Die Eisbären Berlin können nach einem Drittel der Hauptrunde nicht zufrieden mit dem Saisonverlauf sein. Der Titelverteidiger ist von Personalproblemen geplagt und spielt auch deswegen zu wechselhaft.
Patrick Khodorenko wurde nach seiner späten Verpflichtung sofort ins kalte Wasser geschmissen – die Personalnot bei den Eisbären Berlin ließ keine lange Eingewöhnungszeit zu. Der US-Amerikaner war in seinen ersten Spielen angetan vom „sehr hohen“ Tempo in der Deutschen Eishockey Liga, „es ging hin und her. Es hat viel Spaß gemacht.“ Doch noch mehr hat ihn die Atmosphäre in der Uber-Arena mit 14.000 Zuschauern begeistert. Diese Erfahrung sei „verrückt“ gewesen, schwärmte Khodorenko: „Die gesamte Arena war voll im Spiel. Ich hatte das Gefühl, in einem Fußballstadion zu sein.“ Er freute sich schon sehr auf noch mehr Heimspiele mit den Eisbären – doch dazu wird es nicht mehr kommen. Der Zwei-Wege-Spielmacher, der erst Ende September verpflichtet worden war und einen Vertrag bis Saisonende unterschrieben hatte, wird in dieser Spielzeit nicht mehr aufs Eis können. Beim 3:0-Sieg gegen Ingolstadt zog er sich eine „schwerwiegende Knieverletzung“ zu, wie der Deutsche Meister mitteilte. In seinen vier Spielen war der 26-Jährige auf ein Tor sowie zwei Vorlagen gekommen und hatte einen guten Eindruck hinterlassen. Doch das Personal-Problem konnte er nicht lösen – im Gegenteil.
Rund 14.000 Zuschauer
„Patricks Verletzung ist ein Schock für uns und trifft uns schwer“, sagte Sportdirektor Stéphane Richer: „Er hat in den wenigen Spielen für die Eisbären alle überzeugt und bereits eine wichtige Rolle eingenommen.“ Khodorenko, der 2020 als ungedrafteter Spieler einen Einjahresvertrag bei NHL-Club New York Rangers erhalten hatte, musste also ersetzt werden – obwohl er selbst aufgrund der langen Verletztenliste als Ersatz geholt worden war. So wurde Talent Lennard Nieleck von den Lausitzer Füchsen mit einer Förderlizenz ausgestattet. „Lennard ist körperlich stark und verleiht unserem Kader mehr Tiefe. Zudem kann er sowohl als Center als auch auf dem Flügel spielen und ist somit flexibel einsetzbar“, sagte Richer über den 21-Jährigen, der schon etwa 50 DEL-Partien bestritten hat und somit kein kompletter Rookie ist.
Doch nur auf den Nachwuchs setzten die Eisbären in der angespannten Personallage nicht. Und so wechselte Ende Oktober Jean-Sébastien Dea von Neftekhimik Nizhnekamsk aus der Kontinental Hockey League nach Berlin. Der Center ist zwar ein etwas anderer Spielertyp als Khodorenko, doch auch der frühere NHL-Profi (Pittsburgh, New Jersey, Buffalo und Arizona) weiß, wie man Tore erzielt. „Mit Jean-Sébastien konnten wir einen international erfahrenen Center verpflichten. Er verleiht unserem Kader nicht nur weitere Tiefe. Er ist ein sehr guter Skater und starker Spielmacher“, sagte Richer: „Jean-Sébastien hat einen guten Abschluss und ein gutes Auge für seine Mitspieler.“ Doch im Eisbären-Trikot konnte er diese Qualitäten bislang höchstens andeuten. Ein Scorerpunkt nach vier Partien ist eine magere Ausbeute. Auch bei der jüngsten 1:4-Heimpleite in der Liga gegen die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven blieb Dea ohne Torerfolg oder Assist.
