Aktuell kämpft Alba Berlin mit den Folgen des großen Umbruchs im Sommer. Erfolgserlebnisse wie der Pokalsieg gegen Ulm helfen. Im Hintergrund arbeitet der Club an einem Quantensprung.
Die NBA Europa ist längst keine Illusion mehr. Seit geraumer Zeit laufen die Planungen für die Gründung eines europäischen Ablegers der besten Basketballliga der Welt. Schon zur Saison 2027/28 könnte die Premiere gefeiert werden. Sollte der bereits in den Grundzügen ausgearbeitete Plan in die Tat umgesetzt werden, würde das einen großen Einschnitt in den europäischen Basketball bedeuten. Davon ist auch Marco Baldi fest überzeugt. „Dann glaube ich, wird da ein richtiger Sturm durch die Reihen gehen“, sagte der Geschäftsführer des Bundesligisten Alba Berlin: „Es ist mehr ein Gefühl, als dass ich das beweisen könnte. Aber das ist das Potenzial, das ich da wirklich sehe. Die Lukrativität wird dadurch einfach steigen.“ Dem Vernehmen nach soll die NBA, die auf dem europäischen Markt wachsen will, den teilnehmenden Clubs Einnahmen von mehr als 500 Millionen Euro versprechen. Viele Vereine der EuroLeague, die seit Jahren rote Zahlen schreibt, dürften angesichts dieser Summen und Vermarktungschancen an einem Wechsel zum Konkurrenzprodukt interessiert sein. Insider gehen davon aus, dass eine NBA Europe das Ende des aktuell wichtigsten europäischen Club-Wettbewerbs sein könnte.
Alba ist seit dieser Saison nicht mehr Teil der EuroLeague, die Berliner spielen international nur noch in der zweitklassigen Champions League. Ihr Ausstieg war selbstbestimmt und hat wirtschaftliche Gründe, wie die Alba-Verantwortlichen betonen. Für die Macher der NBA Europe ist Alba dennoch hochinteressant. Die NBA will in Europa vor allem Clubs aus den Metropolen in ihrem Portfolio sehen, deshalb erhoffen sie sich auch die Gründung einiger neuer Franchises in Großstädten wie London und Paris. In der deutschen Hauptstadt braucht es das nicht, hier ist Alba Berlin bereits eine Marke und sportlich etabliert. Deswegen ist der Austausch zwischen den Verantwortlichen rege, der elfmalige deutsche Meister darf fast schon mit einem festen Startplatz in der noch zu gründenden NBA Europe rechnen. Auch wenn Baldi das so öffentlich nicht bestätigen will. Es sei zwar alles „skizziert, es ist auch angekündigt, dass sie kommt. Aber wer, wie, wann – das ist alles noch im Verborgenen“, sagte der Alba-Geschäftsführer. Diese Verschwiegenheit sei auch gut, „denn wenn man das alles öffentlich diskutiert, dann wird es schwierig, das in der kurzen Zeit auch an den Start zu bringen“.
„In Berlin will man Weltklasse sein“
Klar scheint, dass Alba eine Einladung nicht abschlagen würde. „In Berlin will man eigentlich Weltklasse haben“, sagte Baldi. Egal in welchem gesellschaftlichen Bereich. Und die NBA stehe für absolute Weltklasse. Deswegen könne mit einem Start in der NBA Europe „dieser Traum wahr werden“, meinte Baldi. Durchgesickert ist, dass die Liga wohl mit zwölf festen Teams plant, die restlichen sechs bis acht Tickets sollen an die nationalen Meister und Europapokalsieger gehen. Zwar gibt es bei einem Start sehr viel Geld zu verdienen – doch das Startrecht kostet auch immens viel. Für einen Verein wie Alba ist das über das normale Budget nicht mal ansatzweise zu stemmen, er müsste auf Investorensuche gehen. Oder er hat dies bereits gemacht. „Ja, das will ich nicht ausschließen“, sagte Baldi darauf angesprochen. Dabei gehe es aber nicht nur ums Finanzielle, sondern auch darum, „dass es Partner sind, die auch unsere Art und Weise, wie wir arbeiten, verstehen und auch unterstützen“.
