Die Verlobung von Mikaela Shiffrin und Aleksander Aamodt Kilde ist ein großes Thema im alpinen Skisport. In der Olympiasaison wollen die beiden Stars für sportliche Schlagzeilen sorgen: Er will sein Comeback feiern, sie weitere Rekorde brechen.
In seinem Sport ist Aleksander Aamodt Kilde nahezu furchtlos, auch Abfahrten mit über 130 Stundenkilometern schrecken den norwegischen Skirennfahrer nicht. Doch in diesem einen sehr privaten Moment zitterten Kilde mächtig die Knie. Bei seinem Heiratsantrag im April 2024 sei er nervöser gewesen als vor jedem Rennen, gab der 33-Jährige zu. Denn damals sei es um viel mehr gegangen „als darum, ob ich gut Ski fahre. Sie soll ja ‚Ja‘ sagen“. Sie, das ist Mikaela Shiffrin, der große Ski-alpin-Star aus den USA. Shiffrin war für Kilde eine große emotionale Stütze, als dieser im Januar 2024 nach einem schweren Sturz bei der Lauberhorn-Abfahrt im Schweizer Wengen im Krankenhaus lag. Wegen der komplizierten Schulterverletzung und der tiefen Schnittwunde in der Wade musste er mehrfach operiert werden – und Shiffrin stand ihm am Krankenbett zur Seite. „Es war schlimm, sehr schlimm, aber auch ganz schön auf einmal“, beschrieb Kilde: „Wir sind zu zweit auf meinem Zimmer gewesen und haben die ganze Nacht zusammen verbracht.“ In dieser Zeit wuchs in ihm auch das Verlangen, sich mit der 30-Jährigen zu verloben. „Da habe ich gedacht: Das ist die Frau meines Lebens, und ich muss einfach fragen. Und zum Glück hat sie ‚Ja‘ gesagt.“
Kilde arbeitet hart am Comeback
Geheiratet hat das Ski-Traumpaar, das zusammen auf 122 Weltcupsiege kommt, noch nicht. „Jetzt ist nicht so viel Zeit, man muss mal nach Olympia schauen“, sagte Kilde: „Vielleicht wenn einer aufhört – dann haben wir Zeit zum Partymachen.“ In der am 25. und 26. Oktober traditionell in Sölden beginnenden Weltcupsaison stellen beide Skistars aber noch den Sport in den Vordergrund. Kilde will sein Comeback schaffen, Shiffrin weitere Rekorde brechen. „Ob ich bereit bin, weiß ich nicht. Aber ich bin aufgeregt – das ist ein gutes Zeichen“, sagte die Amerikanerin vor dem Start in die Olympiasaison. Das soll wohl bedeuten: Es liegt noch viel Arbeit vor mir, aber ich bin motiviert dafür. Dass Shiffrin nicht die ganz großen Töne spuckt, liegt auf der Hand: In der Vorsaison war sie nach einem herausragenden Saisonstart mit zwei Siegen aus drei Rennen im Riesenslalom von Killington gestürzt. Die Unterleibsverletzung sorgte monatelang nicht nur für physische Probleme.
„Ich hatte eine sieben Zentimeter tiefe Stichwunde von diesem schrägen Sturz in Killington“, erzählte Shiffrin: „Es hätte beinahe auch meinen Darm punktiert.“ Sie habe „einige mentale und psychologische Hürden überwinden“ müssen, um wieder auf die Piste zurückzukehren. Doch die mit Abstand erfolgreichste Athletin der Weltcup-Geschichte rappelte sich wieder auf und ließ die Saison nicht einfach so an sich vorbeiziehen. Der Lohn: Im Slalom von Sestriere setzte sie mit ihrem 100. Weltcup-Sieg einen weiteren Meilenstein ihrer beeindruckenden Karriere. Und das etwa zwölf Jahre nach ihrem ersten Erfolg im schwedischen Åre. „Ich denke, 100 ist ein Symbol für viel Arbeit und Aufwand, Geduld und Hingabe. Es zeigt, wie unerbittlich oft man rausgegangen ist und es einfach getan hat“, sagte Shiffrin.
