Eigentlich wollte Waldemar Eichorn seine Turnkarriere langsam ausklingen lassen und spätestens 2026 nicht mehr in der Bundesliga starten. Eigentlich.
Es ist still in der Halle, nur vereinzelt sind motivierende Zurufe der Mannschaftskameraden zu hören. Alle verfolgen gebannt und fasziniert, wie Kunstturner Waldemar Eichorn seinen durchtrainierten Körper scheinbar mühelos über das Pauschenpferd kreisen lässt. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes in seinem Element, vereint Kraft, Technik und Erfahrung zu einem ästhetischen Ganzen. Dann folgt der Abgang – und mit ihm tosender Applaus von den Rängen. So läuft das nun schon seit 25 Jahren bei fast jedem Heimkampf von Kunstturn-Bundesligist TG Saar. Eichorn ist inzwischen 39 Jahre alt und so etwas wie eine „lebende Legende“ bei der TG. Dass er nach einer schweren Knieverletzung im vergangenen Jahr in seiner 26. Bundesliga-Saison (!) noch einmal eine so wichtige Rolle spielen wird, hätte der Publikumsliebling selbst nicht gedacht.
Nur ein Sieg aus drei Wettkämpfen
„Lebende Legende: Der Begriff wird verwendet, um jemanden zu bezeichnen, der durch außergewöhnliche Leistungen oder eine bemerkenswerte Lebensgeschichte eine große Berühmtheit erlangt hat“, definiert die Künstliche Intelligenz eines berühmten Suchmaschinen-Anbieters auf Nachfrage. Das trifft auf Waldemar Eichorn definitiv zu. Allein die Tatsache, dass er mit 39 Jahren noch immer zu den Leistungsträgern im Bundesliga-Kader gehört, ist legendär. Aktuell turnt er mit „seiner“ TG in einer denkbar schwierigen, von Verletzungspech geprägten Saison um den Klassenverbleib. Nur einen Sieg konnten die Saarländer aus bisher drei Wettkämpfen verbuchen. Am Samstag, 1. November 2025, können sie mit einem Sieg beim noch punktlosen TuS Vinnhorst einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung machen. Der nächste Heimwettkampf in der Kreissporthalle Dillingen findet am 8. November um 18 Uhr gegen den SC Cottbus statt.
„Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber so will ich nicht aufhören“, stellte Waldi nach seiner schweren Verletzung und noch vor einer Diagnose im Vorjahr klar. Anfang Oktober 2024 war ihm in Schwäbisch-Gmünd, wo die TG Saar knapp mit 32:34 dem TV Wetzgau unterlag, nach der Landung am Reck das linke Knie weggeknickt. Eichorn ging mit starken Schmerzen zu Boden, das Knie schwoll direkt an, und es war schnell klar: Irgendwas ist kaputt. Später stellte sich heraus, dass es nicht „nur“ das Kreuzband war. Auch der Meniskus hatte was abbekommen. Da er auch schon von einem Meniskusschaden am rechten Bein wusste, ließ er sich kurzerhand beide Knie operieren. „Deshalb hat es ein bisschen länger gedauert, mich zurückzukämpfen“, findet er. Allerdings feierte er bereits im Juni 2025 gegen Aufsteiger MTV Ludwigsburg (Endstand: 52:24) sein Comeback und steuerte am Barren fünf Punkte zum bisher einzigen Saisonsieg bei. So etwas können nur lebende Legenden.
der Schützlinge von Eichorn - Foto: picture alliance / dpa
Aber auch die fangen in der Regel klein an: „Als Waldemar mit seiner Familie gerade aus Kasachstan ins Saarland gekommen war, stand er auf einmal mit seinem Vater bei mir im Vereinstraining beim TV Lebach. Das war Mitte der 1990er Jahre, da muss er so zehn Jahre alt gewesen sein“, erinnert sich eine weitere lebende TG-Legende, Benno Groß, an Eichorns Einstieg in den Turnsport. „Sein Vater fragte mich damals, ob man hier boxen könne. Das habe ich verneint. Daraufhin sagte er zu Waldi ein paar Worte auf Russisch, und plötzlich machte der eine Radwende, einen Flickflack und einen Spagat quer durch die Halle. Auf blankem Boden!“, ist Groß noch heute fasziniert. Er riet dem Vater, seinen Sohn im Turnen anzumelden. „Doch der wollte ihn lieber zum Boxen schicken, und dann sind die beiden wieder gegangen“, erinnert sich der damalige Jugendtrainer. Wenig später wurde „Waldis“ Talent auch in der Schule entdeckt und so landete er schließlich doch beim Turnen.
