Soziale Isolation und Einsamkeit: Mit dem Älterwerden steigt das Risiko dafür bei Männern kontinuierlich an. Ein in Deutschland noch junges Konzept möchte dies niedrigschwellig ändern: Männerschuppen.
Männer haben es auch nicht leicht: Ihre Lebenserwartung ist im Schnitt um fünf Jahre kürzer als die von Frauen. Zudem ist ihre Sterblichkeit bis zum Eintritt ins Rentenalter erhöht – etwa wegen ihres risikofreudigeren Verhaltens und weil sie gesundheitliche Vorsorgeangebote weniger annehmen. Daher sind speziell auf Männer zugeschnittene und niedrigschwellige Maßnahmen in der mittleren Lebensphase besonders wichtig. Männern solle es ermöglicht werden, ihre individuellen Fähigkeiten aktiv einzubringen: Handwerk, Gartenarbeit, Sport oder andere sinnvolle Beschäftigungen können nach dem Renteneintritt zu einer erfüllenden Lebensgestaltung beitragen.
Bewegung begann in den 1990er-Jahren
Hier kommen die „Männerschuppen“ ins Spiel: eine Initiative, die Männern im beruflichen Ruhestand – aber nicht nur diesen – Raum für sozialen Austausch, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung bietet. In Deutschland sind die Männerschuppen noch relativ jung, dennoch existieren solche Einrichtungen bereits in mehreren Bundesländern. Sie orientieren sich an erfolgreichen internationalen Konzepten und gelten als „Modelle guter Praxis“ zur sozialen Einbindung. Sie sollen einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Einsamkeit leisten und dem Gefühl des Bedeutungsverlusts im Alter entgegenwirken, das manche verspüren – trotz umfangreicher Erfahrung und Fähigkeiten.
Die Stiftung Männergesundheit möchte den Bekanntheitsgrad nun steigern. Sie gab bereits 2024 ein Memorandum zur Förderung der Bekanntheit und des Nutzens heraus, mit dem Ziel, Erkenntnisse aus bestehenden Initiativen sowie aus drei Fachtagungen zur Männergesundheit zu bündeln. Es werden zentrale Erfahrungen, Erfolgsfaktoren und notwendige Unterstützungsangebote zusammengefasst, die für die Umsetzung neuer Männerschuppen relevant sind. Darüber hinaus soll das Memorandum zur weiteren Verbreitung des Konzepts beitragen, indem es die Ausgangslage, zentrale Fragestellungen, den gesundheitlichen und sozialen Mehrwert von Männerschuppen sowie mögliche Wege zur praktischen Realisierung übersichtlich darstellt.
International sind Männerschuppen unter dem Begriff „Men’s Sheds“ bekannt. Die Bewegung begann in den 1990er-Jahren in Australien und verbreitet sich seither weltweit. Bereits 2007 wurde in Down Under der erste nationale Dachverband für Men’s Sheds gegründet. In Irland entwickelte sich seit 2009 eine dynamische Gesundheitsbewegung rund um die Men’s Sheds, die bereits in der ersten nationalen „Männergesundheitsstrategie 2008–2013“ verankert war. Mit inzwischen rund 450 Men’s Sheds gilt Irland als Erfolgsbeispiel für eine nachhaltige Etablierung.
Die Veröffentlichung des Memorandums in Deutschland sorgte dementsprechend auch international für Aufmerksamkeit. Dr. Noel Richardson, Direktor des Centre for Men’s Health an der South East Technological University Carlow, sagte: „Ich begrüße die Veröffentlichung dieses Memorandums zur Entwicklung von Männerschuppen in Deutschland ausdrücklich. Unsere Erfahrungen in Irland zeigen, dass Männerschuppen einen durchweg positiven Einfluss auf die Männergesundheit haben – sie geben dem Leben vieler Männer häufig wieder Sinn, Freude und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Dieses Memorandum bietet einen klaren Fahrplan und enthält hervorragende Empfehlungen für den strategischen Ausbau von Männerschuppen in Deutschland.“
Eine gezielte Weiterentwicklung der Männerschuppen stellen „Sheds for Life“ dar, die den Schwerpunkt auf die Gesundheitsförderung älterer Männer legen. Sie wurden im Rahmen des Programms „Healthy Ireland Men 2017–2021“ gefördert. Die Evaluation dieses Ansatzes zeigte eine Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (gemessen in QALYs – quality-adjusted life years) sowie eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz. Mittlerweile haben sich Men’s Sheds international als erfolgreiche Struktur etabliert und existieren in mindestens 14 Ländern.
Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es in einigen Bundesstaaten bereits Men’s Sheds. Mark Winston, in den USA der Leiter der US Men’s Sheds Association (USMSA), sagt daher: „Die US Men’s Sheds Association ist sehr an der erfolgreichen Entwicklung der Männerschuppen-Bewegung in Deutschland interessiert. Wir bieten Beratungen für die Gruppen an, die das Konzept gestalten. Zudem können wir lokale Leiter von Männerschuppen unterstützen, wenn sie bestimmte Herausforderungen besprechen möchten.“
In Australien und Irland seien wissenschaftliche Studien umgesetzt worden, die den positiven Einfluss von Männerschuppen auf Gesundheit und Wohlbefinden belegten. Die Studien zeigten signifikante Effekte auf die physische, geistige und psychische Gesundheit älterer Männer. Auf den Online-Tagungen der Stiftung Männergesundheit betonten sowohl Noel Richardson als auch Mark Winston die Bedeutung und das Potenzial von Männerschuppen beziehungsweise Männertreffs für Deutschland. Auch aus den bereits bestehenden Einrichtungen hierzulande wird von einer hohen Zufriedenheit der Teilnehmenden und einer langfristigen Bindung an die Angebote berichtet.
Einen geschützten Raum schaffen
Zu den ersten Männerschuppen in Deutschland gehören Bamberg (2016), Leinfelden-Echterdingen (2018), das Männernetzwerk Dresden e.V. (2020), das internationale Meetup Berlin (Englisch/Italienisch, 2020) sowie das Männerberatungsnetz W. Dülberg Soest auf Borkum (2022). Diese sind vor allem durch regionale Initiativen entstanden. Denn die Einbindung in bestehende Trägerstrukturen bietet erhebliche Vorteile, da bereits organisatorische Rahmenbedingungen und nutzbare Räumlichkeiten vorhanden sind: etwa in Mehrgenerationenhäusern, Kirchengemeinden, Quartiersbüros, Stadtteilzentren oder über kommunale Träger.
Auch, wenn mancher vielleicht auf den Gedanken kommen könnte – Männerschuppen fokussieren ja bereits vom Namen her „den Mann“ – sei darauf hingewiesen: Sie stehen nicht im Widerspruch zur Frauenförderung, sondern würden diese sinnvoll ergänzen – beide Ansätze würden sich gegenseitig stärken und zu einer ausgewogenen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Männerschuppen würden daher auch einen wichtigen Beitrag zur Gleichstellung leisten, wie die Stiftung Männergesundheit in dem Memorandum klarstellt.
In Männerschuppen geht es also auf gar keinen Fall darum, dass sich Vin Diesels und Til Schweigers treffen, um Armdrücken zu spielen oder sich aus Automagazinen vorzulesen. Die Treffs sollen das Miteinander fördern, den Zusammenhalt und das Wohlbefinden. Dabei gilt es zu beachten, dass jede Gruppe anders ist und sich aus und mit ihren Teilnehmern entwickelt. Manchmal gibt es handwerkliche Projekte oder Reparaturen. Dann gibt es Kochkurse, Grillevents, Gesangsgruppen, Ausflüge oder gemeinsame Reisen. Neben dem Bilden einer Gemeinschaft spielt eben auch die Gesundheitsförderung eine große Rolle.
Wo Innovationen sind, ist die Bundeshauptstadt meistens nicht weit. So schreibt die „Berlin Men’s Group“ beispielsweise: „Wir kommen in unterschiedlichen Formaten zusammen, um Kontakte zu knüpfen, voneinander zu lernen, zu wachsen und uns gegenseitig zu unterstützen. Häufig sprechen wir über Themen wie Beziehungen, Familie, Arbeit, (mentale) Gesundheit und spirituelle Entwicklung – um nur einige zu nennen.“ Diese Gruppe will vor allem einen geschützten Raum schaffen, in dem die Aufmerksamkeit wieder auf „uns“ Männer selbst gelenkt wird. Man sei willkommen, „einfach als der Mann, der du bist, mit Gefühlen und Bedürfnissen, die unabhängig von deinem Beruf, deinen Partnerschaften oder anderen Rollen bestehen. In der Gruppe bauen wir Beziehungen zu anderen Männern auf und arbeiten gleichzeitig an der Beziehung zu uns selbst.“
Die Gruppe richtet sich, wie alle anderen auch, an Männer jeden Alters, jeder Herkunft, mit jeder Erfahrung, egal welcher sexuellen Orientierung und Form des männlichen Selbstausdrucks. „Berlin Men’s Group“ sei ausdrücklich „pro Mann, nicht gegen Frauen“. Die Macher schreiben: „Uns ist bewusst, dass es viele Facetten von Männlichkeit, Mannsein und männlicher Identität gibt –
es gibt keine richtige Definition, und wir versuchen auch keine vorzugeben. Diese Gruppe ist ein Raum für alle, die sich als Mann identifizieren. Du entscheidest selbst, ob unser Angebot für dich passt. Jeder ist eingeladen, vorbeizukommen und herauszufinden, ob unsere Treffen hilfreich sind.“