Trotz des Sensationstransfers von Tischtennis-Olympiasieger Fan Zhendong ist Champions-League-Gewinner 1. FC Saarbrücken-TT nicht gerade wunschgemäß in die Saison gestartet. Zusammen mit dem neuen Superstar aus China suchen Patrick Franziska und Co. nach Ursachen für die unerwartete Verwundbarkeit.
Beim 1. FC Saarbrücken-TT herrscht wieder Ruhe. Es ist eine Ruhe nach dem Sturm, nach dem ersten wochenlangen und vor allem auch weltweiten Hype bei Fans und Medien um den sensationellen Neuzugang Fan Zhendong aus dem Tischtennis-Wunderland China.
Der Olympiasieger ist bis zu seinem nächsten Einsatzblock kurz vor Weihnachten in seine Heimat zurückgekehrt. Gleichwohl ist der Superstar in den nun fast drei Wochen seit seinem bislang letzten Bundesliga-Auftritt mit den Blau-Schwarzen rund um den bis zum Sommer so beschaulichen Verein das beherrschende Thema.
Denn das Team von Nationalspieler Patrick Franziska hat sich in der Anfangsphase der Saison erheblich schwerergetan als erwartet. Der Fan-Faktor bereitet noch nicht den erhofften Spaß, mit dem jahrelangen Weltranglistenersten wirkt der FCS auf unerklärliche Weise geradezu anfällig statt unbesiegbar.
Von den vier Spielen mit dem zweimaligen Weltmeister gewannen die Saarbrücker gerade einmal nur zwei. Fan selbst ging mitunter hochsensationell gleich in drei seiner sieben Einzel geschlagen aus der Box: außer gegen den deutschen Top-10-Spieler Benedikt Duda überraschend auch bei der 1:3-Auftaktniederlage gegen den TTC Bergneustadt gegen eine Nummer 302 (Roman Ruiz aus Frankreich) und zuletzt beim 2:3 bei Werder Bremen auch gegen eine Nummer 173 (Marcelo Aguirre aus Paraguay). Erstaunlich für einen rund um den Globus als womöglich besten Spieler aller Zeiten gehandelten Topmann, der während seiner internationalen Karriere in zwölf Jahren bis zu seinem Wechsel an die Saar gerade einmal nur 19 Matches gegen nicht-chinesische Spieler verloren geben musste, wie auch Franziska einräumte: „Dass Fan gegen Aguirre verliert, hätte von einer Million Menschen wohl niemand geglaubt.“
Umso intensiver betrieben der Kapitän, Sportchef Erwin Berg und Organisationsleiter Nicolas Barrois Ursachenforschung. Doch in Saarbrückens spezieller Situation mit dem atmosphärisch unerwartet drastischen Wechsel aus der deutschen Nische ins internationale Rampenlicht durch die Verpflichtung eines echten Weltstars stellte sich auch die Aufarbeitung alles andere als einfach dar. „Wenn wir wüssten, woran es liegt“, sagte Franziska vor seiner Abreise zur WM im kroatischen Zadar, „würden wir Spiele wie gegen Bergneustadt oder in Bremen wohl nicht verlieren.“
Keine Unruhe bei den Verantwortlichen
Auf der Suche nach Gründen für den unerwartet schwerfälligen Start blieb im übertragenen Sinn kein Stein auf dem anderen. „Wir sprechen sehr viel miteinander. Ich mache mir außerdem auch meine eigenen Gedanken, wie wir alles etwas entspannter und lockerer hinbekommen könnten“, berichtete Franziska aus den internen Unterredungen. Die Problemanalyse erfolgt insgesamt nach einem kleinteiligen Ausschlussprinzip. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten halten alle Beteiligten nicht für die Erklärung. „Wir haben eine super Zeit zusammen, so dass man nicht sagen könnte, dass etwas in unserer Mannschaft nicht passen würde oder jemand unglücklich wäre“, meint Franziska: „Es hat auch keiner das Gefühl, dass es Fan nicht gut ginge. Unser Verhältnis ist auch so gut, dass er es uns mitteilen würde, wenn es so wäre.“
Auch die hohen Erwartungen, die Publikum und Mannschaft an den Neuzugang stellen, hält Franziska nicht für den Kern des Problems. „Generell kennen wir alle ja Druck, und die Chinesen besonders. Ich glaube auch, dass der Druck für Fan bei Olympia 2024 in Paris viel höher war. Fan weiß ja außerdem auch, dass vom Verein nicht noch mehr Druck gemacht wird. An zu viel Druck wird es nicht liegen“, erklärt Franziska voller Überzeugung.
