Ein Superstar wollte er werden, ein Youtube-Star – und das ist Leon Kapluck auch gelungen. Der gebürtige Gelsenkirchener ist Jahrgang 2000 und veröffentlichte vor zwölfeinhalb Jahren sein erstes Video auf der bekanntesten Videoplattform der Welt.
Leon Kapluck war 13, als er „Ein Herz für Leon“ hochlud. Es zogen fünf Jahre ins Land, bis er nach den ersten Videos – diese bestehen aus augenzwinkernder Comedy und Schulalltag und sind heute noch zu sehen – den ersten Besuch eines verlassenen Ortes auf Youtube einstellte: „Toter in verlassener Horrorvilla?!“ beinhaltet im Grunde schon das, was ihn später zum Erfolg führt: ungezwungenes Verhalten, ein Hauch Humor, das Betreten der Orte mit Gleichgesinnten, neugierig machende Videotitel, handwerkliche Versiertheit – und Angst vor Spinnen. „Ich will nicht alles auf eine Frau schieben, aber es steckt extrem an, wenn jemand sehr große Angst vor etwas hat“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Mit seiner Authentizität hat er es Stand Ende Oktober 2025 auf rund 257.000 Abonnenten gebracht. Das ist von Weltstars wie Miley Cyrus oder The Weeknd natürlich meilenweit entfernt, aber in seinem Metier ist er dennoch so etwas wie ein Superstar – er besucht und filmt Lost Places.
Skepsis ist das A und O
Mit dem ironischen Kommentar Richtung Lebensgefährtin, die er im vergangenen Jahr heiratete und mit der er einen Sohn hat, zeigt sich schon die nächste wichtige Eigenschaft, die Leon Kapluck sowie seine Videos auszeichnet: Skepsis. Rationell erklären könne er die Arachnophobie nämlich nicht, da er wisse, dass es in Deutschland im Grunde keine wirklich gefährlichen Spinnen gebe. Es habe wohl etwas mit der Angst vor dem Unbekannten zu tun. Dieses gesunde Misstrauen und das Hinterfragen sind wichtig für den Kontext zu seinem Kanal.
Denn auf „LeonTV“ besucht er nicht nur Lost Places, sondern geht vor allem in den jüngeren Jahren auch auf Geisterjagd, ebenfalls zumeist in verlassenen Gebäuden an teils abgelegenen Orten. Und das macht er mit der nötigen Portion Skepsis, denn es falle ihm schwer zu glauben, dass es in der Form Geister gebe, „wie wir sie aus Filmen oder Spukgeschichten kennen“. Man wisse ja, dass man nicht in eine Location gehe, „und die Türen auf- und zugeschlagen werden“. Trotzdem gebe es immer wieder Momente und Situationen, „die man sich auch im Nachhinein nicht wirklich erklären kann“.
Zurück zur Rationalität. Wenn man diese mit in den Besuch von verlassenen Orten oder auch bei paranormalen Untersuchungen einbeziehe, gebe es nicht wirklich viel, was passieren könne. Höchstens dies: In Lost Places steigt man in der Regel nach der Dämmerung ein und der Zustand der alten Gebäude ist oftmals marode, sodass man sich mit Taschenlampen zurechtfinden muss. Dies könne einen Nachbarn auf den Plan rufen, der dann beispielsweise die Polizei informiere. „Aber selbst dann kann man noch normale Gespräche führen“, so Leon Kapluck. Jeder Lost Place sei eine ganz eigene Erfahrung, wie er erzählt.
Seine Leidenschaft fürs Erkunden verlassener Orte begann quasi vor seiner Haustür. Seine erste Aufnahme machte er in der ehemaligen Zeche Westerholt, einem Steinkohlebergwerk im Gebiet der Stadtgrenze von Herten-Westerholt zu Gelsenkirchen-Hassel. Das habe ein mulmiges Gefühl in ihm erzeugt – aber zeitgleich die Neugier entfacht, mehr über die Geschichte des Ortes zu sehen und zu erfahren. Am Ende des Tages sei wohl der größte Reiz diese Angst vor dem Unbekannten.
Hier zeigt sich eine weitere Eigenschaft der Videos und des Produzenten. Denn – so schreibt er auf seiner Webseite – er habe in alten Videos „tatsächlich Szenen inszeniert“. Doch er sagt im Rückblick, dass er heute viel sensibler für die Thematik sei. Waren die anfänglichen Videos noch „von vorne bis hinten geskriptet“, habe er irgendwann gemerkt, dass er bei manchen Leuten eventuell falsche Hoffnungen wecke, die denken, sie könnten mit Verstorbenen in Kontakt treten.