„Nicht alles lässt sich planen"
In der Sommerpause arbeitete die zweimalige Olympiasiegerin weiter an ihrer körperlichen Form und auch an ihrer mentalen Stärke. Ein Fingerzeig, wie stark Shiffrin in diesem Winter auf der Piste ist, wird schon der Auftakt in Sölden sein. Im Riesenslalom am Rettenbachgletscher, zu dem 30.000 Zuschauer erwartet werden, kommt es gleich zum Duell mit Lara Gut-Behrami. Die Schweizerin ist ihre vermutlich stärkste Konkurrentin im Kampf um die Weltcup-Krone in der Spezialdisziplin und den Gesamtweltcup. Shiffrin sieht sich eher in der Rolle der Herausforderin: „Ich hoffe, dass ich ihr einen Kampf liefern kann. Für mich zählt Lara immer zu den Top-Favoritinnen – bei jedem ihrer Rennen.“ Doch klar ist auch, dass eine Mikaela Shiffrin nur den Sieg im Sinn hat, wenn sie an den Start geht. Zumal sie in dieser Saison eine weitere Bestmarke knacken kann: Im Falle eines sechsten Triumphs im Gesamtweltcup würde sie mit Rekordhalterin Annemarie Moser-Pröll gleichziehen.
„Ich weiß, was es braucht, um erfolgreich zu sein – und das will ich mehr als alles andere“, sagte Shiffrin: „Aber ich weiß auch: Nicht alles lässt sich planen und kontrollieren.“ Die Geschwindigkeit auf den Abfahrten zählt dazu, deshalb bleibt diese Disziplin für den Skistar weiter tabu. „Den Super-G lasse ich mir offen, weil ich die Disziplin liebe und gerne wieder fahren würde. Wir werden vor Olympia eine Entscheidung treffen und schauen, ob es Sinn macht“, sagte Shiffrin. Bedeutet im Umkehrschluss: Um eine Chance auf die große Kristallkugel zu haben, muss sie in den technischen Disziplinen wieder jene Dominanz entwickeln, die sie vor ihrem schweren Sturz so beeindruckend an den Tag gelegt hatte. Danach war vieles nicht mehr wie zuvor. Shiffrin litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie später verriet. Diese äußert sich unter anderem durch anhaltende Angst, Flashbacks, emotionale Taubheit und erhöhte Schreckhaftigkeit.
Sicherheit bleibt ein Thema
Sie sei zwar fit gewesen, aber „es war, als hätte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren“, berichtete Shiffrin: „Das war definitiv beängstigend.“ Sie begab sich deswegen in Therapie und vermutet inzwischen, dass ihr schwerer Sturz und die dabei erlittenen Verletzungen nicht die alleinigen Gründe dafür gewesen seien. Auch der plötzliche Tod ihres Vaters 2020 und der Rennunfall ihres Lebensgefährten Kilde in Wengen könnten dabei eine Rolle gespielt haben. Kein Wunder also, dass sie sich in der aktuellen Sicherheitsdebatte, die spätestens mit dem Unfalltod des italienischen Abfahrers Matteo Franzoso im chilenischen La Parva deutlich an Fahrt aufgenommen hat, klar positioniert. „Es gibt viel Raum für Verbesserungen in unserem Sport, wenn es um Sicherheit geht“, meinte sie. Den Allgemeinsatz, dass der alpine Skisport nun mal gefährlich ist, lässt Shiffrin nicht gelten. Sie verweist auf andere Sportarten wie American Football, wo neue Technologien in den Helmen zu Verbesserungen geführt haben, oder auf signifikante Sicherheitsverbesserungen in der Formel 1 dank verstärkter Maßnahmen.