Ein Start in der NBA Europe würde Alba auf einen Schlag ins oberste Regal des europäischen Basketballs heben. Aktuell ist der Club davon aber weit entfernt, nachdem man sich für den Rückzug aus der EuroLeague entschieden hat. Auch deswegen wurde der Spieleretat laut des Fachmagazins „BIG“ für diese Saison auf nur noch vier Millionen Euro halbiert. „Natürlich kalkulieren wir vorsichtiger. Und wir spielen ja nicht mehr gegen Real Madrid, sondern gegen Gegner, die nicht ganz so namhaft sind“, sagte Baldi. Die Folge: Der Kader musste stark umgebaut werden, teure Leistungsträger mit einer Soforthilfe-Garantie wechselten nicht an die Spree. Stattdessen setzt Alba noch stärker auf Talente, die sich erst zu Stars entwickeln müssen. Dass dies Zeit benötigt, war allen vor Saisonbeginn klar. Dass der Start mit drei Pleiten in den ersten vier Pflichtspielen aber so miserabel verlief, überraschte dennoch viele. „Wir sind immer noch in einem Prozess, etwas aufzubauen“, mahnte Sportdirektor Himar Ojeda zu etwas mehr Geduld. Die acht Wochen in der Vorbereitung seien „nicht genug“ Zeit, um Automatismen zu vervollständigen und das Teamgefüge auszuarbeiten.
Entsprechend chaotisch sieht es manchmal noch auf dem Parkett aus – zumal der kreative Alba-Spielstil, der nicht aufgegeben werden soll, viel auf Abstimmung und Verständnis basiert. „Einige Dinge laufen noch nicht richtig. Manche Angriffe werden nicht richtig ausgeführt oder man ist nicht an der richtigen Stelle, und so sieht es irgendwie verwirrt aus“, erklärte Power Forward Justin Bean. Als Ausrede wollte Nationalspieler Malte Delow den XXL-Umbruch im Sommer aber nicht benutzen: „Auch in schwierigen Phasen, in denen es nicht so läuft, müssen wir Antworten finden.“
Klar ist, dass in einer solchen Situation vor allem Erfolgserlebnisse hermüssen. „Siege helfen uns natürlich bei unserem Prozess“, sagte Ojeda. Deshalb war das 85:76 beim aserbaidschanischen Meister BC Sabah auch so wichtig, nachdem es zum Auftakt in der Champions League eine enttäuschende Heimniederlage gegen Elan Chalon gegeben hatte. Boogie Ellis überzeugte gegen Sabah als Topscorer mit 17 Punkten, auch „Big Man“ J‘Wan Roberts lieferte mit einem Double-Double (10 Punkte und 13 Rebounds) ein starkes Spiel ab. Ellis und Roberts sind die zwei namhaftesten Neuzugänge bei Alba, doch in den ersten Saisonspielen konnten auch sie der Mannschaft nicht den nötigen Halt geben.
Ein klarer 90:68-Erfolg gegen den Vizemeister
Von Baku aus ging es zum Pokal-Knaller in Berlin gegen Ulm – und der Pokal-Rekordsieger nahm den Europacupschwung mit. Dank des überraschend klaren 90:68-Erfolgs gegen Vizemeister ratiopharm Ulm hat das Team von Trainer Pedro Calles nicht nur das Viertelfinale erreicht. Sondern auch eine kleine Revanche für das frühe Playoff-Aus in der Vorsaison genommen. Dass Ulm vor der Saison auch einen großen Umbruch erlebte und zahlreiche Leistungsträger abgeben musste, schmälerte die Freude der Albatrosse nicht. „All das, woran wir in den vergangenen Wochen und Monaten gearbeitet haben, ist heute aufgegangen“, meinte Forward Martin Hermannsson: „Es hat sich heute sehr gut angefühlt, mit den Jungs zusammenzuspielen und das Spiel so zu kontrollieren. Auch unsere Würfe sind gefallen.“ Doch darauf ausruhen dürfe sich das Team nicht, mahnte der Kapitän: „Wir müssen weiter hart arbeiten, um besser zu werden – heute haben wir aber gezeigt, was in uns steckt.“
Aber ist Alba schon bereit für einen ganz großen Sieg? In der Bundesliga steht an diesem Sonntag (26. Oktober) das mit Spannung erwartete Heimspiel gegen Meister Bayern München an. In der Wahrnehmung ist es noch immer ein Spitzenspiel, auf dem Papier aber nicht so sehr. Die Bayern sind mit drei Siegen aus drei Spielen hervorragend in die Ligasaison gestartet und klarer Favorit in Berlin.