Gerade aber weil die Chemie zwischen dem sensationell verpflichteten Topstar der Szene und dem Verein seit den ersten Gesprächen und Begegnungen auch nach außen hin gut erkennbar stimmte und sogar vergleichsweise viele Einsätze für den Saisonverlauf vereinbart oder wenigstens angestrebt wurden, waren die Saarbrücker ausgesprochen hoffnungsfroh in die Saison gegangen. „Im Idealfall wollen wir in Meisterschaft, Pokal und Champions League immer um den Titel mitspielen“, erklärte Barrois noch kurz vor dem Fehlstart gegen Bergneustadt. „Mit Fan, Darko Jorgic und mir“, sagt auch Franziska in der augenblicklich weniger erquicklichen Situation mit Nachdruck, „sind wir auf den ersten drei Positionen schon wirklich sehr stark aufgestellt. Wenn wir dann auch mit voller Kapelle spielen, ist es deswegen natürlich unser Anspruch, dass wir auch gewinnen.“
Noch ist auch tatsächlich rein gar nichts verloren. In der Bundesliga rutschte das Team von Trainer Wang Zhi durch den Rückschlag in Bremen im Rennen um die vier Play-off-Plätze von der Spitze auf den zweiten Platz ab und befindet sich vor dem Saison-Restart am Sonntag (26. Oktober) gegen den Post SV Mühlhausen mit zwei Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Werder in Lauerstellung, im Pokal erscheint die Teilnahme am Final Four am ersten Januar-Wochenende angesichts Viertelfinal-Aufgabe Ende November beim rheinischen Zweitligisten SV Union Velbert als Formsache, und auch in der Champions League dürfte – wieder mit Fan – der polnische Vertreter Dojily Bialystok auf dem Weg zum vierten Triumph in der Königsklasse nacheinander keine allzu hohe Hürde darstellen.
Doch Fans Schwierigkeiten – und damit auch Saarbrückens Probleme – wirken auf das FCS-Team ohnehin nicht von sportlicher Natur. Vielmehr vermuten Franziska wie auch Barrois eher Komplikationen bei der Eingewöhnung des Publikumsmagneten. „Man muss auch sehen, dass Fan ja aus einem ganz anderen System kommt. Das bedeutet, dass er während seines ersten wirklich richtig langen Aufenthaltes außerhalb seiner Heimat auch sehr viele neue Dinge buchstäblich erst erlernen muss, auch im Alltag. Wenn ich das für mich auf einen Umzug nach China übertrage, stelle ich mir das auch ziemlich beanspruchend vor“, meint Franziska.
Viele Kleinigkeiten
Barrois teilt die Sichtweise des deutschen Top-20-Stars im Großen und Ganzen: „Es sind viele Kleinigkeiten zusammengekommen, und dann ist die Bundesliga auch noch einmal etwas anderes für ihn, auch wegen der wechselnden Tische und Bälle. Fan sagt selbst, dass er noch lernen muss, sich anzupassen“, sagt der 36-Jährige: „Wir alle sind auch sehr zuversichtlich, dass es funktionieren wird.“ Ausschließlich frustrierend ist der erste „Fan-Block“ im Saarbrücker Trikot natürlich auch nicht verlaufen. Franziska schwärmt geradezu vom gemeinsamen Training mit der Ikone aus dem Reich der Mitte und den entsprechenden Lerneffekten. „Man sieht schon, warum Fan Olympiasieger und Weltmeister ist. Man sieht, mit welcher Intensität er trainiert, mit welchem Fokus, mit welcher Ernsthaftigkeit. Man merkt, dass ein genauer Plan dahintersteht“, beschreibt der 33-Jährige seine Beobachtungen.
Tatsächlich begreift sich „Franz“ als einen der Nutznießer des spektakulären Fan-Deals seines Clubs: „Durch die Art seines Trainings und seine Intensität kann ich schon unglaublich viel mitnehmen. Wenn ich jetzt zwei-, dreimal die Woche oder noch mehr mit ihm trainiere, kommt es mir ansonsten schon so vor, als würde jeder andere in Zeitlupe spielen. Das merke ich jetzt schon nach einigen Wochen. Wenn ich mir vorstelle, dass man ein solches Training über Jahre hinweg sehr regelmäßig hat, wird mein Spiel noch einmal auf eine ganz andere Ebene gehoben.“
In optimaler Konstellation darf Saarbrücken nach Ansicht von Barrois auch weiterhin vom „Triple“ träumen: „Wir müssen schauen, dass wir gegen die starken Gegner, die noch kommen werden, in Topform sind. Wenn wir dann darauf achten, dass wir unser Ding machen, können wir sehr zuversichtlich sein.“