Etienne Kinsinger will mit dem KSV Köllerbach in die Play-offs. Doch sowohl der Nationalringer als auch sein Verein haben es im Moment nicht leicht. Ob es am Ende reicht, werden die kommenden Duelle zeigen.
Die Hinrunde lief für Ringer-Bundesligist KSV Köllerbach erwartbar durchwachsen. Die „Wölfe“ haben nach den ersten sieben Wettkämpfen zwar erst einen Sieg auf ihrem Konto – aber dennoch befinden sie sich auf Saisonziel-Kurs. Die Teilnahme an den Play-offs, wozu die ersten sechs der acht Teams umfassenden Liga berechtigt sind, ist nämlich noch nicht ernsthaft gefährdet. Am Samstag, 8. November, empfängt Köllerbach um 19.30 Uhr zum Rückrunden-Beginn den SV 04 Germania Weingarten in der Kyllberghalle.
„Unser Team ist absolut konkurrenzfähig“
„Wenn man alle Bundesliga-Kader der laufenden Saison betrachtet, war eigentlich schon vorher klar, dass wir nicht im vordersten Drittel der Tabelle landen werden“, weiß Etienne Kinsinger. Der 29-jährige griechisch-römisch-Spezialist (Gewichtsklasse bis 66 Kilogramm) sieht die beiden aktuell besten Teams, Tabellenführer SC Kleinostheim und Verfolger ASV Schorndorf, ohnehin weit vorn: „Wir haben schon ein recht solides Team, aber wir sind relativ leicht auszurechnen. Unser Team ist absolut konkurrenzfähig und kann gegen jeden mithalten, aber wir können nicht rotieren“, erklärt Kinsinger. Aufgrund der fehlenden Breite im Kader könnten sich die anderen Teams – insbesondere die der vorderen Tabellenregion – gut auf die Köllerbacher Gegner einstellen.
Demnach kamen die Niederlagen gegen SV 04 Germania Weingarten (15:19), SV Wacker Burghausen (2:35) und gegen den amtierenden Meister ASV Schorndorf (10:21) nicht gerade überraschend. Dass man die Saarländer dennoch nicht unterschätzen sollte, zeigte hingegen das 17:17-Unentschieden gegen Klassenprimus Kleinostheim. Die Außenseiter lieferten dem hohen Favoriten ein intensives Duell auf Augenhöhe und verdienten sich den Punktgewinn redlich – was sich auf die elektrisierende Stimmung in der Kyllberghalle auswirkte: Jeder Punkt wurde gefeiert, jede Aktion mit Spannung verfolgt. Insbesondere, nachdem Etienne Kinsinger seinen Gegner Eliah Lucyga mit 15:0 regelrecht überrollt hatte. Mit den Fans im Rücken gelang schließlich der etwas unerwartete Punktgewinn.
Etwas mehr erhofft hatte sich das Heimteam vom ersten Duell mit dem ASV Mainz, das ebenfalls unentschieden endete (14:14). Die Mainzer stuft Kinsinger als ärgsten Konkurrenten im Kampf um einen der verbleibenden Play-off-Plätze ein. „Deshalb haben wir uns zu Hause schon erhofft, sie zu schlagen. Allerdings hätten wir bei dem Wettkampfverlauf auch noch verlieren können“, gibt der Deutsche Meister von 2022 zu. Schon einen Tag später gegen die RKG Freiburg haben die Köllerbacher ihre Hausaufgaben gemacht, wurden ihrer Favoritenrolle gerecht und haben einen klaren 18:4-Auswärtssieg eingefahren. „Wenn wir alle Athleten beisammenhaben und es in einem Kampf ein bisschen kippt, dann können wir auch gegen die ganz großen Favoriten was holen, aber normalerweise haben wir gegen die das Nachsehen“, stellt Kinsinger fest und betont: „Bei uns darf halt keiner ausfallen.“ Umso bitterer, dass er selbst wegen einer Schulterverletzung in den letzten Wettkämpfen der Hinrunde aussetzen musste und seiner Mannschaft nicht helfen konnte. Zuletzt kassierte der KSV ohne den Nationalringer gegen den KSC Hösbach eine empfindliche 16:17-Niederlage − trotz vorheriger 16:0-Führung.
