US-Präsident Donald Trump geht dem Kremlchef immer wieder auf den Leim.
Im Ukraine-Krieg macht US-Präsident Donald Trump eine Achterbahn-Politik. Erst beschimpft er Russland als „Papiertiger“ und droht mit der Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern an die Ukraine. Dann lässt er sich im Telefonat mit Kremlchef Wladimir Putin am Donnerstag vergangener Woche zwei Stunden lang einseifen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird einen Tag später von Trump im Weißen Haus empfangen und mit leeren Händen nach Hause geschickt. Keine Tomahawks, keine neuen Waffen, lautet die Botschaft in Washington. Plötzlich soll ein Trump-Putin-Gipfel Ende Oktober/Anfang November in Budapest die Zauberlösung für ein Ende des Konflikts bringen. Als ob es das völlig ergebnislose Schmuse-Treffen Mitte August in Alaska nie gegeben hätte.
Putin schafft es immer wieder, dass ihm Trump auf den Leim geht. Er verfügt über ein reichhaltiges Sortiment an Manipulationstechniken, die er sich in seiner Zeit als KGB-Offizier in Dresden und als Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB angeeignet hat. Tarnen, Täuschen und Nebelkerzen werfen gehören zu seinen Lieblings-instrumenten. Gelegentlich variiert er dies auch mit chamäleonhaftem Verhalten: Er spiegelt die Position seines Gegenübers, um diesem das Gefühl zu geben, dass beide auf einer Wellenlänge sind.
So übernahm Putin scheinbar Trumps Idee eines Waffenstillstandes in der Ukraine – nur um diese später mit Fundamentalbedingungen zu überfrachten. Im März machte Trump seinen ersten Vorstoß für eine Feuerpause. Die Ukraine war sofort einverstanden. Der Kremlchef begrüßte die Initiative zunächst, um sie danach an Forderungen zu knüpfen, die eine Kapitulation der Ukraine bedeutet hätten: Entmilitarisierung, keine Nato-Mitgliedschaft, moskaufreundliche Regierung in Kiew, Abgabe von Gebieten.
Beim jüngsten Tête-à-tête mit Selenskyj machte sich Trump laut Medienberichten zum Sprachrohr Putins: Die Ukraine solle die Region Donezk abtreten gegen Rückgabe von Territorium in den Gebieten Saporischschja und Cherson, die Russland teilweise besetzt hat. Für das überfallene Land wäre das ein tödlicher Kompromiss. In Donezk, das die Russen in mehr als dreieinhalb Jahren Krieg nicht erobern konnten, befinden sich strategisch wichtige Verteidigungsstellungen der Ukrainer. Würden sie diese abgeben, könnten Putins Truppen nach Belieben bis Kiew durchmarschieren. Als Selenskyj in dem konfrontativen Austausch dagegenhielt, schlug Trump plötzlich ein Einfrieren der aktuellen Frontlinien vor. Der Kremlchef lehnt das ab. Er weiß, dass sich Trump für das schnelle Ende des Krieges feiern lassen will – auch wenn dies zu Lasten der Ukraine geschieht. Putins Kalkül: Da es der Amerikaner eilig hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er Moskaus Narrativ übernimmt und Selenskyj zur Aufgabe zwingt.
Auch die Kunst des Schmeichelns hat der Russe zur Meisterschaft entwickelt. So gratulierte er Trump zu Beginn des jüngsten Gesprächs überschwänglich zu dessen Friedensplan für Gaza. Man mag dies für banal halten. Doch wenn die Mächtigen dieser Welt einen persönlichen Draht zu Trump suchen, erzielt dies Wirkung, selbst wenn dies nur taktische Gründe hat. Putin hat es immer vermieden, Trump zu kritisieren, ihn vielmehr als „klug“, „talentiert“ und „angenehmen Gesprächspartner“ gepriesen. Der russische Präsident spielt bewusst mit der Illusion, dass weltpolitische Konflikte durch eine Allianz der starken Männer gelöst werden könnten. Das imponiert dem ehemaligen New Yorker Immobilienmakler Trump, der Sympathien für die Idee von Hinterzimmer-Deals zwischen Autokraten hat.
Nicht zuletzt bastelt Putin an einem alten Traum. Er tut nicht nur alles, um den Graben zwischen den USA und Europa zu vergrößern. Er spaltet sogar die EU-Länder, indem er Trump zum Gipfelort Budapest überredete. Ausgerechnet die Stadt mit dem Regierungssitz des ungarischen Premiers Viktor Orbán, der immer wieder aus allen Rohren gegen Brüssel schießt, soll zur großen Friedensplattform werden. Trump merkt nicht, wie er von Putin instrumentalisiert wird. Im Gaza-Krieg hatte er Erfolg, weil er die Hamas und Israel unter Druck setzte und die arabischen Staaten einband. Im Ukraine-Krieg muss er Druck auf den Aggressor Russland ausüben. Andernfalls geht der Waffengang in eine Endlosschleife.