Der traditionelle Deutschland-Cup läutet für die Eishockey-Nationalmannschaften die Olympiasaison ein. Die Männer wollen den WM-Frust vergessen machen, die Frauen die große Bühne für sich nutzen.
Wie gut Harold Kreis kochen kann, wird an diesem Abend beim traditionellen Mannheimer Herrenessen nicht bekannt. Doch ein guter Koch muss er auch gar nicht sein, damit ihm die „Mannheimer Kochschürze“ verliehen wird. „Er muss schlicht und ergreifend etwas bewegt haben, auch über den Tellerrand hinaus“, sagte Hermann Enning, der Chef der Feinschmecker-Chuchi, der Feinschmecker-„Küche“ des Clubs der kochenden Männer, der diese Auszeichnung seit vielen Jahren an Prominente aus Politik, Wirtschaft, Showgeschäft und Sport verleiht. Dabei bekommt der Geehrte nicht nur eine weiße Kochschürze und eine Kochmütze, sondern ihm wird auch mit einem Riesenlöffel Sekt in den Mund eingeflößt. Die Szene wirkt ein wenig skurril, doch Kreis hat sichtlich seinen Spaß dabei. „Ich fühle mich sehr geehrt“, sagte der Eishockey-Bundestrainer. Dieser habe sich zu aktiven Zeiten „vom Haudegen zum in sich ruhenden Spieler, der Ruhe und Beharrlichkeit ausstrahlt“, entwickelt, sagte Enning in seiner Laudatio. Und Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht, der dem Ritual auch beiwohnte, nannte Kreis „eine Ikone für Mannheim“. Als Spieler und Trainer sei Kreis „immer seinen Werten treu geblieben“.
Zwei Rückschläge nach dem großen Coup
Das können Wegbegleiter, die den gebürtigen Kanadier in dessen nun schon fast 50 Jahre langer Eishockey-Karriere erlebt haben, nur bestätigen. Kreis ist keiner, der sich verbiegen lässt – weder im Erfolgsfall noch bei Misserfolg. Deshalb weicht er auch aktuell nicht von seiner Marschroute ab, und in Panik verfällt der Bundestrainer der Eishockey-Nationalmannschaft ebenfalls nicht. Nach dem sensationellen Silber-Coup bei der WM 2023 gab es danach mit dem Viertelfinal-Aus bei der WM 2024 und dem Vorrunden-K.o. bei der WM im vergangenen Mai zwei Rückschläge. Auf dem Papier zeigt die Tendenz unter Bundestrainer Kreis nach unten. Das dürfte auch den Verantwortlichen des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) nicht gefallen, doch an einen Wechsel auf der Trainerposition wird dennoch nicht ernsthaft gedacht. Das hat mehrere Gründe, der wichtigste aber ist: Im Februar stehen die Olympischen Winterspiele in Italien an. Vor so einem sportlichen Großereignis muss es schon sehr triftige Gründe für eine solche folgenschwere Entscheidung geben, und das Vertrauen in den Coach ist innerhalb des Verbandes nach wie vor groß.
Klar ist aber auch: Soll der nach der WM 2026 in der Schweiz auslaufende Vertrag verlängert werden, muss Kreis in der Olympia-Saison liefern und den leichten Negativtrend stoppen. Man habe Gespräche geführt, „wie wir weiterkommen wollen“, sagte DEB-Sportdirektor Christian Künast. Eine endgültige Vertragsentscheidung soll nach Olympia, aber noch vor der nächsten WM im Mai fallen. „In dem Bereich, in dem wir arbeiten, sind ja alle Ergebnisse von heute Makulatur, wenn irgendwas in eine andere Richtung geht“, meinte Künast. Der Trainer hat ab sofort wieder die Chance, Pluspunkte zu sammeln. Die Saison beginnt auf Nationalmannschaftsebene traditionell mit dem Deutschland-Cup im November, der in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge in Landshut ausgetragen wird. Vom 5. bis 9. November misst sich die DEB-Auswahl der Männer zuerst mit Turnierneuling Lettland (6. November). Anschließend kommt es zum Nachbarschaftsduell mit Österreich (8. November), und die Partie gegen die Slowakei bildet den Abschluss. Es sind auch die einzigen Testspiele vor dem Saisonhöhepunkt in Mailand.
