Die erste Freude über die Waffenruhe war groß. Aber die eigentlichen großen Herausforderungen für die Entwicklung im Nahen Osten stehen jetzt erst bevor. Szenarien von Experten geben Anlass zur Sorge.
Tränen der Freude in Israel: Alle überlebenden Geiseln sind aus Kerkern in Gaza zurückgekehrt. Die Erleichterung in dem mehrheitlich jüdischen Staat war groß, dass dieses Martyrium beendet ist.
Doch in die Freudentränen mischt sich nach und nach auch große Sorge. Die Waffenruhe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nahe Osten einer der gefährlichsten Brennpunkte der Welt bleibt: Die Zehn-Millionen-Einwohner-Nation Israel bleibt noch auf Jahre hinaus in ihrer Existenz bedroht.
Komplexe Aufgaben sind noch ungelöst
„Israel hat noch lange nicht den Sieg in Gaza errungen“, schreibt Shimon Sherman vom deutschsprachigen Newsportal „Israel heute“ (Jerusalem). Nach der Phase eins des Trumpschen Deals stünden entscheidende Schritte noch aus – da-runter der Rückzug israelischer Truppen aus weiten Teilen Gazas. Die optimistische Sichtweise der Öffentlichkeit sei zu früh. Die komplexen Aufgaben kämen erst noch: Sicherheitsprobleme, Wiederaufbau, politische Stabilität, humanitäre Fragen, Kontrolle von Gebieten – und die Entscheidung, wer über Gaza künftig herrschen wird.
Maria Dellasega, die Palästina-Expertin der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist skeptisch, dass die geplante technokratische Übergangsregierung im Gazastreifen etwas bringt. Die soll dem Deal gemäß von US-Präsident Donald Trump persönlich und vom britischen Ex-Premier Tony Blair geführt werden – überwacht von einem Gremium ohne internationale Legitimation. „Das bietet keine ausreichende Perspektive“, schreibt Dellasega.
Zudem gibt ein Blick auf die Geschichte des palästinensischen Widerstands wenig Hoffnung auf die Einkehr von Vernunft. Immer wieder hat Israel leidvoll erfahren müssen, dass sich Terror neu formiert hat, wenn eine Einigung anstand. Drei Beispiele:
Nach dem Oslo-Friedensprozess (1993–1995) folgten schon bald die ersten Selbstmordanschläge in Tel Aviv und Jerusalem. Hamas und Islamischer Dschihad (PIJ) erklärten den Gewaltverzicht zum Verrat. Der – von einem radikalen Juden ausgeführte – Mord an Premier Jitzchak Rabin im November 1995 besiegelte das Scheitern der Hoffnung.
Auch nach dem israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen (2005) blieb der erhoffte Frieden aus. Statt Ruhe kam der Aufstieg der Hamas, die die „gemäßigte“ Fatah stürzte und ein eigenes Terrorregime errichtete. Raketenbeschuss auf israelische Städte wurde zum Alltag. Was mit dem unter Tränen durchgesetzten Rückzug Israels als Geste des Friedens gedacht war, verwandelte sich in eine neue Frontlinie des Hasses. Und nach den Kriegen von 2014 und 2021 entstand ein neues Machtvakuum. Kaum schwieg die Artillerie, tauchten salafistische Splittergruppen auf – von der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) inspiriert, aggressiver als die Hamas. Sie nutzten Chaos, Frust und Zerstörung, um Anhänger zu gewinnen. Der Terror passte sich an, lernte, überlebte.
Auch die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel garantiert keinen Frieden. Sie markiert höchstens eine Pause. Experten warnen: Radikale werden die geschwächte Hamas bald als „zu schwach“ brandmarken. Sie sammeln sich im Untergrund, warten auf den Moment, erneut zuzuschlagen – gegen Israel, jüdische Gemeinden und „den Westen“ insgesamt, somit auch in Europa.
Der israelische Historiker Moshe Zimmermann hat kürzlich im ZDF davor gewarnt, rasche Lösungen des komplexen Nahost-Konfliktes zu erwarten, „wie es sich Trump vorstellt oder wie sich das die Zuschauer vielleicht im Ausland auch vorstellen“. Eindringlich bremste der Antisemitismusforscher von der Hebräischen Universität Jerusalem und Sohn von Hamburger Juden: „Wir sind nicht bei einem Friedensvertrag.“
Machtvakuum und ungeklärte Fragen
Arabisch-islamistischer Terrorismus war stets zersplittert. Kleinste Konflikte ließen Bewegungen zerbrechen und neue, oft radikalere Gruppen entstehen. Die Trennung zwischen Al-Qaida und dem IS zeigt, wie eine Abspaltung eine ganze Epoche prägen konnte. Aus den innerislamischen Machtkämpfen erwuchs ein Terrorstaat, der Millionen Menschen ins Verderben riss. Der IS agierte radikaler, kompromissloser, brutaler als die vorherigen Gewaltapologeten. Ähnliche Dynamiken zeigen sich im palästinensischen Kontext. Der PIJ entstand, weil junge Islamisten die Muslimbruderschaft als zu zögerlich empfanden. Die Folgen: Selbstmordattentate, Raketen auf Israel, Angriffe auf Zivilisten.
