern an eine offene Wunde von Mutter Erde, der es nicht vergönnt ist, in uns fassbaren zeitlichen Dimensionen zu heilen. Dort oben, wo sich einst Erde, Wind und Feuer vereinten, soll die Göttin Thunupa leben.
Der Legende nach wurden alle Vulkane von Göttern bewohnt. Außer einem. Wunderschön soll sie gewesen sein, die Göttin. Über alle Maßen begehrenswert. Als sie das Kind eines Unbekannten gebar, raubten die verschmähten Götter ihr Baby. Thunupa verfiel in eine unendliche Traurigkeit und ihre salzigen Tränen füllten den See. Wer der Göttin ganz nah sein will, muss kein Bergsteiger sein, jedoch gute Kondition mitbringen. Zwar ist der Aufstieg an sich moderat, aber die Luft wird dünner und dünner, der Wind noch eisiger und die Lava unter den immer schwerer werdenden Füßen röter, feinkörniger und haltloser. Apachetas weisen den Weg.
Die kleinen aufgeschichteten Steinhaufen sind zugleich bescheidene Altare zu Ehren von Pachamama, von Mutter Erde, die in den Andenländern oft personifiziert wird. Ilsen kniet vor jedem kurz nieder, küsst das kalte Gestein und besprenkelt es mit etwas kostbarem Nass. Spätestens jetzt spüren auch die weitgereisten Gäste, dass dieser heilige Vulkan nicht irgendein Berg ist.
Die letzte Wegstrecke auf losem Geröll hat es in sich. Man geht zwei Schritte nach vorn und rutscht einen zurück. Der Blick vom Kraterrand in die raue Caldera und auf das endlose Weiß des Sees ist dann allerdings wirklich göttlich. Der uralte Vulkan verbirgt noch manch anderen Schatz. Beim Abstieg ist der Besuch einer kleinen Höhle ein Muss. Das Auge benötigt etwas Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Schon werden die Silhouetten von fünf Mumien sichtbar. Zum Greifen nah, ohne jegliche Absperrung, erstaunlich gut erhalten, noch mit Resten von Kleidung auf lederner Haut. Eine Mumie hockt auf dem Boden, leicht an die Felswand gelehnt, die Beine angezogen, den Kopf leicht gesenkt, vor ihr ein Krug und eine Schale mit ein paar Münzen. Es könnte eine Frau gewesen sein. Als ob sie nur kurz eingeschlafen wäre nach einer Rast. Dabei sitzt sie nun schon 800 Jahre in der Grotte. Dunkelheit und die knochentrockene Luft haben die Körper konserviert.
Angst vor Raubbau und Zerstörung
„Eigentlich ein unschätzbarer Schatz für Anthropologen und andere Wissenschaftler“, resümiert Ilsen etwas traurig. „Es ist ein Jammer, dass Bolivien kein Geld dafür übrig hat. Undenkbar woanders, wenn ich an Iceman Ötzi oder den pharaonischen Kindskönig Tutanch-amun denke.“
In der Ferne durchbricht eine Landmasse das Meer aus Salz. Es ist die Insel Incahuasi, die über und über mit baumstammförmigen Kakteen bewachsen ist. Das „Land der Inkas“, so die Übersetzung aus dem indigenen Quechua, ist eine Ausnahmelandschaft in einer Ausnahmelandschaft. Stachlige Riesen, wohin das Auge reicht. Leucostele atacamensis heißen die Jahrhunderte alten verholzten Kakteen, für die es keinen deutschen Namen gibt. Bis zu zehn Meter ragen sie in die Luft, mache gar höher. Wieder wähnt sich der Besucher in einer merkwürdigen surrealen Welt, wieder findet er sich in einer Landschaft, die er so nie zuvor gesehen hat. Der Salar de Uyuni ist ein Sehnsuchtsziel für Interessierte aus aller Welt. Noch.
Bei den Anwohnern geht die Angst um. „Was wohl aus unserer Pachamama wird, wenn das von Gott Gefügte durch fremde Hände achtlos zerrissen wird?“, fragt sich Salzmann Juan resigniert. „Wir haben schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Damals, als die Spanier kamen und unser ganzes Gold gestohlen haben.“