Heute geht er mit befreundeten Youtubern nicht nur in ganz Deutschland auf Lost-Place- und Geisterjagd, sondern auch im europäischen Ausland. Im Playlist-Sektor findet man Touren, die er im Schwarzwald gemacht hat, oder auch in Berlin und im Harz. Nach Tschechien hat es ihn bereits verschlagen, nach Frankreich mehrfach, nach Belgien und Luxemburg. Aus England ist die Playlist „UKs Most Haunted Tour“ zu finden und sogar über den großen Teich ist er gereist, nachzuschauen in der Playlist „Solo USA Tour“.
Trotz seiner Vorliebe für Paranormales sieht er sich nicht als Geisterjäger oder Experte für Paranormales, vielmehr sagt er: „Ich sehe mich als Youtuber und als Entertainer.“ Und genau das macht für ihn auch einen enormen Batzen seines Erfolges aus. „Die Leute wollen mitgenommen werden auf eine Reise, in der man Fragen auf den Grund geht. Ich denke, das macht es auch greifbarer für Leute, die nicht daran glauben oder wie ich Agnostiker sind“, erklärt er.
Die Lust am Urban Exploring, die Offenheit paranormalen Phänomenen gegenüber und die gleichzeitige Skepsis sowie der eine oder andere flapsige Spruch – das kommt an. Neben den 257.000 Abos bei Youtube hat LeonTV mehr als 27.000 Follower auf der Gaming-Plattform Twitch sowie mehr als 63.000 Follower bei Instagram. Deren Hunger nach neuem Content kommt er regelmäßig nach.
Unerklärliche Tonaufnahmen
Teil der Reise, auf die er seine Follower und Zuschauer mitnimmt, sind auch – nach den eigentlichen Videos seiner Lost-Place-Besuche – noch gemeinsame Reaction-Videos oder Live-Analysen. „Da gehen wir zusammen mit der Community auf die spannendsten Stellen ein. Im besten Falle können wir uns das dann nicht erklären.“ Und das komme erstaunlich häufig vor. Bei einer Tonaufnahme konnte man feststellen, dass man neben den männlichen Stimmen von ihm selbst sowie einem Begleiter noch eine Frauenstimme hörte. In einer anderen Aufnahme seien in einem verlassenen Kindergarten noch Kinderstimmen zu hören gewesen.
In Chillingham Castle, einem mittelalterlichen Schloss in England, habe er wohl die spannendste Aufnahme gemacht. „Wir hatten dort einen blauen Ball oder blauen Schweif aufgenommen. Das ist unfassbar passend zu einer der Legenden vor Ort, die sich ‚The blue boy‘ nennt.“ Man hatte einst die Überreste eines Jungen gefunden, der ein blaues Gewand anhatte, und dessen Schreie heute noch zu hören seien.
Er sieht sich wie gesagt nicht als Fachmann auf dem Gebiet des Paranormalen, aber in einer Sache hat er auf jeden Fall Expertise: Er hat eine abgeschlossene Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton. Die erklärt auf der einen Seite die Professionalität seiner Videos. Auf der anderen Seite sagt er, dass er durch diese technische Seite Fakes eben auch besser erkennen könne. Durch den Erfolg und die Menge an Videos hat er einige Freelancer an der Hand, die ihm beim Schnitt und bei der Recherche helfen. Denn geschäftstüchtig ist Leon. Neben seinen Helfern hat er seit Anfang des Jahres ein Management an seiner Seite, das beispielsweise dabei hilft, Partnerschaften an Land zu ziehen. „Alle denken immer, ich wär Holy-abhängig“, sagt er lachend über einen der Sponsoren. Das koffeinhaltige Getränk, das bei Youtubern als Unterstützer generell sehr beliebt ist, hält er bei LeonTV nicht einfach nur in die Kamera, sondern baut es oftmals spielerisch in seine Clips ein.
Wenn ein Video gefilmt wird, erscheint es in der Regel auch. Eine Ausnahme könnte sein, wenn es schlicht keinen Eingang in einen Lost Place gäbe. Da halte er sich an eine Art Ehrenkodex, nach dem man nichts hinterlassen und nichts mitnehmen solle. Denn man müsse ganz klar sagen, dass ein Einstieg in einen verlassenen Ort Hausfriedensbruch sei. Private Dinge in den verlassenen Orten würden außen vor gelassen oder verpixelt. Wenn ein Einstieg möglich sei, würde sein moralischer Kompass aber sein Okay geben. „Letztlich ist es eine Grauzone“, sagt Leon Kapluck.