Busse und Bahnen haben Potenzial. Das haben die Angebote zum Tag der Deutschen Einheit gezeigt. Nicht alles Wünschenswerte ist machbar, sagt Mobilitätsministerin Petra Berg. S-Bahn-Netz und Reaktivierung von Bahnstrecken bringen Verbesserungen.
Frau Berg, Busse und Bahnen waren beim „saarländischen Deutschlandfest“ zum Tag der Deutschen Einheit voll, sogar übervoll. Hat sich der ÖPNV bewährt?
Ja, das kann man sagen. Wir hatten ja entschieden, an den drei Tagen den ÖPNV kostenlos zu machen. Das war ein voller Erfolg. Wir hatten an den drei Tagen alles auf die Schiene gesetzt, was wir haben, hatten zusätzliche Expressbuslinien eingerichtet für die Menschen im ländlichen Raum. Und die waren rundum zufrieden, auch wenn man manchmal gedrängt stehen musste.
Die Lehre ist: Es gibt künftig kostenlosen ÖPNV?
(lacht) Die Lehre ist: Wir können den ÖPNV zu Großveranstaltungen aufrüsten, das funktioniert. Keine Frage: Die Menschen haben das Angebot auch genutzt, weil es kostenfrei war. Zur Wahrheit gehört aber auch: Ein kostenloser ÖPNV an 365 Tagen im Jahr würde die haushalterischen Möglichkeiten von Land und Kommunen bei Weitem übersteigen.
Gibt es bereits Erkenntnisse aus der Begleitforschung durch die HTW zu den Angeboten am Tag der Deutschen Einheit?
Das muss noch im Detail ausgewertet werden, aber es gibt bereits einige Erkenntnisse: 15 Prozent der Fahrgäste hätten ohne diesen Sonderfahrplan nicht an den Feierlichkeiten in Saarbrücken teilgenommen. Und es gibt die Rückmeldung, dass Saarländerinnen und Saarländer das Angebot, wenn es in der Dichte wie am Tag der Deutschen Einheit gegeben wäre, auch im Alltag nutzen würden. Es gibt also eine Bereitschaft, bei entsprechender Verfügbarkeit vom Pkw auf den ÖPNV umzusteigen.
Dann muss sich auch das ÖPNV-Angebot entwickeln?
Wir haben schon viel erreicht und enorme Fortschritte gemacht. Was nicht heißt, dass es nicht noch besser geht. Wir waren beispielsweise bei der Ausgestaltung des Deutschlandtickets als Land immer mit an der Spitze. Wir hatten uns immer dafür eingesetzt, dass der Preis attraktiv bleibt, die 63 Euro ab kommendem Jahr sind ein klassischer Kompromiss zwischen Bund und Ländern, aber, wie ich finde, annehmbar. Das Deutschlandticket kostet damit immer noch weniger als die Hälfte dessen, was das frühere Saarland-Abo im saarVV heute kosten würde. Wir haben das Junge-Leute-Ticket, wir haben die Studierenden-Tickets und wollen jetzt vor allem die Potenziale des Job-Tickets ausschöpfen. Dafür war wichtig, dass sich Bund und Länder auf eine dauerhafte Finanzierung des Deutschlandtickets verständigt haben.
Preise sind das eine, das andere sind die Angebote. Wann kommt die angekündigte S-Bahn?
Die S-Bahn kommt zum Fahrplanwechsel 2026/27. Dann gibt es einen 20-Minuten-Takt im Kernnetz (Homburg-Neunkirchen-Saarbrücken-Saarlouis). Das macht das Angebot noch mal attraktiver. Dazu kommt die langfristig geplante Reaktivierung von Schienenstrecken. Das, finde ich, sind ganz bedeutende Meilensteine. Die Reaktivierung der Primstalstrecke bietet nicht nur ein hohes Potenzial für die anliegenden Kommunen, sondern auch für den Güterverkehr, weil wir dann eine Redundanzstrecke zur Saarstrecke und damit mehr Resilienz im saarländischen Schienennetz haben. Die Rossel- und Bisttalbahn weist ein sehr hohes Fahrgastpotenzial auf. Die Umsetzung wird aber etwas schwieriger, weil viele Brückenbauwerke saniert oder neu gebaut werden müssen. Wir werden das deshalb in Teilabschnitten reaktivieren.