NHL-Spieler für Olympia gesetzt
Es geht also vor allem ums Einspielen für Olympia, aber auch ein wenig um Revanche. Nach drei deutschen Siegen in Serie beim Vierländer-Turnier hatte im Vorjahr die Slowakei triumphiert. Diesmal soll wieder die deutsche Hymne bei der Siegerehrung gespielt werden. Dafür nominierte Kreis einen erfahrenen Kader, in dem Kapitän Moritz Müller (212 Länderspiele), Yasin Ehliz (118) und Dominik Kahun (109) als Leistungsträger vorangehen sollen. Profis aus der Profiliga NHL sind keine am Start. Die Saison in Nordamerika wird für den Deutschland-Cup natürlich nicht extra unterbrochen. Doch die Stars Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Moritz Seider (Detroit Red Wings), Tim Stützle (Ottawa Senators), Philipp Grubauer (Seattle Kraken), Lukas Reichel (Chicago Blackhawks) und Nico Sturm (Florida Panthers) werden bei Olympia dabei sein; der DEB hat diese Profis schon im Juni auf die vorläufige Nominierungsliste gesetzt. „Sie sind gesetzt“, bekräftigte Kreis nun noch einmal. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren werden NHL-Spieler wieder am Männerturnier bei Olympischen Spielen teilnehmen, nachdem sich die Profiliga und das Internationale Olympische Komitee in der kniffligen Versicherungsfrage geeinigt haben.
Die Vorfreude auf das Turnier ist dadurch noch einmal enorm gestiegen; es wird ein Eis-Spektakel mit Ausnahmekönnern wie Draisaitl, Connor McDavid (Kanada) und Roman Josi (Schweiz) erwartet. Doch entsprechend geringer sind auch die Chancen für DEL-Profis, den Sprung zu Olympia zu schaffen. Der Deutschland-Cup bietet hier die große Möglichkeit, nachhaltig für eine Nominierung zu werben.
Beim Olympia-Casting sind aber gar nicht so viele junge Spieler dabei wie in den Vorjahren, denn drei Monate vor dem Saison-Highlight ist das Einspielen wichtiger als die Talentförderung. Er könne in Landshut auf einen „sehr starken Kader“ zurückgreifen, meinte Kreis. Etwas überraschend fehlen im Aufgebot die Profis von Meister Eisbären Berlin wie Jonas Müller und Frederik Tiffels. Kreis begründete dies mit „Rücksicht wegen der Belastung und Verletzungen“. Eisbären-Kapitän Kai Wissmann, der auch im DEB-Team in der Abwehr eine herausragende Rolle einnimmt, fehlt wegen seiner Langzeitverletzung. Sportdirektor Künast will beim Deutschland-Cup vor allem zwei Dinge von der deutschen Mannschaft sehen: Kompaktheit und Geradlinigkeit. Beides hatte der Ex-Profi bei der vergangenen WM vermisst, was intern als Hauptgrund für das frühe Ausscheiden ausgemacht wurde. Beide Dinge hätten Eishockey-Deutschland „in den letzten Jahren immer ausgezeichnet und diesmal gefehlt“, sagte Künast: „Wir waren nicht so gefährlich wie in den letzten Jahren, weil der erste Gedanke nicht Torabschluss war, sondern ein Pass, wenn wir über die blaue Linie gekommen sind.“ Die jüngsten Pleiten bei der WM gegen die Topteams Schweiz (1:5), USA (3:6) und Tschechien (0:5) legen die Vermutung nahe, dass der Abstand zur absoluten Weltspitze eher wieder angewachsen als geschmolzen ist. Doch so weit will Künast mit seiner Analyse nicht gehen, und eine ernsthafte Krise erkennt er auch nicht. „Wir sind Achter in der Weltrangliste, in der neuen auch – und da gehören wir hin.“ In der aktuellen Lage könne das DEB-Team zwar unter gewissen Umständen gegen die Nummer zehn, elf, zwölf oder 13 verlieren, aber eben auch „mal die Nummer eins, zwei, drei, vier oder fünf schlagen“.
