Warum sind Vitamin C + LSF morgens und Retinoide abends eine so gute Kombination? Und was gibt es bei Anti-Aging-Methoden zu beachten? All das und vieles mehr weiß Dr. med. Susanne Steinkraus, Fachärztin für Dermatologie, Ästhetik und Lasermedizin in München.
Frau Dr. Steinkraus, sollte man die Haut im Winter anders pflegen als im Sommer?
Ja, unbedingt. Unsere Haut reagiert sehr sensibel auf Temperaturschwankungen und Luftfeuchtigkeit. Im Winter ist die Luft trocken. Der Wechsel zwischen kalter Luft draußen und warmer, trockener Heizungsluft innen strapaziert die Haut, und durch Heizungsluft verliert sie zusätzlich Feuchtigkeit. Deshalb empfehle ich im Winter eine reichhaltigere, barrierestärkende Pflege mit Inhaltsstoffen wie Ceramiden, Squalan, Sheabutter oder Panthenol, um die Hautbarriere zu stabilisieren. Im Sommer hingegen sollte die Pflege leichter und feuchtigkeitsbasiert sein – etwa mit Hyaluronsäure oder Aloe Vera. Ganz wichtig: Lichtschutzfaktor ist das ganze Jahr über Pflicht! Auch im Winter dringen UV-Strahlen durch Wolken und Fenster und fördern Hautalterung.
Juckreiz und sehr trockene Haut im Winter – was hilft wirklich und ist auch nicht zu fettig?
Juckreiz ist meist ein Zeichen einer gestörten Hautbarriere. Viele reagieren dann mit sehr fettigen Cremes, was aber nicht immer die Lösung ist. Ich empfehle Feuchtigkeit plus Lipide – in Balance: also Formulierungen mit Urea, Glycerin oder Niacinamid, kombiniert mit Ceramiden oder pflanzlichen Ölen.
Duschen sollte man kurz und lauwarm, anschließend sofort eine rückfettende Pflege auftragen. Hilfreich können auch Duschöle sein, danach die Haut lediglich abtupfen. Und wer zu starkem Juckreiz neigt, kann mit entzündungshemmenden Cremes oder milden Barrieresprays gute Erfolge erzielen. Wichtig ist außerdem, nicht zu viel zu cremen, denn das kann die Eigenregulation der Haut stören.
Mit welchen Wirkstoffen und Tricks bekommt man schnell fettende Haut und Unreinheiten in den Griff?
Hier gilt: weniger ist mehr. Häufig wird überpflegt oder zu aggressiv gereinigt, was die Talgproduktion erst recht ankurbelt. Ich empfehle eine milde, nichtkomedogene Reinigung mit Salicylsäure, Zink und als Pflege Niacinamid und leichte Geltexturen mit Azelainsäure oder Retinal.
Bei Unreinheiten helfen auch BHA-Peelings (zum Beispiel zwei Prozent Salicylsäure) – sie klären verstopfte Poren, wirken antibakteriell und entzündungshemmend. Weiter können natürlich verschreibungspflichtige Präparate mit Benzoylperoxid, Antibiotika et cetera infrage kommen.
Wer schnell Ergebnisse will, sollte auf Konstanz statt Überpflege setzen: morgens reinigen, Vitamin C + SPF, abends mildes Retinoid.
Warum empfehlen viele Dermatologen generell morgens Vitamin C + Lichtschutzfaktor und abends Retinoide?
Das ist eine sehr gute Grundroutine – wissenschaftlich belegt und hocheffektiv.
Vitamin C neutralisiert freie Radikale, wirkt aufhellend und stärkt die Kollagensynthese. In Kombination mit einem hochwertigen Lichtschutz ist das ein idealer Morgenschutz gegen oxidative Prozesse.
Retinol und seine Derivate am Abend fördern die Zellerneuerung, regulieren Talg, verfeinern Poren und regen die Kollagenbildung an. Ich ergänze oft noch Niacinamid oder Peptide, um die Hautbarriere zu unterstützen – das sorgt für bessere Verträglichkeit und sichtbare Glätte.
Warum dürfen Retinoid-Produkte künftig nur noch bis 0,03 Prozent verkauft werden? Und wirkt eine niedrigere Konzentration automatisch schwächer?
Der Hintergrund ist eine neue EU-Kosmetikverordnung, die den Einsatz von Retinol in frei verkäuflichen Produkten stärker reguliert. Es geht dabei um Langzeit-Sicherheit, nicht um Wirksamkeit. 0,03 Prozent Retinol kann, regelmäßig angewendet, bereits sehr gute Ergebnisse erzielen –
entscheidend ist die Formulierung und Stabilität des Produkts. Höhere Konzentrationen gehören in ärztliche Hände, weil sie bei falscher Anwendung Reizungen oder Barriereschäden verursachen können. Kontinuität schlägt Konzentration – das gilt gerade bei aktiven Wirkstoffen.
Welche Inhaltsstoffe sollte man nicht miteinander kombinieren – und warum?
Ein häufiger Fehler ist, zu viele Wirkstoffe gleichzeitig zu verwenden. Nicht kombinieren sollte man zum Beispiel:
Retinoide + starke Säuren (AHA/BHA) – das reizt die Haut.
Retinol + Benzoylperoxid – das destabilisiert Retinol.
Mehrere Säuren gleichzeitig (zum Beispiel AHA + BHA + PHA) – zu viel chemisches Peeling reizt selbst robuste Haut.
Besser ist es, solche Wirkstoffe zeitlich zu trennen: morgens Vitamin C, abends Retinol. Weniger Schichten – mehr Wirkung.
Welche Inhaltsstoffe in Skincare finden Sie bedenklich oder überflüssig?