Doch einen großen Vorwurf an Dea oder einen anderen Spieler wollte Trainer Serge Aubin nicht richten. „Es hat heute leider einfach nicht gereicht. Am Einsatz meiner Spieler lag es aber nicht“, sagte der Kanadier. Trotzdem gab auch er unumwunden zu, was viele Fans in der Arena ebenfalls erkannt hatten: „Das Energielevel war leider zu niedrig. So konnten wir keine Spielzüge aufziehen und Zweikämpfe gewinnen.“ Da Bremerhaven zudem gut verteidigte und in den entscheidenden Situationen etwas mehr Biss zeigte, war die Niederlage verdient. Die Eisbären rutschten auf den achten Tabellenplatz ab – zu wenig für die eigenen Ansprüche. Der Abstand zu den vorderen Rängen ist zwar nicht so groß, doch der DEL-Rekordchampion steht nach einem Drittel der Hauptrunde schon leicht unter Druck. „Wir sind natürlich enttäuscht“, sagte Aubin: „Die Pause kommt für uns zum richtigen Zeitpunkt.“ Wegen des traditionellen Deutschland-Cups in Landshut geht es in der Liga für die Eisbären erst wieder am 14. November mit einem Auswärtsspiel bei den Nürnberg Ice Tigers weiter. Bis dahin heißt es: regenerieren – und hoffen, dass der ein oder andere Verletzte vielleicht zurückkehrt.
Zuletzt gesellte sich auch Korbinian Geibel in den Krankenstand. Der Verteidiger zog sich beim 3:2 gegen Nürnberg eine schwere Beinverletzung zu. Geibel wird nach einer notwendigen Operation mehrere Monate fehlen. Gerade auf der Verteidiger-Position sind die Eisbären dünn besetzt, da auch schon Kapitän Kai Wissmann, Markus Niemeläinen und Marco Nowak langfristig wegen Verletzungen ausfallen. Erst im Januar ist mit der Rückkehr der Leistungsträger Wissmann und Niemeläinen zu rechnen. Zudem waren auch die Angreifer Mitch Reinke und Blaine Byron zuletzt angeschlagen und nicht einsatzfähig. Angreifer Byron konnte aber gegen Bremerhaven wieder mitwirken, blieb aber auch blass.
Les Lancaster soll Stabilität schaffen
Der Defensive soll der erst spät verpflichtete Les Lancaster Stabilität verleihen. Das klappte zunächst noch nicht so gut, doch auch der US-Amerikaner steigerte sich in den Partien bis zum Bremerhaven-Spiel und fand sich im System von Trainer Serge Aubin immer besser zurecht. Der Ex-Profi von Meister Red Bull München soll „für Entlastung sorgen“, wie Sportdirektor Richer betonte: „Er hat ein hohes Spielverständnis, einen guten Aufbaupass und ordentlich Europa-Erfahrung.“ Lancaster sei ein offensivstarker Verteidiger, „der sowohl in Nordamerika als auch in Finnland regelmäßig gepunktet hat“. Der 30-jährige Lancaster hatte die elfte und damit letzte Ausländerlizenz erhalten. Lancaster weiß, dass er als erfahrener Haudegen auf dem Eis und in der Kabine vorangehen und Verantwortung übernehmen muss. „Ich freue mich auf die Titeljagd mit den Eisbären“, sagte er.
Zuletzt richtig gut in Fahrt gekommen war auch Sommer-Neuzugang Markus Vikingstad. Der Norweger erzielte beim 4:3 nach Verlängerung gegen die Schwenninger Wild Wings den Siegtreffer und kommt nun schon auf acht Tore und vier Vorlagen. „Jetzt bin ich endgültig in Berlin angekommen“, sagte der aus Bremerhaven verpflichtete Center. Doch wichtiger sei, dass das Team nach einem auch durch die Personalprobleme ausgelösten Negativlauf wieder in die Spur zurückfindet. „Wir wollen wieder zurück zu unserem Spiel, zum Berliner Hockey“, sagte Vikingstad. Dabei hilft natürlich, dass die Eisbären wieder mit vier kompletten Sturmreihen auflaufen können. „So können wir das Tempo auch am Ende hochhalten“, sagte Vikingstad.
Er selbst kann in der Länderspielpause nicht durchschnaufen, er wurde für Norwegens Nationalmannschaft nominiert. Anders dagegen die deutschen Nationalspieler bei den Eisbären um Jonas Müller und Frederik Tiffels. Auf sie verzichtet Bundestrainer Harold Kreis beim Deutschland-Cup – „mit Rücksicht wegen der Belastung und Verletzungen“, wie er erklärte. Ob im Hintergrund von Clubebene aus Druck auf die Spieler oder den Verband ausgeübt wurde, ist nicht bekannt. Doch klar ist: Die Eisbären dürften mehr als froh über diese Entscheidung sein. Denn überspielte oder im schlimmsten Fall verletzte Nationalspieler kann sich der Club aktuell nicht erlauben. Dafür ist die Personaldecke immer noch zu dünn.