Die Wiege der Uhrmacher-kunst liegt im Jura, zwischen Frankreich und der Schweiz. Mehrere traditionsreiche Manufakturen aus der Gegend begehen 2025 Jubiläen.
Als erstes Uhrmacher-Zentrum machte im 16. Jahrhundert Genf von sich reden. Daran hatte auch der strenge Reformator Johannes Calvin seinen Anteil, der das öffentliche Tragen von Schmuck verbot. Uhren hingegen galten als nützliche Gegenstände – zumal sie halfen, den Gottesdienst pünktlich zu besuchen. Also konzentrierten sich die Goldschmiede auf die Uhrmacherei. Zugleich kamen hugenottische Glaubensflüchtlinge nach Genf, die oft schon Erfahrung in diesem Handwerk hatten.
Während man sich in Genf auf die Endmontage und den Handel spezialisierte, entwickelte sich der Jura, das grenzüberschreitende Gebirge zwischen Genf und Basel, zum Rückgrat der Uhrenherstellung. Ab dem 17. Jahrhundert nutzten die Bauern die langen, schneereichen Winter, um in Heimarbeit Zahnräder, Zeiger oder Schrauben herzustellen. Nach und nach entstanden allerlei Zulieferbetriebe für Einzelteile und Werkzeuge.
Nach 1700 Zentrum der Uhrenindustrie
La Chaux-de-Fonds, eine der höchstgelegenen Städte Europas, wurde zum Zentrum der Uhrenindustrie. Nach einem großen Stadtbrand 1794 richtete sich der Wiederaufbau konsequent nach den Bedürfnissen der Uhrmacher aus. Es entstand eine Manufakturstadt, deren standardisierte Häuser das Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereinten. Die Gebäude hatten große, nach Süden ausgerichtete Fensterfronten, die das Tageslicht nutzten. Breite Straßen im Schachbrettmuster erleichterten den Warenverkehr, sorgten für gute Durchlüftung und konnten im Winter leichter vom Schnee befreit werden. 1857 wurde La Chaux-de-Fonds an eine der ersten Bahnlinien der Schweiz angeschlossen. Wasser schaffte man über ein 20 Kilometer langes Aquädukt heran.
Die Fabriken wurden immer größer, die Bevölkerung wuchs rasch. Karl Marx schilderte in „Das Kapital“ anhand von La Chaux-de-Fonds die Mechanismen der industriellen Arbeitsteilung. Er sprach von einer „riesigen Fabrik-Stadt“. Das städtebauliche Ensemble im Dienst der Uhrenproduktion wurde 2009 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. 2020 folgte ein weiterer Eintrag als immaterielles Kulturerbe: für die Handwerkskunst der französisch-schweizerischen Uhrmacherei und Feinmechanik.
Um 1900 stammte mehr als die Hälfte der weltweit hergestellten Uhren aus La Chaux-de-Fonds. Um nur einige hiesige Marken zu nennen: 1854 entstand die Firma Girard-Perregaux. 1892 gründete der deutsche Auswanderer Léon Breitling hier sein Unternehmen. Und noch 1999 verlegte TAG Heuer den Unternehmenssitz nach La Chaux-de-Fonds. Die Finanzkraft der Uhrenindustrie ermöglichte den Bau von Schulen, Museen und prachtvollen Boulevards wie der Avenue Léopold-Robert mit ihrer baumbestandenen Promenade. Die Unternehmer engagierten sich auch als Mäzene im Kulturleben. So gehört die 1893 gegründete Société de Musique de La Chaux-de-Fonds zu den ältesten, bis heute aktiven Musikvereinen der Welt.
Der Uhrenindustrielle Georges Schwob sorgte als Präsident der Société de Musique für den Bau eines Konzertsaals, der für seine Akustik weithin berühmt wurde. Namhafte Künstler machen hier ihre Tonaufnahmen und bescheren dem Städtchen von gerade mal 37.000 Einwohnern ein hochkarätiges Konzertprogramm. La Chaux-de-Fonds beherbergt auch das größte Uhrenmuseum der Welt. 4.000 Zeitmesser sind hier zu sehen – von antiken Sonnenuhren über feinmechanische Kunstwerke großer Uhrmacher bis hin zu modernen Chronographen.
Die Stadt Morteau hielt Monopol auf Zylinderhemmung
Im benachbarten Bauerndorf Le Locle waren die Anfänge der Uhrmacherei mit einer einzelnen Person verbunden: Dem 16-jährigen Daniel Jean Richard gelang es, eine aus London stammende Taschenuhr zu reparieren. Daraufhin konstruierte er selbst ein Modell – das erste, das in dieser Gegend gefertigt wurde. 1705 eröffnete er in Le Locle eine eigene Werkstatt. Später trug Philippe DuBois zum Boom der Uhrenindustrie bei. Ab 1764 baute er seinen Familienbetrieb in Le Locle zu einem internationalen Handelsunternehmen aus und exportierte bis nach Amerika.