An anderer Stelle gab es aber trotz wirtschaftlicher Perspektiven keine Zustimmung vor Ort. Warum?
Die Strecke Merzig-Losheim hatte auch einen guten Kosten-Nutzen-Faktor und hätte auch dazu geführt, den ländlichen Raum gut an das Schienennetz anzubinden. Natürlich hätte ein Ausbau der Strecke auch zu punktuellen Belastungen führen können, Stichwort Lärmschutz, aber wir haben bei Informationsveranstaltungen immer wieder betont, wie groß die strukturellen Vorteile einer Bahnanbindung für die anliegenden Kommunen sind, und dass alle individuellen Einwendungen im Zuge der Genehmigungsverfahren behandelt worden wären. Das hat aber Gemeinde- und Stadtrat nicht ausgereicht. Ich war schon enttäuscht, weil ich nach wie vor überzeugt bin, dass die Reaktivierung positiv für die Entwicklung des ländlichen Raums dort gewesen wäre. Aber wir können und wollen das nicht gegen den Willen der Kommunen vor Ort machen, zumal die dann auch Aufgaben zu erledigen hätten, etwa Park-&-Ride-Parkplätze oder die Anbindung der Haltepunkte an den lokalen ÖPNV. Ganz anders bei der Primstalstrecke und der Rossel- und Bisttalbahn, wo alle Kommunen das Projekt unterstützen, weil sie auch das wirtschaftliche Potenzial für Ansiedlungen und Unternehmen sehen. Und gerade auch für junge Menschen sind solche Angebote von großer Wichtigkeit.
Gerade für ländliche Räume sind aber auch andere Anbindungen von Bedeutung. Wie sieht dort die Planung aus?
Der ÖPNV ist auf einem guten Weg, unter anderem, weil wir auch das Busnetz ertüchtigen. Wir haben da Express- und PlusBus-Linien auf den Weg gebracht, die sehr gut angenommen werden und die Ausweitung beim Tag der Deutschen Einheit hat gezeigt, dass noch Potenzial für weitere Linien besteht. Klar ist aber auch, dass der ÖPNV gerade für die Menschen im ländlichen Raum noch attraktiver werden muss. Die haben nicht immer die Taktung, die sie bräuchten, um schnell und zu attraktiven Zeiten zur Arbeit zu kommen. Im ländlichen Raum gibt es nicht die Bevölkerungsdichte für einen attraktiven klassischen ÖPNV. Deshalb brauchen wir hier neue Ansätze wie bedarfsgerechte On-Demand-Angebote, die wir gerade ausbauen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir den ÖPNV nicht nur schlechtreden dürfen. Denn der ÖPNV ist viel besser als sein Ruf. Der Verkehr spielt auch beim Klimaschutzkonzept eine große Rolle. Wenn wir CO2-Emissionen reduzieren wollen, müssen wir auch andere Verkehrsmittel nutzen.
Dabei spielen Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und der Preis eine wesentliche Rolle. Aber genau darüber wird oft geklagt.
Wenn über Verspätungen geklagt wird, werden oft Fern- und Nahverkehr miteinander vermischt. Wir haben im Nahverkehr eine hohe Pünktlichkeit, anders als im Fernverkehr. Der Nahverkehr funktioniert. Natürlich gibt es auch dort Verspätungen, aber auf der Straße stehen Autos auch oft im Stau, entsprechend muss man die zeitlichen Verzögerungen einordnen. Und vom Preis her ist der ÖPNV immer noch deutlich günstiger, als ein Auto vorzuhalten und zu bewegen. Trotzdem wollen wir auch mehr investieren in den Ausbau der Elektromobilität.
Nach der Vorlage des Klimaschutzkonzeptes, das unter anderem eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs vorsieht, sind Sie heftig kritisiert worden. Was sagen Sie den Kritikern?
Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass Menschen im ländlichen Raum oder in besonderen Lebenslagen ihr Auto benötigen. Ich bin mir auch sehr bewusst darüber, dass die Automobilindustrie im Saarland viele gute Arbeitsplätze schafft. Aber wir wollen ein attraktives Angebot machen und zeigen, dass es eine gute Alternative zum Auto gibt, die man auch nutzen kann. Wie die Saarländerinnen und Saarländer das nutzen, ist natürlich ihre Entscheidung. Es gibt viele Menschen, die den ÖPNV nutzen, um zur Arbeit zu fahren, und im privaten Bereich, in der Freizeit, den Pkw nutzen. Das ist auch eine Form der Intermodalität. Ich bin überzeugt, dass das auch die Systeme der Zukunft sind, dass man nämlich nicht nur auf eine Form der Mobilität alleine setzt. Das heißt zum Beispiel, dass man vielleicht mit dem Pkw, Fahrrad oder E-Roller zu einem ÖPNV-Haltepunkt kommt, vielleicht auch öfter mal zu Fuß, und dann mit Bus oder Bahn weiterfährt. Deshalb ist die integrierte Mobilität (Verteilung der Reisekette auf verschiedene Verkehrsträger, Anm. d. Red.) wichtig und attraktiv.
Kürzlich ist die Mobilitätsstudie für das Saarland vorgestellt worden. Welche politischen Konsequenzen ergeben sich daraus?
Die Mobilitätsstudie hat gezeigt, dass der Anteil des ÖPNV am Modalsplit seit 2017 von acht auf zehn Prozent zugenommen hat. Das ist der stärkste Zuwachs in einem Flächenland. Das hat uns gezeigt, dass wir mit unserem Ansatz einer Modellregion für integrierten Verkehr auf dem richtigen Weg sind. Das heißt, dass Menschen unterschiedliche Verkehrsmittel nutzen und dabei auch sehen, wie attraktiv der ÖPNV ist. Menschen im Saarland haben immer noch eine Routine bei der Nutzung des Pkw. Das Saarland ist ein Autoland und hat eine wirklich gute Straßeninfrastruktur. Mit unseren Angeboten wollen wir erreichen, dass Menschen auch den ÖPNV ausprobieren und die Vorteile kennenlernen. Deshalb waren die (kostenlosen) Angebote am Tag der Deutschen Einheit eine gute Möglichkeit, zu zeigen, was in unserem Land mit dem ÖPNV geht. Das sind Dinge, die jeder für sich selbst ausprobieren muss. Das gilt übrigens auch für kurze Fußwege.
Die Studie hat auch gezeigt, dass Fahrradfahren mit E-Bikes zunimmt. Ist E-Mobilität auf zwei Rädern im Saarland mit seiner Topografie eine Chance?
Sicherlich. Wir werden wohl noch im November den neuen Radverkehrsplan, der im Moment noch in den letzten Abstimmungen ist, vorstellen. Der zeigt dann, wo wir die Schließung von Lückenschlüssen planen, wo wir Radwege neu bauen oder sanieren müssen, E-Mobilität spielt natürlich dabei eine große Rolle. Es wird deutlich attraktiver, mit dem Fahrrad auch längere Strecken zurückzulegen. Wir müssen bei den Planungen aber zugleich berücksichtigen, dass Menschen mit E-Bikes schneller unterwegs sind. Also muss das Thema Sicherheit noch mal eine besondere Rolle spielen bei der Planung von Radwegen. Das gilt besonders im Innenstadtbereich, wo der Verkehrsraum nicht einfach erweiterbar ist, sondern neu aufgeteilt werden muss. Für den ländlichen Raum haben Radwege eine besondere Bedeutung. Wir haben zuletzt eine Strecke in Berschweiler-Kutzhof eröffnet, ein Radweg entlang der Landstraße, der vorher sehr gefährlich zu befahren war. Wir haben etwa einen Kilometer Radweg, durch einen Grünstreifen getrennt von der Straße, gebaut. Kostenpunkt: 2,3 Millionen Euro. Also nichts, was gerade so aus der Portokasse zu machen wäre, aber für die Verbindung zwischen den Ortsteilen wichtig. Dass alle Ortsvorsteher anwesend waren, zeigt die Bedeutung solcher Verbindungen, damit Menschen auch schon mal aufs Rad umsteigen, weil sie wissen, dass sie dort sicher fahren können. So etwas wollen wir weiter ausbauen. Dabei sind nicht einmal die finanziellen Mittel der limitierende Faktor, sondern das Personal. Wir haben beim LfS (Landesbetrieb für Straßenbau, Anm. d. Red.) viele unbesetzte Stellen, weil es bundesweit zu wenig Verkehrsplaner und Bauingenieure gibt. Dem versuchen wir zwar mit einem Personalentwicklungskonzept entgegenzuwirken, aber das geht nicht von heute auf morgen. Unser Ziel ist jedenfalls, den Radverkehr in den nächsten Jahren weiter deutlich auszubauen.