Trotzdem: „Eigentlich ist alles im Lot. Wenn ich auf die Tabelle schaue, sehe ich uns genau dort, wo ich uns auch vor der Saison gesehen hatte“, zieht Etienne Kinsinger ein akzeptables Zwischenfazit nach der Hinrunde: „Wir wollen in die Play-offs, dafür müssen wir mindestens Sechster werden, und dafür müssen wir auch in der Rückrunde gegen Freiburg und Mainz gewinnen. Schön wäre es, wenn wir auch noch mal was gegen ein Team aus der vorderen Tabellenregion holen könnten. Dann werden wir unser Ziel erreichen können.“
Olympia als Karriereabschluss?
Wie man seine Ziele erreicht, weiß der Leistungsträger der Köllerbacher. Neben vielen deutschen Meistertiteln stehen beim Kadetten-Weltmeister von 2013 unter anderem die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio (elfter Platz) und der fünfte Platz bei den Europameisterschaften in Budapest 2022 auf der Habenseite. In den vergangenen knapp zwei Jahren fand er allerdings nicht zu seiner Bestform zurück – auch wegen kleinerer Verletzungen oder Erkrankungen. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris 2024 verpasste Kinsinger. Auch die Vorbereitung auf die EM im Frühjahr 2025 in der slowakischen Hauptstadt Bratislava verlief mindestens suboptimal: Einmal warf ihn eine Muskelzerrung an den Rippen vier Wochen zurück, ein anderes Mal zwei aufeinanderfolgende, heftige Infekte während einer Grippewelle. Zwar wurde er dennoch für die EM nominiert, allerdings blieb er auch dort weit hinter seinem Leistungsmaximum und auch seinem eigenen Anspruch zurück. Schon nach dem ersten Kampf war Schluss. Wenige Wochen nach der EM in Bratislava sicherte sich Kinsinger bei den deutschen Meisterschaften in Elsenfeld in der Gewichtsklasse bis 63 Kilo im griechisch-römischen Stil souverän die Goldmedaille. Doch prompt der nächste Rückschlag: Die Weltmeisterschaften in der kroatischen Hauptstadt Zagreb verpasste er. „Seit fast zwei Jahren habe ich keinen richtigen Rhythmus drin. Es ist schon ein bisschen frustrierend, weil ich einfach gerne Vollgas gebe“, gibt der 29-Jährige zu und weiß: „Das ist wohl der Tribut, den ich dem Leistungssport zollen muss.“
An Aufgeben denkt Etienne Kinsinger allerdings nicht. Noch ist er Teil der deutschen Nationalmannschaft und will mit dieser an den Europa- und Weltmeisterschaften 2026 teilnehmen. Und dann wären da noch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. „Olympische Spiele sind natürlich immer ein großes Ziel. Aber zuerst muss ich gesund werden und es bleiben“, merkt Kinsinger an: „Wenn das klappt, bin ich motiviert genug, dabei sein zu wollen.“
Die Spiele in den USA könnten ein runder Abschluss seiner Leistungssport-Karriere sein. Wie es danach beruflich weitergeht, steht noch nicht fest. Vorerst will er sich nach dem erfolgreichen Abschluss seines Sportökonomie-Studiums weiter voll auf den Sport konzentrieren. Wohl aber steht bereits fest, wo er zukünftig leben wird. Der gebürtige Püttlinger wird das Saarland nämlich in den kommenden Monaten verlassen und in den Schwarzwald ziehen. Der Liebe wegen, versteht sich. „Ich werde mit meiner Freundin Hannah zusammenziehen“, verrät er.
Die Trainingssituation wird darunter nicht leiden, auch in seiner neuen Heimat gebe es „zwei, drei gute Trainingspartner, mit denen ich eine gute Trainingsgruppe aufbauen kann. Das Ganze ist schon noch ein bisschen surreal, aber es ist der nächste wichtige Schritt im privaten Bereich.“ Ganz verlassen wird er das Saarland allerdings nicht, sportlich sieht er auch künftig hier sein Zuhause.