1865 gründete der 22-jährige Georges Favre-Jacot in Le Locle die Uhrenmanufaktur Zenith. Er vereinte erstmals alle Gewerke unter einem Dach. Auf einer Fläche von zweieinhalb Fußballfeldern ließ er Werkstätten, Gießerei, Ziegelei, Arbeiterunterkünfte und einen hauseigenen Gleisanschluss errichten. Täglich verließen 400 Uhren das Werk. Nachwuchs an Fachkräften kam aus der renommierten Uhrmacherschule von Le Locle.
2025 feiert Zenith sein 160-jähriges Firmenjubiläum mit einer Trilogie von limitierten Chronographen. Hier kommt tiefblaue Keramik zum Einsatz, deren Farbe auf den Firmennamen verweist: den Zenit als höchsten Punkt des Himmels. Wiederaufgelegt wird dabei das legendäre Kaliber 135, das in den 50er-Jahren viele Preise bei Chronometer-Wettbewerben errang. Zahlreiche bekannte Marken haben in Le Locle ihre Heimat. Tissot ist alteingesessen, Rolex produzierte hier zeitweilig. Im späten 20. Jahrhundert ließ sich der Schreibgerätehersteller Montblanc mit einer neuen Tochterfirma für Armbanduhren hier nieder.
Bereits ab 1874 verband eine Bahnstrecke zwischen dem schweizerischen La Chaux-de-Fonds und dem französischen Besançon die Uhrmacher-Produktionsstätten im Jura miteinander. Waren, Bauteile, Arbeitskräfte konnten nun auf der Schiene bewegt werden. Besançon, Hauptstadt der ostfranzösischen Franche-Comté, war das Zentrum der französischen Uhrmacherei. Die Grundlage dafür wurde in der Französischen Revolution gelegt, als Schweizer Uhrmacher bei politischen Unruhen in ihre französische Nachbarstadt flüchteten.
Jähes Ende des Höhenflugs
Einzelteile für Schweizer Uhren werden seit dem 18. Jahrhundert auch im französischen Jura-Städtchen Morteau gefertigt, das von der malerischen Flusslandschaft des Doubs umgeben ist. Morteau hielt ein Monopol auf die Herstellung der sogenannten Zylinderhemmung, die bis in die 1930er-Jahre Standard war. Näheres dazu erfährt man im Uhrenmuseum von Morteau, das in einem Renaissance-Schloss residiert. Heute produziert in Morteau zum Beispiel das Unternehmen Yema, das besonders robuste Uhren für Taucher, Segler oder Rennfahrer herstellt.
Ihr 150-jähriges Bestehen begeht in diesem Jahr die Uhrenmanufaktur Audemars Piguet. Sie wurde 1875 in Le Brassus gegründet, im Herzen des Schweizer Jura. Noch heute steht der Hauptsitz in diesem von Kuhweiden umringten 1.400-Seelen-Dorf. Uhrengeschichte schrieb die Firma, als sie 1972 die „Royal Oak“ auf den Markt brachte und so das Segment der Luxus-Sportuhr begründete. Das achteckige Edelstahl-Gehäuse mit sichtbaren Schrauben wurde ein Design-Klassiker.
Als vorteilhaft erwies sich die Lage von Le Brassus am historischen „Uhrmacherweg“, der das Handelszentrum Genf mit den Zulieferern in La Chaux-de-Fonds und Le Locle verband. Wenige Kilometer weiter, in L’Abbaye, ließ sich die in Paris gegründete Marke Breguet nieder, die in diesem Jahr bereits ihr 250-jähriges Bestehen feiert. Eine Herberge in Le Brassus erwies sich als wichtige Station entlang des historischen Handelsweges. Auf diesem Gelände errichtete Audemars Piguet das eigene „Hôtel des Horlogers“. Das 2022 eröffnete Vier-Sterne-Haus mit seiner avantgardistischen Zickzack-Architektur ist auch ein Bestandteil der Markeninszenierung.
Über 50 Prozent des Weltumsatzes
Der Höhenflug der Schweizer Uhren-Industrie fand durch die Quarzrevolution ein jähes Ende. 1969 brachte der japanische Konzern Seiko die erste Quarz-Armbanduhr auf den Markt – präzise, billig, massenhaft produzierbar. Das führte zum rasanten Niedergang vieler Schweizer Hersteller. Dabei hatten die Schweizer am eigenen Ast gesägt und in einem Forschungszentrum die ersten Prototypen von Quarzuhren hergestellt. Doch die heimische Industrie unterschätzte das Potenzial der neuen Technologie.
Erst in den 1980er-Jahren fand die Schweizer Uhr zurück in die internationalen Märkte: in Form der flachen, bunten und preiswerten Swatch. Heute produziert die Schweiz nur noch rund zwei Prozent der weltweit verkauften Uhren, aber sie erzielt damit mehr als die Hälfte des globalen Umsatzes. Im Jura halten rund 700 Betriebe die einzigartige Verbindung von moderner Technologie und jahrhundertealter Handwerkstradition aufrecht. Die Schweizer Uhr bleibt ein Symbol für Präzision und Stil.