Die Ablehnung des Oslo-Friedensprozesses und der Anspruch auf einen islamischen Staat treiben die Radikalisierung weiter. Viele Staaten stufen den PIJ als Terrororganisation ein.
Solche radikalen Abspaltungen entstehen laut Terrorismusforschung immer dann, wenn drei Faktoren zusammentreffen: eine Führung, die an Glaubwürdigkeit verliert; eine Basis, die Verrat wittert; ein Umfeld, das Chaos bietet. Diese Bedingungen sind heute in Gaza sichtbar – in sozialen Medien, in zerfallenden Strukturen, in der Lähmung vieler arabischer Regierungen. Es könnte nicht mehr lange dauern, bis zu allem Entschlossene die Hamas der Kooperation mit dem Feindbild Israel bezichtigen – ein Freibrief für eigene Aktionen.
Geheimdienstanalysen zeigen: Lokale Kommandeure oder religiöse Hardliner könnten versuchen, sich von der Hamas-Führung zu lösen. Israel kann solche Zellen zwar zerschlagen. Doch ideologische Mutationen lassen sich nicht mit Bomben stoppen. Der Aufbau stabiler Sicherheitsarchitekturen, die den Transfer von Kämpfern und Waffen verhindern, ist schwierig. Zumal eine geschlossene arabische Front gegen den Terror weiterhin nicht wirklich existiert.
Der Riss zwischen Israel und Teilen der arabischen Welt könnte sich allen Friedensschalmeien zum Trotz vertiefen – ein Nährboden für jene, die sich als Avantgarde des „wahren Widerstands“ sehen. Drei Szenarien erscheinen möglich. Im besten Fall bleiben Abspaltungen klein, werden rasch neutralisiert – das wäre ein Glimmen ohne Feuer. Realistischer ist jedoch nach Experteneinschätzung, dass viele kleine, autonome Zellen entstehen – schwer fassbar, ohne zentrale Führung. Um junge Menschen zu radikalisieren, genügen Bilder von Zerstörung und Opfermythen. Der European Council on Foreign Relations warnt: „Prävention muss auf Narrative reagieren, nicht nur auf Sicherheitslagen.“
Das gefährlichste Szenario ist indes, wenn aus den Resten besiegter Gruppen eine neue, noch radikalere Bewegung entsteht. Sie lebt vom Märtyrertum, sucht Sinn statt Territorium. Ein „Islamischer Widerstand 2.0“ könnte aus der Hamas hervorgehen. Der Konflikt würde international ausstrahlen, bis nach Europa, in die USA und überall dorthin, wo es jüdische Gemeinden und tatsächliche oder vermeintliche israelische Verbindungen gibt.
Selbst ein militärischer Sieg über die Hamas garantiert solchen Analysen zufolge keinen Frieden. Die Idee religiös legitimierter, antiwestlicher Gewalt überdauert Strukturen. Sie lebt in Foren, Gefängnissen, Moscheen, Schulbüchern und Köpfen, die Gewalt als Ehre verstehen. Militärische Siege Israels allein können sogar der Samen für die nächste Generation des Hasses sein – ein enormes Dilemma für politische Führer in Jerusalem, egal, welcher parteipolitischen Färbung.
Solange aber in Gaza und auf der Westbank kein gesellschaftlicher Gegenentwurf entsteht, der jungen Menschen ein Selbstbild jenseits des Opfermythos bietet, bleibt die Gewaltgefahr bestehen. Frieden erscheint Beobachtern erst möglich, wenn die arabisch-islamische Welt sich eine Zukunft ohne Feindbilder zutraut. Vorerst jedoch dürfte sich die Denkspirale in hasserfüllten Köpfen weiterdrehen: Israel angreifen, den Westen bestrafen.
Der außenpolitische „Zeit“-Journalist Jörg Lau hat den Nahen Osten kürzlich als einen „Friedhof gutgemeinter Pläne“ bezeichnet. Es scheint, als gebe es wenig Anlass zu glauben, aus Tränen der Verzweiflung könnten dauerhaft Freudentränen werden.