Ähnliche Entwicklungen müsse es auch in ihrem Sport geben, forderte Shiffrin. „Wir sind noch am Anfang, herauszufinden, was wir in Bezug auf Sicherheit alles machen können“, sagte sie: „Geschwindigkeitskontrollen, Airbags, Helme – es würde mich freuen, wenn wir das in den nächsten Jahren immer weiter verbessern.“ Doch ihr ist auch klar, dass sich in ihrem Sport niemals alle Risiken eindämmen lassen. „Am Ende bleibt es ein Sport, bei dem mit bis zu 130 Stundenkilometern eine eisige Piste heruntergefahren wird. Und das nur mit Rasiermessern an den Füßen und Elasthan am Körper.“ Ähnlich sieht es auch ihr Verlobter Kilde, doch auch er fordert mehr Bewusstsein für das Thema Sicherheit: „Wir haben alle eine Verantwortung. Wir müssen schauen, dass sich vielleicht etwas ändert.“
Seinen eigenen Sturz will er abhaken und nur noch nach vorne schauen. Der Norweger wird zum Weltcup-Start in Österreich noch nicht rechtzeitig fit sein, sein Comeback ist für Anfang Dezember in der US-Heimat seiner Partnerin Shiffrin angepeilt. „Ich hoffe, dass ich in Beaver Creek an den Start gehen und dort Gas geben kann“, sagte der 33-Jährige. Er habe „gute Erinnerungen“ an Beaver Creek, „es ist eine gute Piste zum Fahren, der Schnee ist normalerweise auch nicht schlecht. Aber ich bin lange nicht mehr im Skisport gewesen, ich weiß nicht, wie schnell ich bin.“ Ihm gehe es „körperlich und mental viel besser“, auch wenn die Schulter noch immer nicht perfekt ausgeheilt sei: „Die Schulter ist, wie sie ist. Aber es wird von Woche zu Woche besser.“ Ganz am Anfang der Reha habe es Tage gegeben, „da wollte ich am liebsten meinen Arm abreißen“, veranschaulichte Kilde. Ihm fehlen nach eigener Aussage immer noch 20 Prozent Beweglichkeit in der Schulter. Das verändert auch seinen Fahrstil. „Ich muss mich anpassen – bei Sprüngen, im Gelände. Die Hocke klappt immerhin wieder“, berichtete er. Es sei „unglaublich, was der Körper schaffen kann“.
Früher habe er sich „unzerstörbar“ gefühlt, heute weiß er es besser. Auch deswegen wolle er sich für die anstehende Olympiasaison erst gar nicht unter irgendwelchen Erfolgsdruck stellen. Er könne nicht zurückkommen und sofort Siege von sich erwarten, „das ist nicht realistisch“, sagte der Olympiazweite von Peking. Schon allein, wieder am Starthäuschen zu stehen und unbeschadet ins Ziel zu kommen, wäre für ihn ein kleiner Sieg. „Das ist für mich das Wichtigste, dass ich diese Herausforderung angenommen habe und irgendwann zurückschauen kann: Cool, ich habe es geschafft.“ Zwar fehlt ihm Olympia-Gold noch in seiner Sammlung, doch dieses Ziel sei für die Winterspiele in Italien wohl etwas vermessen. An Rücktritt habe er dennoch nie ernsthaft gedacht. „Ich könnte jetzt aufhören und zufrieden sein. Aber das ist kein Thema“, betonte Kilde: „Ich habe mein Leben in diesem Sport, und ob das noch eine Medaille bringt oder einen Sieg – das spielt nicht die wichtigste Rolle. Es ist wichtig, dass ich zurückkomme.“ Der zuletzt überragende Schweizer Marco Odermatt muss sich also noch keine Sorgen machen – oder vielleicht doch? „Ich habe unsere Duelle in den letzten 20 Monaten vermisst. Wir haben auf der Piste hart gekämpft und daneben viel gelacht – das will ich wieder erleben“, sagte Kilde, für den der Peking-Olympiasieger nicht nur „ein genialer Skifahrer“ ist, „sondern auch ein Freund“.
Dass er im Ski-Zirkus mit seiner Verlobten gemeinsam unterwegs sein kann, spielt bei seinem Comeback-Versuch aber sicher die deutlich größere Rolle. Im heimischen Innsbruck hätten sie auch „eine geile Zeit zusammen“, verriet der Norweger. Doch er stellte auch gleich klar: „Zu Hause ist Mikaela der Chef.“