Was tut sich in Sachen der oft erwähnten „Modellregion“, in der verschiedene Mobilitätsformen getestet werden sollen?
Ich hatte mit Frau Palla noch in ihrer früheren Funktion (damals war Evelyn Palla Vorstandschefin der DB Regio, seit Oktober ist sie Konzernchefin der Bahn, Anm. d. Red.) eine Vereinbarung unterzeichnet, um das Saarland zu einer Modellregion für integrierte Mobilität zu entwickeln. Wir starten mit sogenannten Reallaboren, in denen wir integrierte Mobilität testen und die Ansätze bei Erfolg auf weitere Räume ausweiten wollen: Es geht um die bessere Abstimmung von Fahrplänen, um Bike-&-Ride-Systeme, die Vernetzung verschiedener Verkehrsmodi und um eine bedarfsorientierte datenbasierte Verkehrsplanung. Die Planung der ersten Reallabore hat im Februar begonnen, und zwar in Saarbrücken und St. Ingbert. Das Saarland eignet sich aufgrund seiner Struktur, diese Reallabore auszutesten. Wir haben das auch schon zuvor im Kleinen getestet. Wir haben beispielsweise Fahrradabstellanlagen in Wadern gefördert, wo man auch E-Bikes laden kann. Das kann digital gebucht und über eine App geöffnet werden und ist damit schon sehr attraktiv. Es geht jetzt in den Reallaboren darum, solche Angebote auszubauen, zu testen, wo sie gut angenommen werden.
Wie läuft es mit Projekten wie On-Demand-Verkehre, also den flexibel buchbaren Busangebote?
Die werden gut angenommen und sind richtig gut angelaufen. Die drei FlitSaarPilotprojekte in Spiesen-Elversberg, im Kreis St. Wendel und im Saarpfalz-Kreis laufen erfolgreich. Inzwischen gibt es eine Reihe weiterer Kommunen, die Interesse an einem solchen Angebot bekundet haben.
Es gibt auch regelmäßig die Forderungen, Verbindungen nach Luxemburg auszubauen. Bewegt sich da etwas?
Wir arbeiten daran: Wir werden vermutlich noch vor Ende des Jahres das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie zu einer Direktverbindung auf der Schiene zwischen Saarbrücken und Luxemburg gemeinsam mit der luxemburgischen Umweltministerin Yuriko Backes vorstellen.
Wenn wir schon bei Luxemburg sind: Dort wird über einen Ausbau des Flughafens diskutiert. Braucht das Saarland auf Sicht noch einen eigenen Flughafen?
Unser Flughafen ist ein internationaler Flughafen und für die Region, den Wirtschaftsstandort und Unternehmen enorm wichtig. Menschen, die sagen, wir brauchen keinen eigenen Flughafen, verkennen die Bedeutung. Bei allen größeren Ansiedlungen gibt es vorab Abfragen, und da steht auf der Checkliste auch „Flughafen“ drauf. Wenn da kein Haken dran ist, ist man schon in der Vorauswahl raus. Wir haben in der Corona-Zeit schon sehr gelitten, die Passagierzahlen sind gesunken. Aber die klassischen Urlaubsziele, Mallorca und Türkei, werden gut angenommen, auch von vielen französischen Fluggästen. Es gibt neue Angebote, und wir werden die Zahlen sicher wieder steigern.