MacLeod setzt auf bewährte Kräfte
Dafür bedarf es aber eines exzellenten Coachings an der Bande. Kreis geht mit seinem Hauptassistenten Alexander Sulzer sowie mit Marc French (Assistenztrainer), Dimitri Pätzold (Torwarttrainer), Adam Mitchell (Videotrainer) und Hendrik Kolbert (Athletiktrainer) ins Vierländer-Turnier. Besonders wichtige Erkenntnisse erhofft sich der Staff aus der Eröffnungspartie gegen Lettland, da dieser Gegner auch bei Olympia auf Deutschland wartet. Weitere Vorrundengegner sind dann bei den Winterspielen die Dänen, die für das frühe WM-Gruppen-Aus des deutschen Teams gesorgt hatten, sowie der Weltmeister USA. Eine extrem herausfordernde Gruppe also, in der für ein Weiterkommen alles passen muss. Der Deutschland-Cup ist da ein guter Härtetest. Bei der 36. Auflage des Traditionsturniers gehen aber nicht nur die Männer aufs Eis. Auch die Nationalmannschaft der Frauen präsentiert sich in Landshut für einen Vierländer-Vergleich den Fans. Die Doppelveranstaltung hat schon in den zwei Vorjahren gut funktioniert und vor allem den Frauen deutlich mehr Aufmerksamkeit verschafft. „Wir freuen uns auf die Fans und die Atmosphäre in Landshut; der DEB bietet uns hier eine große Bühne, die wir überaus schätzen“, sagte Frauen-Bundestrainer Jeff MacLeod. Angreiferin Laura Kluge bekräftigte, dass das Team die Kulisse „nicht als Selbstverständlichkeit“ erachte. Man sehe sie als Ansporn, „Leistung aufs Eis zu bringen. Für uns ist das eines der größten Turniere, und wir wollen zeigen, dass wir es auch gewinnen können.“ Anders als die Männer gehen die Frauen als Titelverteidigerinnen ins Rennen. Sie messen sich mit Frankreich, Ungarn und der Slowakei. Die Französinnen werden am 9. Februar in der Milano Rho Ice Hockey Arena auch Gegner beim olympischen Turnier sein.
MacLeod setzt in Landshut auf bewährte Kräfte; 17 der 23 nominierten Spielerinnen standen auch bei der diesjährigen WM in Tschechien im Aufgebot. Unumstrittene Führungsspielerin ist Kapitänin Daria Gleißner. Ihr Debüt im DEB-Trikot werden die Youngster Aileena Dopheide und Mathilda Heine geben. Da die College-Saison in den USA bereits seit Anfang Oktober wieder läuft, sind die Zwillinge Lilli und Luisa Welcke in Landshut nicht dabei. Sie hatten das deutsche Team mit ihren Toren zum Olympia-Ticket geschossen.
Andere Leistungsträgerinnen wie Katarina Jobst-Smith und Jule Schiefer fehlen aufgrund von Verletzungen. „Wir hoffen, dass diese wichtigen Spielerinnen rechtzeitig wieder fit sind für die kommenden Aufgaben“, sagte Coach MacLeod. „Das gibt wiederum einigen Spielerinnen die Chance, sich auf der internationalen Bühne zu zeigen und in die Teamstrukturen zu integrieren, sodass sie sich auch für Olympia empfehlen können.“ Beim Deutschland-Cup wolle man „an unserer Siegermentalität arbeiten und den positiven Weg der vergangenen Auftritte konsequent fortsetzen“. Die große Aufmerksamkeit und der eher ungewohnte Medienrummel rund um das Turnier seien dabei „ein guter Stresstest für uns“, meinte der Frauen-Bundestrainer.