Im zarten Alter von 14 Jahren feierte Waldemar Eichorn schließlich sein Bundesliga-Debüt für die TG. In der Folge fuhr er für den TV Bous Einzel- und mit der TG Mannschaftserfolge ein, wurde 2012 und 2020 Deutscher Mannschaftsmeister, war schon Deutscher Meister am Boden (2015) und am Pauschenpferd (2016) und 2018 Topscorer der Bundesliga und nahm erfolgreich an internationalen Wettkämpfen wie den Europameisterschaften in Bern 2016 und unterschiedlichen Weltcups teil. Seit seinem Debüt im Jahr 2000 hat er nach eigenen Angaben „keine Saison verpasst“ und weiß: „Irgendwann muss ja auch Schluss sein, und ich habe mit meinen Jungs genug Arbeit. Jetzt werde ich mein Team weiter unterstützen und mithelfen, dass wir in der Bundesliga bleiben.“
Mit „seinen Jungs“ meint er seine Schützlinge, die er als Landestrainer des Saarländischen Turnerbunds in vorbildlicher Manier betreut. Allen voran Daniel Mousichidis, Maxim Kovalenko und Moritz Steinmetz, die ebenfalls zum Bundesligakader der TG gehören. Für deren Weiterentwicklung wurde Eichorn bereits mehrfach geehrt. 2023 wurde er sogar als Trainer des Jahres im Saarland ausgezeichnet. Der Saarländische Landesausschuss Leistungssport würdigte damit nicht nur die Erfolge, zu denen er seine Turner geführt hat, „sondern vor allem auch dessen Engagement und Herzblut, mit dem er immer für ‚seine Jungs‘ da ist“, hieß es damals in der Begründung.
Weil seine Jungs zu Beginn der Saison allesamt verletzungsbedingt ausgefallen waren, musste Waldemar Eichorn auch in der Bundesliga für sie da sein – und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Dass er seine eigene Verletzung noch nicht ganz aus dem Hinterkopf verdrängt hat, merkte man ihm bei der deutlichen Niederlage beim Siegerländer KV (23:45) an. Die TG lag am letzten Gerät, dem Reck, schon hoffnungslos zurück, und Eichorn landete nach seiner Übung zwar auf den Beinen, ließ sich aber zudem abrollen, um die Kräfte nicht voll wirken zu lassen. „Ich habe nicht gerade um den Stand gekämpft“, gibt er mit einem Augenzwinkern zu. Schließlich hatte er sich nur ein Jahr zuvor am gleichen Gerät beim gleichen Abgang schwer verletzt, und angesichts der dünnen Personaldecke wollte er kein Risiko eingehen.
Dass er solche Abwägungen überhaupt noch einmal treffen muss, hat er vor der laufenden Saison nicht geahnt: „Eigentlich war besprochen, dass ich nur noch am Pauschenpferd starte und mich ansonsten langsam rausziehe und wir die Jüngeren ranlassen. Die sind ja auch schon gut genug“, berichtet Waldi. Doch dann kam alles anders. Das soll 2026, dem Jahr seines 40. Geburtstages, nicht wieder vorkommen: „Ich habe mich eigentlich schon damit abgefunden, dass diese Saison meine letzte in der Bundesliga wird. Als Landestrainer habe ich genug zu tun, und ich habe ja auch noch eine Familie“, sagt Waldi, der jüngst ein Diplom-Lehrer-Studium in Köln begonnen hat. Er weiß, dass sich so mancher Turn-Fan im Saarland über das Hintertürchen freut, das er mit dem Wort „eigentlich“ offen lässt. Klar ist: Wenn der Verein ihn auch dann noch einmal bräuchte, wäre er da. Ganz so, wie es lebende Legenden nun einmal tun. Personen, um die sich laut KI „Geschichten gebildet haben“ und denen „eine zeitüberdauernde Bedeutung zugesprochen wird.“