Ich halte Duftstoffe, ätherische Öle, aggressive Tenside und Alkohol in hohen Konzentrationen für problematisch – sie reizen die Hautbarriere und fördern Entzündungen. Auch viele „Trend-Inhaltsstoffe“ aus Social Media sind oft Marketing statt Wissenschaft. Ich empfehle, lieber auf klinisch geprüfte Formulierungen mit evidenzbasierten Wirkstoffen zu setzen – also Retinoide, Vitamin C, Niacinamid, Peptide, Exosome und Ceramide.
Was hilft wirklich bei Akne?
Akne ist eine entzündliche multifaktorielle Erkrankung – häufigste Ursachen sind Talgdrüsenüberaktivität, Verhornungsstörung, Hormone, Bakterien, Ernährung, Stress. Lokal wirksam sind Retinoide, Benzoylperoxid, Azelainsäure, Salicylsäure und Antibiotika – je nach Hauttyp in unterschiedlichen Konzentrationen. Systemisch können auch Antibiotika oder Isotretinoin eingesetzt werden.
In der Praxis kombiniere ich topische Pflege mit professionellen kosmetischen Behandlungen wie medizinischer Ausreinigung, Hydrafacial, Jetpeel, Laser, LED-Therapie, medizinischen Peelings oder Microneedling mit Wirkstoffen. Wichtig ist ein individuelles Konzept: Akne ist kein rein kosmetisches Problem, sondern eine komplexe Erkrankung. Ich rate, sie immer dermatologisch begleiten zu lassen.
Sie sind auch Expertin für Ästhetische Medizin. Hyaluron wird als Filler öfter kritisiert – stimmt es, dass das Gesicht mit der Zeit aufgedunsen wirken kann?
Das kann vorkommen, aber nicht bei korrekter Anwendung. Hyaluron ist ein hervorragender Filler, wenn er gezielt, individuell und anatomisch korrekt eingesetzt wird. Aufgedunsene Gesichter entstehen durch Überkorrekturen, falsche Platzierung oder Materialauswahl und ein Zuviel des Produktes. Ich arbeite grundsätzlich nach dem Prinzip „weniger ist mehr“ – lieber sanft auffrischen und die Gesichtsstruktur respektieren, statt sie zu verändern.
Und wie sehen Sie die Gefahr bei Nasenkorrekturen oder Behandlungen in Augennähe mit Hyaluron?
Das ist ein sehr wichtiges Thema. In diesen Regionen verlaufen feine Blutgefäße, die mit der Augenarterie verbunden sind. Eine falsche Injektion kann theoretisch Gefäßverschlüsse und sogar Erblindung verursachen. Solche Behandlungen gehören daher ausschließlich in erfahrene, ärztliche Hände – idealerweise zu Dermatologen oder plastischen Chirurgen mit anatomischer Expertise und Notfallmanagement.
Welche Anti-Aging-Behandlungen empfehlen Sie bei Volumenverlust und welche bei Falten?
Bei Volumenverlust setze ich auf Hyaluronsäure, Polymilchsäure als Biostimulator und auch Eigenfett.
Bei Falten bewährt sich eine Kombination aus Botulinumtoxin, fraktioniertem Laser (zum Beispiel CO₂ oder Erbium) und Retinoid-Therapie. Für die Hautqualität sind Energy-based Treatments wie Radiofrequenz-Microneedling oder Laserbehandlungen hervorragend geeignet.
Von welchen Anti-Aging-Methoden raten Sie ab – wie sieht es etwa mit Ultraschall aus?
Ultraschall kann sinnvoll sein – aber nur in medizinischen Geräten mit nachgewiesener Tiefenwirkung.
Viele Beauty-Gadgets, die online beworben werden, haben keinen belegten Effekt.
In Foren liest man teils von Volumenabbau – das kann passieren, wenn Wärmeenergie zu stark oder unkontrolliert eingesetzt wird. Ich rate zu qualitätsgesicherten, medizinischen Verfahren, die individuell angepasst werden – statt DIY- oder „Trend“-Behandlungen.
Helfen Face Yoga oder Gua Sha gegen Falten?
Sie können die Durchblutung und Lymphzirkulation fördern – das sorgt kurzfristig für einen frischen Glow. Gegen echte strukturelle Alterung (Kollagenabbau, Volumenverlust) helfen sie jedoch nicht nachhaltig. Aber: Als Ergänzung zu einer professionellen Routine können solche Rituale das Bewusstsein für die eigene Haut stärken – und das ist ebenfalls wertvoll.
Welche natürlichen Anti-Aging-Methoden funktionieren wirklich?
Am besten wirkt das, was wir täglich tun: ausreichend Schlaf, wenig Zucker, kein Nikotin, Sonnenschutz, Bewegung und ausgewogene Ernährung, kein Alkohol. Zusätzlich empfehle ich Antioxidantien (Vitamin C, E, Polyphenole), Omega-3-Fettsäuren und Stressmanagement – all das beeinflusst die Hautalterung messbar. Und natürlich: Regelmäßige Hautpflege mit evidenzbasierten Wirkstoffen ist die beste „natürliche“ Anti-Aging-Methode überhaupt.
Wie sieht Ihre eigene Beauty-Routine aus?
Ich halte es einfach, aber konsequent: morgens milde Reinigung, Vitamin-C-Serum, Niacinamid, Sonnenschutz. Abends Double Cleansing, Retinal oder Peptide, anschließend Barrier-Creme.
Ein- bis zweimal pro Woche nutze ich Fruchtsäure- oder Enzympeelings, um die Zellerneuerung anzuregen. In der Praxis gönne ich mir Laser-Refreshments oder leichte Skinbooster, aber immer mit dem Ziel, frisch, aber nicht verändert auszusehen. Das ist für mich moderne Ästhetik: natürlich, gesund und individuell.